Fotoseminar mit Dennis Keller|15.9

Am 15. September findet unser Fotoseminar für Einsteiger mit Dennis Keller von Ungekocht Geniessbar statt. In den Chilly-Redaktionsräumen (Mainzer Straße 30 in Saarbrücken, neben Kletterzentrum) | 10-15 Uhr Anmeldung unter: post@chilly-magazin.de

27.05.2007
Ein Tag mit Sozialpädagoge Swen Sesterhenn

Acht Uhr vierzig. Swen Sesterhenn schließt sein Büro im Landratsamt St. Wendel auf. „Erst mal ankommen“. Er legt seine Tasche weg, hängt die braune Wildlederjacke über ein Holzregal an der Zimmerwand. Die ersten Tätigkeiten des Morgens sind die großen Eisenschränke aufsperren, den Laptop hochfahren und die E-Mails lesen.

Auf seinem Schreibtisch liegt ein Fax von der Polizei. das schon am vergangenen Abend gekommen ist. Im Einsatzbericht der Beamten geht es um einen alkoholisierten Mann, der seine Frau bedrohte, die ihm wohl mit einem Besenstil einen Schlag auf die Nase gab. Als die Beamten eintrafen, war die Mutter mit ihrem Sohn in eine Nachbarwohnung geflüchtet. Nach deren Aussagen hatte der Vater drei bis fünf Flaschen Wodka getrunken.
Sesterhenn sitzt an seinem Schreibtisch, liest das Fax, nimmt sich den Telefonhörer und fragt nach: „Wer kann mir denn beantworten, was ein Atemalkoholwert von 0,8 mg/l bedeutet?“

Ist ein Kind in einen solchen Fall involviert, wird der Polizeibericht immer ans Jugendamt weitergeleitet, sollte er zumindest, sagt Swen Sesterhenn.
Die Situation sei vorerst geklärt. Die Beamten hätten dem Mann ein Wohnungszutrittverbot erteilt, deshalb bestände zurzeit keine Gefährdung für das Kind. „Ich werde mich mit meinen Kollegen beraten.“ Den ersten Besuch wird er der Familie zusammen mit einem Mitarbeiter abstatten und versuchen, sich ein Bild von der Situation zu machen. Reicht es der Familie Hilfe anzubieten oder ist das Wohl des Kindes gefährdet? Müssen die Beamten tätig werden?
Doch auch wenn das Jugendamt nicht zum Einschreiten gezwungen ist, sondern hilft, weil die Eltern darum bitten, gilt: „Manchmal haben Eltern andere Vorstellungen, als man selbst, als professioneller Helfer.“ Sesterhenn sagt, das betroffene Eltern ihre Ziele gelegentlich niedriger ansetzen als er es tut.
Kurz danach ruft ihn ein Arzt an. Der erklärt ihm, wenn man den Betrag der Atemalkoholkonzentration verdoppelt, kommt man auf den Promillewert im Blut, das bedeutet 1,6 Promille. Sesterhenn ist überrascht.

Swen Sesterhenn ist 31 Jahre alt. Er hat drei Ohrringe im linken Ohr, zwei davon im Ohrläppchen, der dritte im oberen Knorpelrand. Wenn sie einem zum ersten Mal ins Auge fallen, ist man überrascht, sie an ihm zu finden. Ein großer kräftiger Mann mit dunklem, schwarzem Vollbart. Der Diplomsozialpädagoge ist seit 2001 beim Jugendamt. Swen Sesterhenn selbst hat keine Kinder.

An der Wand seines Büros hängt ein kleiner, von der Sonne verblichener Zettel. „Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: / Die Sterne der Nacht, / die Blumen des Tages, / die Augen der Kinder“ von Dante Alighieri. Den hat er einmal auf einer Weihnachtskarte bekommen und gleich an die Wand gehängt. Er mag die Unschuld der Kinder und die Motivation für seine Arbeit, die er darin findet.

Neun Uhr dreiundvierzig. Die erste Kundin des Tages meldet sich per Telefon. Sie fragt, ob ein Vater, wenn er sein Kind abholt, es auch wieder selbst zurückbringen muss oder ob sie, die Mutter, dafür zuständig ist. Sesterhenn erklärt alle Facetten, die solche Fragen bergen.
Währenddessen spielt er mit einer kleinen Holzfigur, die rot-weiß lackiert an einer Feder von seiner blau-transparent Plastik-Schreibtischlampe herunterhängt.
Die Mutter spricht mit Sesterhenn über das, was ihr auf der Seele brennt.  Der Vater hätte sich noch nie für das Kind interessiert, würde jedes Wochenende saufen gehen, in der Schule gibt’s Probleme. Sesterhenn hört zu, beantwortet die Fragen ausführlich und differenziert, mitfühlend und ruhig, überlegt, dabei niemals sentimental, sondern immer nüchtern sachlich. Er nimmt sich Zeit, gibt praktische Ratschläge, zeigt aber die Grenzen auf, wo der Einflussbereich von Mutter und Amt aufhört – ob das der Mutter gefällt oder nicht.
Man hört ihre Wut und man hört, wie gut es ihr tut, mit jemandem zu reden, der ihr zuhört und der ihr das Gefühl gibt, sie zu verstehen.

Er ist Telefonseelsorger, auch wenn er sich nicht als solcher sieht. Wenn irgendjemand Probleme in der Familie hat und Hilfe braucht, aber nicht weiß, wo er die finden kann, ist Sesterhenn meist die erste Anlaufstelle. Und Sesterhenn weiß Rat.

Spricht man ihn auf die aktuelle Diskussion um Jugendämter an, sagt er: „Ein Fall Kevin wird hier nicht passieren. Wir haben Standards und Handlungsschritte.“ Sesterhenn sagt aber auch, dass das Jugendamt keine Chance hat, wenn Problemfamilien nicht bekannt sind und es keine äußeren Hinweise darauf gibt. „Das wird es immer geben. Das gehört zum Lebensrisiko, das hat man nicht unter Kontrolle.“

Er erklärt die Grenzen, die dem Amt gesetzt sind, ab wo sie nicht mehr eingreifen können. „Ein Kind hat kein Recht auf die bestmögliche Erziehung, sondern nur auf eine Erziehung ohne Gewalt und auf eine gesicherte Versorgung.“ Kein Kind darf aus einer Familie genommen werden, nur weil es irgendwo bessere Pflegeeltern geben könnte.
Wie könnte das Jugendamt effizienter arbeiten? Sesterhenn rückt mit konkreter Kritik nicht heraus, spricht lieber von der Schnürung eines „Gesamtpaketes“. Er sagt, was es wirklich braucht, ist ein gesamtgesellschaftlicher Wandel. Zwangsuntersuchungen für Kinder sind nur politische „Schnellschüsse“. „Auch da bleiben Zeitspannen, in denen etwas passieren kann.“

Sein Gesamtpaket sieht eine „gesunde Familienpolitik“ vor, ohne Armut, aber dafür mit Bildung und realen Chancen auf Arbeit.

26.05.2007
Formel 1

Viele begeisterte deutsche „Schumi“-Fans trauern um ihr einstiges Idol, das im Oktober 2006 nach seinem letzten Formel 1 Rennen in Brasilien, Sao Paulo zurückgetreten ist. Eine Ära ging zu Ende, aber neue Helden werden geboren. Viele Experten sehen jetzt die Zeit des BMW-Fahrers Nick Heidfeld, der in Australien, Malaysia und Bahrain mehr als überzeugen konnte, gekommen. Viele der deutschen Formel 1 Anhänger stecken nun ihr Vertrauen in den Newcomer „Quick Nick“, wie Heidfeld passenderweise genannt wird.
Trotz des Pechs des vergangen Sonntags in Barcelona (GP von Spanien) vertraut der junge Deutsche weiterhin auf sein Können und blickt selbstbewusst in die Zukunft: „Beim Boxenstopp gab es ein Problem. Das Rad vorne rechts war nicht fest. Wir müssen schauen, wie das passiert ist. In den ersten 24 Runden bis zum Stopp sah es super aus. Ich bin einen langen ersten Stint gefahren, und auch mein zweiter wäre lang geworden. Außerdem war Alonso mit den härteren Reifen in seinem zweiten Stint nicht besonders schnell. Es gab für mich eine Chance, aufs Podium zu fahren.“, so Heidfeld nach dem Rennen in Barcelona.Heidfeld profitierte auch von der guten Arbeit der BMW-Sauber Ingenieure die über die Winterpause fantastische Arbeit mit dem Werksauto F1.07 geleistet haben. Durch das Auto und die Tatsache, dass BMW-Sauber mit Nick Heidfeld und Robert Kubica ein junges und talentreiches Fahrerduo hat, ist es gelungen bis auf wenige zehntel an die Topteams Ferrari/McLaren heranzukommen. Man kann sagen BMW ist das „Überraschungsteam“ der Saison 2007 und verdient das Prädikat „Geheimfavorit“. „Dass es Nick in Bahrain aus eigener Kraft gelungen ist, Fernando Alonso zu überholen, war ein feierlicher Moment. Es hat uns selbst etwas überrascht, dass wir die Favoriten jetzt schon so unter Druck setzen konnten“, meint BMW-Motorenchef Dr. Mario Theisen.„Quick Nick“ konnte bisher Kubica im internen Machtkampf um die „Nummer 1″ im Team klar schlagen. Dies ist sehr wichtig, das weiß auch Heidfeld, denn der vermeintlich Schlechtere der Beiden muss Ende der Saison Platz für ein weiteres deutsches Rennfahrertalent Platz machen: Sebastian Vettel. Mit Vettel würde die der schnellste Zirkus der Welt noch einen deutschen Fahrer gewinnen und das zeigt, dass die Deutschen in der Zukunft auf jeden Fall vorne mitmischen werden. Das kann nur zu Gunsten der Fans sein.
Weitere Informationen:

 

http://www.active-steering.comhttp://www.nick-heidfeld.dehttp://www.heidfeld-fanclub.de

25.05.2007
And the winner is…Barbara!!!

Endlich war es gestern soweit! Hana, Barbara und Anni haben ein letztes Mal alles gegeben, um die Jury davon zu überzeugen, dass eine von ihnen das Zeug zu Germany´s Next Topmodel 2007 hat.
Die Mathematikstudentin Barbara aus Regensburg hat es schließlich geschafft: Sie ist Germany’s next Topmodel 2007. „Barbara hat die größte persönliche Entwicklung durchgemacht: Von einem schüchternen Mädchen zur selbstbewussten Frau. Barbara hat einfach eine tolle Ausstrahlung, sie hat uns gezeigt, dass sie viele verschiedene Facetten hat,“ schwärmt Heidi Klum.
Barbara kann sich nun auf dem Cover der COSMOPOLITAN bewundern und steht ab sofort bei der weltgrößten Model-Agentur IMG unter Vertrag. Außerdem wird sie auch das neue Gesicht der C&A-Werbekampagne.

Ihre Konkurrentinnen Anni und Hana hatte letztendlich keine Chance gegen die hübsche Rothaarige aus Bayern. Hana schied als Dritte aus dem Wettbewerb, Anni darf sich über einen sehr guten zweiten Platz freuen. Hana war zudem in den letzten Tagen wegen Nacktaufnahmen negativ in die Schlagzeilen geraten.

24.05.2007
Eine sehr deutsche Krankheit

Wie führende Wissenschaftler nun nach Jahren, ach was, Jahrzehnten, nach unendlichen Studien, Berechnungen, Deutungen und Vermutungen herausgefunden haben, gibt es sie wirklich: Morbus Amtus, die „Amts-Krankheit“.
Jeder Mensch, ob er es will oder nicht, wird im Laufe seines Lebens mit ihr konfrontiert, bei einigen springt der Erreger früher über, bei anderen später. Doch wie ich an mir erfahren musste, zählt sie zu den heimtückischsten, den gefährlichsten, im Unterbewusstsein rumorenden Krankheiten. Und das Schlimmste: Ist man erst mal infiziert, so bleibt die Krankheit meist ein Leben lang.

Ein jeder Jugendlicher, eine jede Jugendliche kommt einmal im Leben in die mehr oder minder schöne, in jedem Fall aber einmalige Situation, seinen / ihren sechzehnten Geburtstag vor der Tür stehen zu haben. Die meisten denken dann wahrscheinlich: Toll, mit Sechzehn darf ich mir endlich die verbotenen Filme im Kino ansehen (dann die ab 18), mit Sechzehn darf ich einen Roller fahren (so’n richtigen, nicht zum Treten) und mit Sechzehn darf ich heiraten (wenn die Eltern nix dagegen haben!). Kaum einer wird in diesen Tagen vor Vergnügen in die Luft springen und ausrufen: „Yeah, Leute, mit Sechzehn bekomme ich endlich einen neuen Ausweis!“. Vielleicht ist es das schon, diese von Grund auf leicht negative, zumindest mal nicht sonderlich positive, Einstellung gegenüber der folgenden Angelegenheit: Rechtzeitig vor dem sechzehnten Geburtstag muss man seinen Ausweis verlängern lassen, das heißt, den Kinderausweis gegen einen neuen echten Personalausweis eintauschen. Nur, dieses „Eintauschen“ bedeutet für den Jugendlichen eigentlich nur eines: Aufwand. Denn es ist leider (noch) nicht möglich, seine neuen Papiere per SMS, Mail oder auch ein klassisches Telefongespräch, nein noch nicht mal per Brief anzufordern. Schlimmer, der Jugendliche muss raus, raus auf die Straße und dann zum Amt.
Auch bei mir war es an der Zeit, genauer Mitte Januar, der Geburtstag rückte näher, zum März sollte mein Kinderausweis ungültig werden.

– Das Folgende beschreibt nun einen gnadenlosen Selbstversuch, Morbus Amtus fällt über mich herein, so viel sei verraten. Wenn es Dir zu grausam wird, hör’ am besten auf zu lesen! –

Mitte Januar
Ich gehe also voll guter Erwartungen, ich würde sagen, von der Stimmung her neutral bis gut gelaunt in dieses Amt, dieses sogenannte Bürgeramt, über das ich mich beim allerersten Kontakt, einem telefonischen, leicht gewundert habe: Wer hätte gedacht, dass diese Anstalt jeden Tag verschiedene Öffnungszeiten hat. Nun gut. In der Eingangshalle erwartet mich eine bronzefarbene Wandtafel mit Stockwerk- und Abteilungsbezeichnungen, von Ausweisen steht nirgendwo etwas, aber von einer Information. „Prima“, denke ich, noch ist mir kein Mitarbeiter, kein Besucher begegnet: Ansteckungsgefahr also sehr gering. An der Info verweist man mich ins Wartezimmer, doch bevor ich das betreten kann, muss ich noch ein Märkchen ziehen. Das kenne ich schon, von der Käsetheke aus dem Supermarkt. Im Warteraum blinkt alle paar Minuten eine Anzeigetafel auf, nach kaum zehn Minuten ist es meine Nummer, die zusammen mit dem Verweis auf Platz 15 erscheint. Ich freue mich über das frühe Drankommen und bewege mich in Richtung Platz 15: Ich gelange in ein Großraumbüro, an Platz 15 erwartet mich eine Frau, die Sachbearbeiterin, am Schreibtisch, zwischen Kaffee, Palmen, Computer und Formularen. Was ich laut Telefonangabe mitbringen sollte, ein Passfoto und meinen alten Ausweis, lege ich auf den massiven grauen Schreibtisch zwischen Miss Amt und mir. Ich erläutere ihr mein Problem. Sie schaut im ersten Augenblick etwas misstrauisch, leicht unbeteiligt bis uninteressiert. Die Ansteckungsgefahr muss in diesem Moment unbeschreiblich hoch sein. Miss Amt erklärt, dass ich ja noch viel zu früh dran sei. Wenn mein Pass erst zum März ungültig werde, was habe ich dann Mitte Januar schon hier zu suchen. Na ja. Ich habe ja keine Ahnung, wie lange es braucht, bis so ein Ding fertig ist, meine ich, und, dass ich im April in Ferien fliegen möchte und da bräuchte ich dann schon einen gültigen Ausweis. Miss Amt meint, dass das Ding bis dahin längst fertig wäre, ich müsste halt später noch mal kommen. Ach ja, und dann tut sie doch noch so etwas wie einen freundschaftlichen Dienst, damit sich die Mühe des „Amtganges“ für mich doch noch gelohnt hat: Sie überprüft die Größe meines Passfotos, das zum Glück trotz gegenteiliger Behauptung durch die Kollegin vom Nachbarschreibtisch die vorgeschriebenen Maße nicht überschreitet. So. Ganz kollegial läuft in diesem Großraumbüro anscheinend alles ab, denn bei jedem Fall wird der Nachbar mit zu Rate gezogen. Ich frage mich, warum man nicht gleich ein Märkchen für zwei Sachbearbeiter zieht.

Wieder draußen!
Mich hat’s erwischt. Ich wusste es ja, hab schon von zahlreichen Fällen gehört. Man kann noch so gut gelaunt reingehen, wenn du rauskommst, bist du infiziert. Morbus Amtus tobt sich in deinem Körper aus. All die Unfreundlichkeit, Penetranz, Sturheit ist von dem infizierten Haufen Sachbearbeiter auf mich übergesprungen. Langsam lasse ich meine Aggressionen gegen das Amt ab. So hat die Welt wieder einen Amtskranken mehr, Deutschland wir danken dir.

Mitte Februar
Ich bin wieder da. Heute muss ich noch kürzer warten. Wahnsinn. Ich find’s klasse. Diesmal schickt mich die Anzeigetafel mit meinem Käsezettel, Passfoto und altem Kinderausweis auf einen anderen Gang, Großraumbüro 2…und natürlich zu einer anderen Sachbearbeiterin. Miss Amt 2 freut sich natürlich riesig, dass sie gleich nach ein paar Minuten Kaffeepause schon wieder jemanden „bedienen“ darf, tja, und ich krame mein Material raus und trage mein Anliegen vor. Das erste, was ich zu hören bekomme ist, dass das Foto zu groß sei. Hoho, denke ich, hört hört! Ich erwidere, dass man mir das letzte Mal bescheinigt, ja sogar mit einem Apparat überprüft habe, dass das Foto nicht zu groß sei. Aber das interessiert mein Gegenüber nicht, ich kann überhaupt keine Reaktion erkennen. Langsam aber sicher steigen leichte Aggressionskrämpfe wieder in mir hoch, Morbus Amtus lässt mein Gehirn kochen.
Was soll das eigentlich? Die Sachbearbeiterin verschwindet mal schnell, um eine Kollegin zu befragen, „weil nur die das entscheiden darf“. Wie, was jetzt? Ob das Foto Überlänge hat oder nicht? Schon nach wenigen Minutenbruchteilen ist Miss Amt 2 zurück am Schreibtisch. Also, da hilft nur eins, verrät sie mir, wir müssen das Foto beschneiden. Den ärztlichen Eingriff erledigt sie mit einer handelsüblichen Amtsschere. Fertig. Ich staune nur noch und frage mich, ob mir das gleiche Szenario vielleicht auch auf Flur 1 passiert wäre. Jetzt geht’s ans wirklich Wichtige: Sie hackt meine Ausweis-Nummer in den Rechner, ich kontrolliere die Richtigkeit der Daten. Größe und Augenfarbe darf ich selbst angeben. „Einsdreiundsiebzig“, sage ich.
Ich hätte genauso gut „fünfachtundneunzig“ sagen können. Miss Amt 2 interessiert das nicht, sie hört weg, im Ausweis scheint das egal zu sein und ich hebe mir den Versuch mit „fünfachtundneunzig“  für die nächste Pass-Verlängerung auf. Aber bei der Augenfarbe wird sie genau: Unter dem Motto „Ich schau Dir in Augen, Kleiner“ guckt sie genau, ob ich ihr bei dem schlechten Bürolicht nicht irgendwas Falsches erzähle. „Blau“, sage ich. Sie guckt, sagt nichts, tippt ein. Ja, denke ich, ja, „Blau“, die Augenfarbe, das wird es später irgendwann einmal sein, das entscheidende Merkmal, das meinen Ausweis als nicht gefälscht enttarnen wird. Oder das Merkmal, das mich beim Flugzeugeinchecken vom gesuchten marokkanischen Superterroristen unterscheiden wird. Die Daten hätten wir. Jetzt noch eine Unterschrift und das wär’s.
Wann bekomme ich meinen fertigen Ausweis? Och, so in 2 bis drei Wochen spätestens, lautet die Antwort. Ich würde per Postkarte, die als Abholbenachrichtigung gilt, informiert. Sobald das Ding aus der Bundesdruckerei zurück im Amt sei, komme Post. Welch ein Service, denke ich. Das ist doch mal was. Warum könnte man den Ausweis dann eigentlich nicht gleich mitschicken? Aber ich vergesse in meinem Übermut und meiner Krankheit beim Verlassen des Amtes ganz, dass es sich um die Ausstellung eines sehr, sehr wichtigen offiziellen Dokuments, des Personalausweises, handelt.

Mitte März
Seit zwei Wochen warte ich nun schon vergeblich auf etwas, das nach Postkarte aussieht und vom Amt zu kommen scheint. Weder das eine noch das andere traf bisher zu, heute reicht’s mir. Mehr als ein Monat ist vergangen und ich brauche langsam Gewissheit, dass mein Ausweis zum Fliegen da ist. Also krame ich im Telefonbuch noch mal die Nummer vom Bürgeramt heraus und erreiche nach einigen Besetztzeichen eine freundliche Frauenstimme. Innerlich rätsele ich, ob es sich womöglich um Miss Amt 1 oder Miss Amt 2 handeln könnte, verwerfe aber den Gedanken und erkundige mich danach, wo mein Ausweis steckt. Die freundliche Stimme meint, dass sie mich da zu Frau Soundso weiterverbinden müsste, die sei da zuständig. Ich warte. Ich werde anscheinend ohne Erfolg einige Mal hin- und herverbunden, es knackt und gibt abgehackte Musik. Dann kommt die Frauenstimme wieder, ob ich noch dran sei. Ja, meine ich, so weit ist die Krankheit bei mir schließlich noch nicht fortgeschritten, als dass ich nicht noch ein paar Sekunden verkorkste Weiterverbindung durch das Amt überstehen würde. Letzteres denke ich nur. Sie schaffe es gerade nicht, mich weiterzuverbinden (grundlos anscheinend), fönt es mir ins Ohr. Ich bekomme eine Nummer zur Direktdurchwahl zu Frau Soundso, lege auf und denke mir: Es ist schon lustig, da ist jemand zum Telefondienst eingeteilt und schafft es noch nicht einmal weiterzuverbinden.
Ein bisschen später habe ich die Soundso an der Strippe. Klar, mein Ausweis sei da, heißt es, nachdem ich nur meinen Namen und mein Geburtsdatum genannt habe, wie selbstverständlich. Amt, ich komme!
Diesmal brauche ich kein Käsemärkchen zu ziehen, sondern kann mein Dokument direkt vorne an der Information abholen. Hier scheint sich so kurz vor dem Ziel noch eine letzte Hürde aufzubauen: Die (fehlende) Abholbenachrichtigung!
Ein Sachbearbeiter (Mister Amt 1) hat folgende Position: Ohne Abholbenachrichtigung kein Ausweis, ohne Ausweis keine Abholbenachrichtigung. Dass ich zwar einen Ausweis habe, der nur noch Meter von mir entfernt sein kann, dass ich aber keine Postkarte bekommen habe, schiebe ich vor. Dann müsse ich mich halt ausweisen, sagt Mister Amt 1. Na also, es geht doch, denke ich und zücke den Kinderausweis. Und dann ist es endlich so weit: Ich tausche meinen alten Fetzen gegen eine neue Plastikkarte, meinen Personalausweis. Dankend und verabschiedend verlasse ich die Information und stürme zur Tür hinaus.
Ein klein bisschen triumphierend halte ich mein kleines Kärtchen, auf dem tatsächlich alle Daten richtig aufgedruckt sind, in die Höhe und lasse das Hologramm in der Sonne spiegeln. Zwei Monate Aufwand für 106 mal 79 Millimeter.
Eigentlich bin ich gesund, stelle ich fest. Als ich das Gültigkeitsdatum entdecke, weiß ich auch schon, bis wann. Hoffentlich schlägt sie nicht vorher noch ein Mal zu: Morbus Amtus.

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