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14.06.2018
Im Auge des politischen Sturms?

Von Jan Kronauer

Am 14. Juni 2018 werden sich wieder alle Augen auf DAS Sportereignis des Jahres richten. An diesem Tag wird das Team der Gastgeber aus Russland nämlich die Fußball-Weltmeisterschaft gegen Saudi-Arabien eröff-nen.
Eine WM, die in Zeiten von politischen Reibereien und Auseinandersetzungen zwischen Russland und dem Westen stattfinden wird, und die nicht erst seit kurzem mit sehr kritischen Augen betrachtet wird. Spätestens während der Krimkrise Anfang 2014 geriet der Austragungsort in Kritik. Auch der anschließende Krieg in der Ostukraine warf bei vielen Beobachtern Fragen über die Sinnhaftigkeit einer Weltmeisterschaft in Russland auf.
Aus Amerika kam, anlässlich der Ukraine-Krise, Kritik in Form eines Briefes an die FIFA auf, die besagte, dass ein derartiges Großereignis eine „wirtschaftliche Erleichterung“ für Russland wäre. Der Weltfußballverband würde so „das Regime“ in Russland stützen.
Ebenfalls nicht förderlich für den Ruf Russlands war der große Doping-Skandal rund um das olympische Team und die Winterspiele in Pyeongchang. Dieser führte dazu, dass alle nachweislich nicht gedopten, russischen Wintersportler unter neutraler Flagge antreten mussten und der Rest komplett von den Spielen ausgeschlossen wurde.
Für eine weitere Verschärfung der politischen Lage sorgte dann erst vor kurzem der Fall Skripal. Die mutmaßli-che Vergiftung eines ehemaligen russischen Doppelspions und dessen Tochter in England, sorgte für eine Men-ge Zündstoff und führte zu zahlreichen Ausweisungen von Diplomaten beider Seiten.
Jetzt ist es ja keine Seltenheit, dass ein großes Sportevent im Vorhinein von politischen Diskussionen geprägt wird. Ähnliches gab es ja auch vor der WM in Brasilien. Letztendlich kommen dann aber doch alle Nationen für eine Sache nach Russland: den Fußball. Und zwar für den Fußball als Sport und nicht für den Fußball als politisches Werkzeug.
Für uns Deutsche gibt es schließlich auch in dieser Weltmeisterschaft, vier Jahre nach dem Triumph in Rio, große Hoffnungen. Natürlich sind einige große gestandene Spieler aus der letzten Generation weg. Ihr Platz wurde allerdings schon von vielen, vielversprechenden und hungrigen, jungen Nachwuchsspielern übernom-men. So haben sich beispielsweise Joshua Kimmich, Jonas Hector oder auch ein Timo Werner als tragende Stützen der deutschen Elf etabliert.
Verletzungssorgen sind aktuell höchstens im Tor zu vernehmen. Manuel Neuer, der auch noch kurz vor der WM mit den Folgen seines Mittelfußbruchs kämpft, wird zwar höchstwahrscheinlich mitfahren, aber ob man ihn direkt als die Nummer eins ins Tor stellt, bleibt noch offen. Nicht zuletzt wegen der hochkarätigen Alterna-tive namens ter Stegen. Natürlich gibt es noch weitere Kandidaten für das deutsche Team, deren Teilnahme an der Weltmeisterschaft besonders von ihrer Gesundheit anhängig ist. Der prominenteste Name ist der Pechvogel von 2014: Marco Reus. Nichts ist ihm mehr zu wünschen, als ein verletzungsfreies Turnier in Topform.
Denn Deutschland kann jeden guten und erfahrenen Spieler gut gebrauchen. Zwar ist die Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea nicht die stärkste – unterschätzen sollte man aber dennoch keines der Teams. Aber gerade in der K.O.-Runde später, wird es von größter Wichtigkeit sein, dass man auch auf einiges an Erfahrung zurückgreifen kann. Die Schlüsselspieler werden auf jeden Fall die gestandenen Innenverteidiger Jerome Boateng und Mats Hummels sein, aber auch ein Mesut Özil, ein Toni Kroos und Thomas Müller werden einiges an Verantwortung tragen müssen. Darüber hinaus braucht eine Mannschaft, die im Verlauf des Turniers für Furore sorgen will, neben all den Profis auch einen ganz besonderen Teamgeist. Einen wie den der unsere Mannschaft 2014 zum vierten WM Titel geführt hat.
Was ist das ausgesprochene Ziel für 2018? Alles andere als die Teilnahme an der K.O.- Runde wäre auf jeden Fall ein riesiges Fiasko. In den letzten großen Turnieren wurde immer mindestens das Halbfinale erreicht. Eine Leistung auf die man stolz sein kann, auf der man sich aber unter keinen Umständen ausruhen sollte. Denn eins steht fest: Die Konkurrenz schläft nie!
Aber wer ist dieses Jahr eigentlich die große Konkurrenz um den Titel? Die von der Euphorie im Land getrage-nen Gastgeber aus Russland? Wohl eher nicht. Es sind und bleiben die üblichen Verdächtigen, die um die Fi-naltickets für den 15. Juli kämpfen werden. Da wären neben der deutschen Elf noch die Brasilianer und die Spanier als absolute Top-Favoriten. Ebenfalls in der Diskussion sind aber auch die Vize-Europameister aus Frankreich und auch einige Teams aus Südamerika haben ein großes Potenzial uns alle zu überraschen. Hier zählen noch wie eh und je die Argentinier und auch die Chilenen und Kolumbianer als Geheimtipp. Der Voll-ständigkeit halber sollte noch der amtierende Europameister aus Portugal rund um Star-Spieler Cristiano Ronal-do nicht unerwähnt bleiben, selbst wenn die Mannschaft wohl eher als Außenseiter in die WM gehen wird.
Neben all den Profis werden die Blicke der Beobachter auch noch auf ein anderes großes, sportliches Thema gerichtet sein. Die Rede ist natürlich vom Videobeweis. Die Weltmeisterschaft 2018 in Russland wird das erste große Fußballturnier sein, in dem die FIFA den Schiedsrichtern auf diese Weise unterstützend unter die Arme greifen wird. Zwar wird der Videobeweis schon seit einem Jahr in einigen Ligen und Pokalen getestet, unter anderem auch in der deutschen Bundesliga und dem DFB-Pokal, aber er ist und bleibt ein Streit- und Kritik-punkt. Gerade die Einsetzung während des Confed – Cups 2017 war sehr umstritten und wurde stark kritisiert. Deswegen hat die FIFA sich bei diesem Thema einen großen Schwerpunkt gesetzt: mehr Transparenz bei den Entscheidungen. Insbesondere für all die Zuschauer im Stadion sollen die Gründe für die endgültige Entschei-dung einfacher nachzuvollziehen sein. Inwiefern dies am Ende auch umgesetzt werden wird und wie gut dieses Vorhaben klappen wird, ist zwar nicht wirklich klar, aber die Grundidee ist gut. Schließlich setzt sie an einem der größten Kritikpunkte gegenüber dem Videobeweis an. Eine ergänzende Möglichkeit für mehr Transparenz wäre auch, wenn die Schiedsrichter (ähnlich wie beim American Football) ihre Entscheidung laut durch ein Mikrofon durchsagen müssten. Die Umsetzung derartiger Ideen ist allerdings nicht geplant. Fakt ist aber, dass der Videobeweis in diesem Turnier die Möglichkeit hat, sich im wahrsten Sinne des Wortes, zu beweisen.
Mit dem Blick in die Zukunft muss man dann aber auch ernüchtert feststellen, dass diese Weltmeisterschaft trotz all der, größtenteils politischen, Kritik die letzte richtige WM bis 2026 ist. Denn das Thema Katar, das man vor einigen Jahren noch in weiter Ferne dachte, ist erschreckend nah gerückt. Wer freut sich auf ein Sporttur-nier mitten in der trockensten Wüste an Weihnachten? Diese Aussicht ist alles andere als gewohnt. Dement-sprechend kann man an der Weltmeisterschaft in Russland noch so rütteln… Sie bleibt am Ende doch noch das geringere Übel als das, was uns in vier Jahren erwarten wird.
Und am Ende ist es bei allen Sportereignissen doch gleich. Wir Menschen kommen zusammen, um einen fried-lichen und fairen Wettkampf zwischen all den Nationen zu verfolgen. Ein großes Event mit vielen Nationen ist auch immer ein Ort der Verständigung zwischen so vielen Kulturen. Und wer weiß… Vielleicht ist es genau das, was die aktuellen Spannungen etwas löst und auch in Zukunft einen Umgang miteinander erleichtert.