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25.01.2007
Eine Seuche unserer Zeit

Mitte des 13. Jahrhunderts wütet in Mitteleuropa der Schwarze Tod. Durch Ratten übertragen, breitet sich die Pest rasend schnell aus und fordert etwa 25 Millionen Todesopfer, was einem Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung entspricht. Vor allem arme Familien waren dank der mangelhaften Hygiene damals betroffen.  Anfang des 20. Jahrhunderts sterben mehr als 25 Millionen Menschen, meist zwischen 20 und 40 Jahren, an der Spanischen Grippe, verursacht durch eine ungewöhnliche Art des Influenzavirus.  Ebenfalls durch einen Influenzavirus ausgelöst ist die Asiatische Grippe, die 1957 ihren Ursprung in China hatte und weltweit über eine Millionen Opfer fordert.  Eine Seuche unserer Zeit ist AIDS. Am 1.Dezember wurde auch in diesem Jahr der Weltaidstag begangen, an dem weltweit zu mehr Solidarität gegenüber Opfern der Pandemie AIDS aufgerufen wurde. Das Thema in diesem Jahr war „Gemeinsam gegen Aids: Wir übernehmen Verantwortung – für uns selbst und andere“. In diesem Zusammenhang fanden auch im Saarland mehrere Benefizveranstaltungen statt, zum Beispiel die Aufführung der Oper „Norma“ von Bellini im Staatstheater Saarbrücken sowie wurden Informationsstände und Aktionen in der Bahnhofsstraße in Saarbrücken aufgebaut bzw. veranstaltet. Doch was ist AIDS überhaupt? Woher kommt es und was kann getan werden?  AIDS ist die Abkürzung für „Acquired Immune Deficiency Syndrome“, was auf Deutsch in etwa „erworbenes Immundefektsyndrom“ bedeutet. Es bezeichnet eine Kombination von Symptomen, die nach einer Infizierung durch den HI-Virus auftreten. Dieser Virus greift direkt unser Immunsystem an, sodass die Infizierten langsam an Krankheiten sterben, die ihnen normalerweise nichts anhaben könnten. Die Menschen werden also beispielsweise anfälliger für Tumore oder eine durch Parasiten übertragene Lungenentzündung, die PcP genannt wird. Es kann allerdings zwischen einigen Monaten bis zu mehreren Jahren dauern, bis ein Mensch nach der Infizierung durch den Virus an AIDS erkrankt und stirbt. Auch ist der Krankheitsverlauf von Fall zu Fall unterschiedlich.Übertragen wird der HI-Virus meist über Blut, Sperma oder Vaginalsekret, nicht aber durch Hautkontakte oder über den Mundspeichel. Das bedeutet, dass HIV leicht durch sexuelle Kontakte mit einem Infizierten, das gemeinsame Benutzen von Spritzen (z.B. bei der Injektion von Drogen in die Blutlaufbahn) oder in manchen Fällen auch von der Mutter auf ihr Kind übertragen wird. Küssen, Hautkontakte oder das gemeinsame Benutzen von Geschirr mit AIDS-Kranken sind jedoch unbedenklich! Die früheste bekannte HIV-Infektion bei einem Menschen wurde bei einer Blutprobe von einem Mann aus Kinshasa (Kongo) aus dem Jahr 1959 nachgewiesen. Wirklich bekannt wurde AIDS allerdings erst Anfang der 80er Jahre. Der erste Bericht, der auf die Existenz des HI-Virus hinwies, erschien 1981 im Morbidity and Mortality Weekly Report, einem wöchentlichen Bulletin der US-Gesundheitsbehörde CDC. Anfang Dezember desselben Jahres wurde AIDS als eigenständige Krankheit anerkannt. 1988 wurde der Weltaidstag ins Leben gerufen, nachdem sich die Gesundheitsminister verschiedener Nationen auf einem Weltgipfel getroffen hatten und sich für eine solidarische und tolerante Gesinnung gegenüber den AIDS-Opfern und stärkeren Austausch von Informationen bezüglich der Seuche ausgesprochen hatten. 2005 gelang es einem Forscherteam erstmals, nachzuweisen, dass der Virus ursprünglich von Schimpansen auf den Menschen übertragen wurde. In etlichen Proben wurden bei frei lebenden Schimpansen Antikörper gegen SIV (die Schimpansenversion von HIV) nachgewiesen. Ursprünglich sollen sich die Schimpansen jedoch bei anderen Affenarten angesteckt haben. HIV hat also schon zweimal die Artengrenze übersprungen, einmal vom Affen auf den Menschenaffen und von diesem dann auf den Menschen, wo er dann zum AIDS verursachenden HIV mutiert ist. Wie diese Übertragung jedoch stattfand und wie der Retrovirus ursprünglich entstand ist jedoch immer noch unklar.  Trotz intensiver Forschung ist es bisher auch nicht gelungen, einen Impfstoff gegen AIDS zu entwickeln oder einen Infizierten vollständig zu heilen, den Virus also ganz aus dem Körper zu entfernen. Das Problem ist, dass die HI-Viren so genannte Retroviren sind. Das bedeutet, dass sie ständig mutieren, also ihre Erbinformationen verändern, und sie so gegen Medikamente, die den Virus direkt angreifen, resistent werden. Es gibt allerdings inzwischen Medikamente, die den Krankheitsverlauf verzögern und so die Lebenserwartung der Infizierten erhöhen können. Wie alle Viren benötigt HIV so genannte Wirtszellen, an die es „andockt“. Dann schleust es seine eigene Virenerbinformation in die befallenen Zellen ein, sodass diese fortan weitere Viren produzieren. So pflanzt sich der Virus sehr schnell im Körper fort. Die unterschiedlichen Wirkstoffe setzten an verschiedenen Punkten dieses Ablaufes an und werden so in verschiedene Gruppen unterteilt. Es gibt zum Beispiel die so genannten Entry-Inhibitoren, die nicht auf den Virus selbst, sondern auf die Zellwand wirken und so dem Eindringen der Viren in die Zellen vorbeugen können. Ein Medikament besteht also meistens aus einem Cocktail verschiedener Wirkstoffe, die in ihrer Kombination der Entwicklung des Virus und damit dem Krankheitsverlauf entgegenwirken. Außerdem kann man natürlich direkt gegen die Folgekrankheiten vorgehen, die durch die Schwächung des Immunsystems auftreten. So ist es inzwischen möglich, die Lebenserwartung von AIDS-kranken auf viele Jahre zu vergrößern. Erstere Wirkstoffe sind jedoch meist sehr teuer und müssen von Infizierten regelmäßig und lebenslang eingenommen werden.Das Ziel ist also, Medikamente zu entwickeln, die lebenslänglich wirken, effizienter sowie billiger und damit für einen größeren Teil der Weltbevölkerung zugänglich sind.  Nach den neusten Schätzungen des Robert-Koch-Institutes lebten im Jahr 2006 weltweit etwa 39,5 Millionen Menschen mit HIV bzw. AIDS. Das entspricht in etwa der Hälfte der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Darunter sind 4,3 Millionen Menschen, die sich in diesem Jahr erst neu infizierten. Das sind ungefähr so viele Leute, wie sie in Berlin und dem Saarland zusammengenommen leben.  Die betroffenen Gruppen haben sich im Laufe der letzten 20 Jahre allerdings ebenfalls erweitert. In vielen Staaten betrifft AIDS nun auch zu einem großen Teil Jugendliche und junge Erwachsene – 40% der HIV-Infektionen 2006 fanden bei Menschen zwischen 16 und 24 Jahren statt. Ursprünglich infizierten sich vor allem Homosexuelle, doch nach 1990 waren auch immer mehr Drogenabhängige durch den gemeinsamen Gebrauch von Spritzen betroffen, ebenso wie Prostituierte. AIDS ist heutzutage besonders verbreitet in Ländern, in denen große Armut herrscht, beispielsweise in Süd-Ostasien und in Afrika. (24,7 Millionen der Infizierten leben allein auf dem afrikanischen Kontinent südlich der Sahara.) Die Menschen dort können sich häufig die teuren Medikamente nicht leisten oder diese sind in ausreichenden Mengen überhaupt nicht erst vor Ort vorhanden. Daneben ist AIDS in vielen Teilen Afrikas noch immer ein Tabuthema, während bei uns schon bald nach der Entdeckung des Virus Massenmedien die breite Bevölkerung über die Krankheit und Präventivmaßnahmen informierten. Inzwischen gibt es jedoch verschiede Projekte, beispielsweise von der UN (UNAIDS) oder der WHO (World Health Organisation), die versuchen die Situation in Entwicklungsländern zu verbessern. Beispielsweise werden ausgebildete Ärzte, die für die Verteilung der Medikamente essentiell sind, in die Entwicklungsländer geschickt und die Medikamente selbst kostenlos oder zu weit billigeren Preisen als hier verteilt.  Im Saarland leben etwa 500 Menschen mit HIV bzw. AIDS, 400 Männer und 100 Frauen. Circa 300 Todesfälle waren hier seit dem Beginn der Epidemie zu beklagen, insgesamt 800 Menschen wurden infiziert. Die Neuinfizierungsrate ist im Saarland verglichen mit dem Rest von Deutschland relativ niedrig, doch, wie Gesundheitsminister Josef Hecken anlässlich des Weltaidstages sagte, ist dies kein Grund die Hände in den Schoß zu legen: „Ich bin der Überzeugung, dass die gute Vernetzung der AIDS-Hilfe Saar mit anderen im Gesundheitswesen tätigen Einrichtungen dazu beigetragen hat, die Zahl der Infizierten auf einem relativ niedrigen Niveau zu halten. Dennoch ist ein Infizierter schon einer zu viel.“Die AIDS-Hilfe Saar bietet nicht nur Informationen zur Krankheit AIDS, sondern Unterstützung und Beratung für Betroffene. Auf ihrer Website heißt es „HIV/Aids ist aber neben einer medizinischen immer auch eine soziale Diagnose. Menschen mit HIV und Aids sind nach wie vor von Ausgrenzung und Diskriminierung bedroht.“ Es bleibt zu hoffen, dass die Menschheit AIDS eines Tages überwinden wird, ebenso wie sie die Pest, die Spanische Grippe und andere Seuchen überwand. Der Unterschied zum 13. Jahrhundert ist, dass wir nun in der Lage sind, Opfern tatsächlich zu helfen und effektiv nach Heilmitteln zu suchen. Vor allem aber, dass es tatsächlich weltweit Menschen und Organisationen gibt, die sich für Betroffene einsetzten. Das zeigt, dass wir in den letzten 700 Jahren dann doch sozial gesehen einiges dazugelernt haben.    Katharina  Wenz

19.01.2007
Chronologie einer Musterung

Mein Tag im Kreiswehrersatzamt Saarlouis beginnt um 9 Uhr.
Zuerst melde ich mich im Büro an: Die Dame hinter dem Schreibtisch fragt nach meinem Wohnort, trägt diesen in ihr Computerformular ein, dazu noch meine Kontonummer, denn dorthin bekomme ich meine Fahrtkosten überwiesen – klasse!
Ich erfahre, dass man mich heute Morgen schon angerufen hat, um mich auszuladen, da eine Ärztin krank geworden ist. Offensichtlich zu spät, denn jetzt bin ich schon da.
Danach setze ich mich einige Minuten in den Flur und warte darauf im nächsten Büro meine Personalien zu Protokoll zu geben. Der Mann fragt mich aber noch mehr, danach welche Sportarten ich mache (sogar Schach ist in seinem Computerformular berücksichtigt), welche Sprachen ich kann, ob ich Programmierkenntnisse habe und nach einer aktuellen Schulbescheinigung, die ich vergessen habe mitzubringen und deshalb per Post nachreichen muss.
Als Nächstes gehe ich eine Etage höher, zu den medizinischen Untersuchungen. Zuerst ins „Labor“. Klaus P. bittet mich meine Schuhe auszuziehen, misst meine Körpergröße – für T1 schon viel zu klein – und mein Gewicht, danach ziehe ich mich in die Toilette zurück und versuche eine Urinprobe abzugeben, was ich ohne größere Unfälle bewerkstelligt bekomme. Mein Urin wird dann beispielsweise auf Eiweiße oder auf Blut getestet.
Klaus P. erzählt, dass viele ungewaschen zur Musterung kommen, was die Sache für die Ärzte und Laboranten immer unangenehm macht, wenn die Kandidaten „müffeln“. Sie könnten dadurch aber keine Vorteile bei der Musterung herausschlagen. Viele geben bei ihm im Labor an Drogen zu nehmen. Er sagt von 30 Bewerbern an einem Tag können das schon mal zehn bis 15 sein. In diesem Fall und wenn der Kandidat Berufssoldat werden möchte, muss er eine Blutprobe nehmen. Wird der Drogenkonsum bestätigt, wird die Musterung in etwa einem halben Jahr wiederholt.
Danach setze ich mich zurück in den Flur, bevor ich nach ungefähr 10 Minuten ins nächste Zimmer gebeten werde. Hier führt eine Dame einen gewöhnlichen Sehtest mit mir durch, wie man ihn so ähnlich auch vom Augenarzt kennt. Ich muss in ein Gerät schauen und Zahlen vorlesen. Danach noch ein Blick auf ein Blatt zusammen mit einer Brille, die ich mir anziehe, um meine Fähigkeit Farben zu sehen, zu testen. Beim folgenden Hörtest bekomme ich über Kopfhörer Pfeiftöne eingespielt. Dabei wird die Lautstärke nur langsam höher gedreht. Sobald ich etwas mitbekomme, soll ich Bescheid geben. Hiernach misst die Frau meinen Blutdruck, einmal in Ruhe und dann noch mal nach 20 Kniebeugen. Ich erfahre, dass ich einen niedrigen Blutdruck habe und am besten mehr Kaffee trinken soll. Ich bin mir nicht sicher, was ich von diesem Ratschlag zu halten habe.
Danach wieder zurück in den Flur, bevor ich ein paar Minuten später zum Arzt ins Zimmer gerufen werde. Er fragt mich nach Krankheiten, die in meiner Familie aufgetreten sind, nach Rückenleiden und Astma, nach Zähnen und Zahnspangen und nach Allergien. Hier ziehe ich mein As aus dem Ärmel – so hoffe ich zumindest. Ich habe einen Allergietest und einen Allergiepass dabei, denn Herr P. schon für den Arzt kopiert hat. Auf dem Allergiepass steht, dass ich eine Nickelallergie habe und deshalb allergisch gegen Regale, Büroklammern, Reisverschlüsse, Münzen und Modeschmuck bin – da kann mit der Ausmusterung doch nichts mehr schief gehen. Pustekuchen, der Arzt schaut sich die Kopien gar nicht an, noch nicht mal den Allergietest auf dem Hausstaubmilben und fast das komplette Heuschnupfenprogramm und nicht zu vergessen Katzen aufgeführt sind, sondern fragt mich einfach nach meinen Allergien, ich verweise auf die Blätter, der Arzt meint, ich wisse doch wohl, was mir fehlt. Aus dem Gedächtnis bekomme ich glücklicherweise noch alle Allergien zusammen, was den Arzt aber nicht beeindruckt. Auf meine Katzenallergie fragt er einfach nur: „Wie heißt denn Ihre Katze?“. Danach muss ich mich ausziehen. Mit im Raum sitzt eine Frau, die die seltenen Kommentare des Arztes mittippt. Der Arzt hört mich ab, klopft mich ab, testet meine Reflexe, lässt mich auf einem Bein durch den Raum hüpfen, und greift mir zwischen die Beine. Danach darf ich mich wieder anziehen und das Protokoll der ärztlichen Untersuchung unterschreiben. Meine Tauglichkeitsgrad bekomme ich hier noch nicht gesagt, sondern werde auf darauf vertröstet, es später beim Wehrdienstberater zu erfahren. Ich versuche es trotzdem rauszubekommen: „Das wissen Sie doch jetzt schon!“, ohne Erfolg. Ich gehe zurück in den Warteraum, schaue mir die Unmengen an Bundeswehr-Informationsmaterialien, Broschüren, Magazine und Poster an.
Dann treffe ich den Wehrdienstbeamten. Er teilt mir mit, dass ich T2 gemustert wurde, das heißt, ich bin tauglich. Auf einem Blatt, auf dem dutzende Kästchen finde, in denen teilweise Kreuzchen gemalt sind, erkenne ich mit Hilfe eines anderen Blattes, auf dem die Kreuzchen und Kästchen erklärt sind, welche Tätigkeiten ich bei der Bundeswehr nicht ausüben dürfte. Pilot, Fallschirmspringer und – warum auch immer – Sanitäter zählen dazu. Er legt mir noch andere Blätter vor, an dieser Stelle weise ich ihn darauf hin, dass ich den Kriegsdienst verweigern möchte. Also tauscht er die Blätter gegen andere aus, mit denen ich wieder nach unten, in das Büro, in dem ich schon am Anfang des Tages war, gehe, um dort den Kriegsdienst zu verweigern.
Dort bekomme ich ein weißes Blatt und eine Vorlage auf der steht: „Hiermit verweigere ich den Kriegsdienst mit der Waffe unter Berufung auf Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes.“ Diesen Satz schreibe ich ab und unterschreibe ihn. Einen tabellarischen Lebenslauf und die ausführliche Erklärung meiner Gewissensentscheidung soll ich nachreichen.
Den anschließenden Eignungstest absolviere ich nicht, auf Grund meiner Verweigerung zu diesem Zeitpunkt nicht. Es ist 11 Uhr und ich könnte schon wieder nach Hause gehen.
Mein journalistischer Ehrgeiz treibt mich natürlich dazu, in Erfahrung zu bringen, wie dieser Eignungstest aussieht. Leider darf ich selbst nicht teilnehmen, aber zumindest darf durch ein Fenster in den Prüfungsraum schauen. Dort stehen an Tischen eine Handvoll – vielleicht auch mehr – Computer, an denen spezielle Tastaturen angebracht sind. Speziell, weil in jeder ein Joystick integriert ist.
Das Kreiswehrersatzamt lässt sich in einen Verwaltungsbereich, in dem zum Beispiel die Sekretärin vom Anfang arbeitet, und einen Gutachterbereich aufteilen. Herr H. arbeitet zusammen mit anderen Testleitern und einem Diplompsychologen als Leiter dieser Testabteilung im Gutachterbereich. Er erklärt mir das Vorgehen bei diesen Tests. Der Eignungstest besteht aus drei Wissenstest, bei denen Zusammenhänge zwischen Wortpaaren entdeckt werden müssen, Rechentests und ein Test, bei dem das räumliche Denken anhand von Figuren abgeprüft wird.  Dann gibt es noch Tests, die die Fähigkeit zum logischen Denken abfragen, Rechtschreib- und Wortverständnistests. Zusätzlich gibt es noch Reaktionstests und einen Funkertest. Dann können noch auf den Prüfling zugeschnitten technische, mechanische und physikalische Tests eingestreut werden. Hier werde praxisnahe Fragen gestellt, zum Beispiel welche Form ein Staudamm wohl am besten haben sollte: gerade, konkav oder konvex, und was ist eigentlich konkav und konvex? Der komplette Eignungstest kann bis zu zwei Stunden dauern. Die meisten Prüfungen gehen auf Zeit und viele arbeiten mit dem Multiple-Choice-Verfahren, also wie bei „Wer wird Millionär“. Oft ist es so, dass die Tests adaptiv programmiert wurden, das heißt, wird eine Frage richtig beantwortet, wird die folgende Frage schwerer. Um etwas ins Detail zu gehen, der Reaktionstest: Über Kopfhörer werden Töne eingespielt, hohe und tiefe. Auf der Tastatur steht „H“ für einen hohen Ton, und „T“ überraschenderweise für einen tiefen Ton. Dazu werden auf dem Monitor Symbole eingeblendet: Vierecke, Dreiecke, Kreise und Pluszeichen, die sich ebenfalls auf der Tastatur wiederfinden. Töne und Zeichen werden dann miteinander kombiniert, es können auch zwei Zeichen gleichzeitig erscheinen, zwei Töne allerdings nicht. In viereinhalb Minuten muss der Prüfling dann 64 Kombinationen in die Tastatur hauen. Ich bin immer noch untröstlich, dass ich an diesem Spaß nicht teilnehmen durfte.
Schneidet ein Teilnehmer besonders schlecht hab, aus welchen Gründen auch immer, folgt ein persönliches Gespräch mit einem Psychologen. Auch bei Verdacht auf eine rechtsradikale Einstellung folgt ein Psychologengespräch. Herr H. sagt aber, das sei bei uns im Saarland kein Problem, befürchtet aber, dass die Kollegen in Ostdeutschland damit mehr zu kämpfen hätten.
Doch wozu diese ausführlichen Prüfungen? H. erklärt: „Die Truppe stellt Anforderungen an uns“. Das heißt, die Bundeswehr braucht beispielsweise sieben Sanitäter und fünf Wehrdienstleistende, die bei der Luftwaffe mithelfen. Dann versuchen die Frauen und Männer aus dem Gutachterbereich, die Männer zu finden, die dazu geeignet wären. „Es gilt die Devise: Der richtige Mann am richtigen Ort“, erklärt mir Diethelm H. Dazu stützen sich die Gutachter nicht nur auf die Prüfungsergebnisse des Eignungstest, sondern beziehen auch ein, welche Tätigkeiten man laut Musterungsarzt ausüben darf (die Akte der ärztlichen Untersuchung selbst bleibt immer unter Verschluss), sondern auch auf ein kurzes Vorgespräch, bei dem Informationen, die schon früher am Morgen abgefragt wurden, noch mal vertieft werden.
Interessant ist auch, dass das Kreiswehrersatzamt ein Pilotamt der modernen Verwaltung ist. Es arbeitet papierlos, zumindest fast papierlos. Alle Dateien, Akten und Briefe sind digital hinterlegt. Schreibt man einen Brief an das Amt oder beantwortet man ein Formular, dann wird das Papier in Saarlouis eingescannt, ins Computersystem eingespeist, und das Original ein paar Wochen später geschreddert, und das war es. Hans Theo Gard, stellvertretender Leiter, sagt, dass es bis jetzt sehr erfolgreich läuft. Es mache den Mitarbeitern Spaß und „wir sind dadurch sehr schnell“. Nur wenn das System einmal nicht läuft, haben alle ein großes Problem.
Der Datenschutz wird im Amt groß geschrieben. So hat niemand, außer dem Arzt Zugang zur Akte der ärztlichen Untersuchung. Der stellvertretende Leiter des Amtes demonstriert es mir: An seinem Computer kann er machen was er will, der Computer verweigert ihm, das Dokument zu öffnen. Das Kreiswehrersatzamt legt für jeden Wehrdienstpflichtigen eine Personalakte an. In dieser ist der beantwortete Fragebogen zur Erfassung, die Antworten, die bei den Gesprächen gegeben wurden, zum Beispiel zum geplanten Studium, der Musterungsbescheid, also die Tauglichkeitsklasse, Schulbescheinigungen und die gesperrten ärztlichen Untersuchungsergebnisse enthalten. Bewirbt sich ein junger Mensch bei einem öffentlichen Arbeitgeber, dann kann der, mit dem Einverständnis des Bewerbers, diese Personalakte anfordern. Private Arbeitgeber können keine Akten anfordern.
Ich unterhalte mich mit Horst S., Koordinator beim Kreiswehrersatzamt. Er berichtet davon, dass sie in Saarlouis praktisch mit keinen Störenfrieden oder Randalieren zu kämpfen hätten. Er sagt: „Das ist kein Problem für uns.“ Selten wird die Untersuchung durch einen Arzt verweigert. Allerdings leitet sich aus dem Wehrpflichtgesetz ab, dass eine „Untersuchung zu dulden ist“. Verweigert ein Jugendlicher die Untersuchung „muss die Behörde Gegenmaßnahmen ergreifen“, so Herr S. Nach der zweiten Ladung kann der Mann durch die Polizei vorgeführt werden und der Arzt kann durch „Inaugenscheinnahme“ entscheiden, ob die Person tauglich ist oder nicht. Eine Tauglichkeitsentscheidung nach Aktenlage wäre dann auch möglich. Das bedeutet, liegt keine Akte vor, die belegt, dass der betreffende nicht tauglich ist, dann ist er es.
Horst S. erklärt, dass an einem Tag pro Arzt zehn bis zwölf Kandidaten geladen werden. Die ärztlichen Untersuchungen können zwei bis drei Stunden dauern, der Eignungstest noch einmal anderthalb bis zwei Stunden. Das Amt versucht immer beides an einem Tag durchzuführen um so das Schul- und Berufsleben möglichst wenig zu beeinträchtigen. Schreibt ein Schüler am Tag seiner Musterung eine Arbeit und möchte die Musterung deshalb gerne verlegen, dann kann er telefonisch beim Amt darum bitten. Der Bitte wird in der Regel nachgekommen. „Wir sind eine Eingriffsverwaltung, aber wir versuchen das ganze möglichst bürgerfreundlich zu gestalten“, sagt Hans G. und Horst S. fügt hinzu: „Wir gehen nicht mit der Brechstange vor“.
Zum Schluss will ich festhalten, dass ich als Wehrdienstverweigerer – entgegen anderslautender Gerüchte – nicht schlechter behandelt wurde als irgendjemand anders. Alle Mitarbeiter des Kreiswehrersatzamtes, die ich kennen gelernt habe, sind nett, höflich, geben sich bei ihrer Arbeit Mühe und behandeln und beraten die Jugendlichen gut. Oder wie es an dem Tag einer der Mitarbeiter zusammengefasst hat: „Wir sind besser als unser Ruf.“

Florian Elsemüller

18.01.2007

Die Wise Guys sind die bekannteste A–Capella–Band Deutschlands und begeistern Menschen aller Altersgruppen mit ihrer ausgefallenen Art, Musik allein durch ihren Gesang zu interpretieren. Vor dem Konzert in Trier konnte „Chilly“ die Musiker in einem Interview befragen.

 

Chilly: Wie war bisher die Tour?

Wir sind fast das ganze Jahr über auf Tour. Für uns ist das so ein Begriff für den Zeitraum, in dem wir von Zuhause weg sind und in Hotels übernachten müssen. Aber bis auf den kurzen Zwischenfall in Dresden, in dem Sari die Bühne verlassen musste, ist die Tour eigentlich sehr gut verlaufen.

Chilly: Was macht ihr vor dem Konzert, außer Interviews zu geben? Habt ihr irgendwelche Rituale?

Es gibt Rituale, aber die werden geheim gehalten. Ansonsten singen wir uns ein und versuchen, uns gedanklich ein wenig auf das bevorstehende Konzert einzustimmen. Wir nutzen die Zeit auch, um Problemstellen in einzelnen Songs zu wiederholen.

Chilly: Wie lange singt ihr euch gewöhnlich ein?

Wir singen uns ca. 15 Minuten vor dem Konzert ein und im Soundcheck zuvor musizieren wir auch noch einmal ca. eine Stunde auf der Bühne.

Chilly: Das ist aber sowieso schon alles Routine für euch.

Ja, das stimmt. Der Ablauf ist immer derselbe und insofern ist das schon Routine.

Chilly: Wie schafft ihr es, bei dem Konzert immer solch eine positive Stimmung dem Publikum gegenüber aufzubauen? Immerhin ist der Touralltag mit sehr viel Stress für euch verbunden.

Natürlich gibt es Dinge, die einem irgendwann auf die Nerven gehen, wenn man zu lange von Zuhause weg ist. Aber der Moment, in dem man auf die Bühne kommt, ist immer ein ganz besonderer, weil wir jedes Mal mit offenen Armen empfangen werden. Die Leute sind zum Glück bei unseren Konzerten schon so euphorisiert, dass wir mit großem Applaus empfangen werden. Man vergisst in dem Augenblick alle Unannehmlichkeiten des Tages, ist einfach sehr dankbar und für das Publikum da.

Chilly: Da kommt folgende Frage auf: ihr genießt große Popularität. Dennoch werdet ihr kaum im Radio gespielt. Könnt ihr euch dieses Phänomen erklären? Immerhin wart ihr mit eurem neuesten Album „Radio“ auf Platz 3 der Deutschen Album–Charts.

Was wir feststellen, ist, dass wir eher bei Radiosendern gespielt werden, die nicht diesen Einheitsbrei spielen. WDR5 ist dafür ein gutes Beispiel. Ansonsten ist es schon ein ziemliches Glück, bei einem Radiosender in die engere Rotation zu kommen, da das ja gar nicht so viele Lieder sind. Die Radiostationen haben uns gegenüber immer noch eine skeptische Haltung, weil sie sagen, dass unsere Musik zu exotisch sei. Zum einen singen wir deutschsprachig und dann noch a–capella, wobei beides an und für sich eigentlich keine Ausschlusskriterien sind. Es gibt auch andere Bands, die da gespielt werden. Ich glaube aber, ehrlich gesagt, dass der Tag irgendwann kommt, ab dem sie uns auch rauf und runter dudeln.

Chilly: Kommen wir noch einmal zurück zu dem Thema „Auftritt“. Was war denn das peinlichste, was euch auf der Bühne überhaupt einmal passiert ist?

Da gibt es eher viele so kleine Peinlichkeiten, die uns mal passiert sind. Zum Beispiel haben wir einmal mitten im Stück abgebrochen, weil einer von uns dachte, das Lied sei zu Ende. Er war der einzige, der das in dem Moment hätte fortführen sollen.

Uns ist so gesehen jedoch sehr wenig wirklich peinlich. Die Leute lieben es sogar, wenn uns etwas „peinliches“ passiert. Sie amüsieren sich darüber und letztendlich ist das der ganze Sinn und Zweck, warum wir auf die Bühne gehen. Wir wollen die Leute zum Lachen bringen.

Chilly: Wir verbringt ihr die Zeit zwischen den Tourneen? Probt ihr oft oder versucht ihr eher, das Projekt „Wise Guys“ ein bisschen zurückzustellen?

„Wise Guys“ ist mittlerweile unser Beruf und stellt somit unseren Lebensinhalt dar. In unseren Konzertpausen versuchen wir eher, uns aus dem Weg zu gehen. Man ist auch ganz froh, wenn man die Kollegen mal nicht sieht. Ansonsten wird permanent geprobt, organisatorisches besprochen und Fanmails werden beantwortet.

Chilly: Jetzt einige Fragen zur Band. Es ist allgemein bekannt, dass ihr euch in der Schule kennen gelernt habt. Habt ihr früher schon gemerkt, dass euch das Singen besonders liegt?

Wir haben damals größtenteils im Schulchor gesungen. Nebenbei diente uns die Sportumkleide dazu, zusammen zu singen und auch zu gröhlen. Mit der Zeit hat sich alles mit der A–Capella–Musik immer weiter entwickelt.

Chilly: Wie seid ihr eigentlich auf den Namen „Wise Guys“ als Bandname gekommen?

Wir haben uns als Schulband wahnsinnig schwer getan, einen Namen zu finden. Nach ein paar Jahren kamen Eddi und Daniel auf die Idee „Wise Guys“. Da alle unsere Lieder damals englischsprachig waren, war der Titel ganz passend. Zum anderen erschien uns der Name als geeignet, da ein Teil der Bandmitglieder sowieso bei den Lehrern als „Besserwisser“ galt.

Clemens’ Mutter schlug irgendwann sogar ernsthaft vor, wir sollten uns „Die lustigen Musikanten“ nennen. „Wise Guys“ erschien uns in dem Vergleich doch wesentlich besser! Außerdem hätten wir dann auch eine etwas andere Musikrichtung für den Namen einschlagen müssen.

Chilly: Wie sind eure Pläne für die Zukunft?

Zunächst haben wir noch ein straffes Tourprogramm vor uns und haben anschließend zwei Wochen Weihnachtsferien. 2007 geht es mit Volldampf weiter. Die nächste CD ist in gut einem Jahr geplant; wir schreiben bereits an neuen Liedern und sind somit ständig dabei, die „Wise Guys“ voranzubringen.

Chilly: Vielen Dank für das Interview und ich wünsche euch weiterhin gutes Singen!

 

Eva Woehl

18.01.2007

Kurz vor Weihnachten lässt in Mitteleuropa der ersehnte Winter noch auf sich warten. Noch nie war es am Jahresende in vielen Teilen Deutschlands, Belgien und der Schweiz so warm wie in diesem Jahr.

An der Messstation Müllheim wurden Mitte November sogar 21,8 °C  gemessen.
Der Herbst 2006 war nach Einschätzung der Meteorologen der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. In Vaduz im Fürstentum Lichtenstein stieg das Quecksilber in der Nacht gegen 3 Uhr auf rund 21°C. Im Verlauf dieses Tages blieb es dort bei 22,2°C auch beinahe frühsommerlich warm.

Die Temperaturen sollen im Laufe der Jahre noch mehr ansteigen, prognostiziert Christos Giannakopoulos vom „National Observatory of Athen“, nachdem er die Daten eines britischen Simulationsmodells ausgewertet hat.

Das daraus resultierende Ergebnis gibt an, dass der Niederschlag bei einem Temperaturanstieg um durchschnittlich 2°C in den nächsten Jahrzenten um 30% zurückgeht. Giannakopoulos vermutet daher jährlich 14 bis 28 trockene Tage mehr in Südeuropa.
Manche Wissenschaftler stehen diesem jedoch skeptisch gegenüber und kritisieren, das Modell sei zu grob um detaillierte Vorhersagen zu treffen.
Klimaforscher dagegen sind sich einig, zumindest darüber, was grundlegende Tendenzen angeht, denn global nimmt der Niederschlag im Durchschnitt zu, da bei steigenden Temperaturen mehr Wasser verdunstet. Die Verteilung des Regens wird jedoch regional sehr unterschiedlich sein.

So wird es also in Mittel- und Nordeuropa, sowie in Teilen der Tropen mehr Niederschlag geben, in Südeuropa dagegen weniger.
Grund dafür sei aber nicht nur der Treibhauseffekt, der durch die Abgase von Fahrzeugen und Industrie hervorgerufen wird, behauptete Geograf Heiko Paeth (Uni Bonn):“Man sieht am Beispiel der Sahelzone, dass die Abholzung der Wälder dort einen größeren Einfluss auf das regionale Klima hat, als der Treibhauseffekt. Wälder halten den Kreislauf der Verdunstung und somit des Niederschlags in Gang.
Werden sie zerstört, fehlen wichtige Regenmacher“

Diesen Berechnungen zufolge könnte die Niederschlagsmenge in Benin, Guinea oder Mali in den nächsten 20 Jahren um ein Viertel abnehmen.

Die Folgen dieses Klimawandels malt man sich besser nicht aus.

Oliver Vatter