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20.08.2016
Ringer Etienne Kinsinger im Interview

Bild 4Von Carolyn Gläsener

Wie lange ringst du schon?

Ich ringe seit ich fünf bin, also seit 14 Jahren. Ich hab mit drei Jahren in einem “Ringerkindergarten” angefangen. Das war kein wirkliches Ringen, sondern eher alles ein bisschen turnerisch und spielerisch, also eine Art Hinführung zum Ringen selbst. Mit fünf Jahren konnte man dann ins richtige Ringertraining wechseln und da hat man dann solche Vorübungen gemacht, sodass man nicht ins kalte Wasser geworfen wurde.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe das am Anfang gemacht, weil meine Eltern mich da so ein bisschen reingesteckt hatten, selbst ausgesucht hatte ich mir das eigentlich nicht. Aber es hat mir auf jeden Fall von Anfang an Spaß gemacht und ich war auch von Beginn an recht erfolgreich. Ich wurde gleich in meinem ersten Jahr Saarlandmeister. Ich glaube, das war ziemlich wichtig, weil ich auch jetzt noch immer ein sehr ehrgeiziger Mensch bin. Ich glaube, wenn ich damals am Anfang nicht direkt solche Erfolge gehabt hätte, hätte ich vielleicht die Lust verloren, weil ich auch sehr gerne Fußball gespielt habe. Aber ich habe eigentlich auch nie darüber nachgedacht die Sportart zu wechseln, weil es im Ringen immer so gut geklappt hat und ich immer Spaß daran hatte.

Gehst du ab und an noch ein bisschen Kicken?

Ja, schon noch ab und zu. Das Lustige ist, in dem Internat, in dem ich wohne, sind sehr viele, die gerne Fußball spielen und wenn wir dann mal Zeit haben, treffen wir uns am Wochenende und spielen ein bisschen. Allerdings eher selten, weil immer irgendwelche Leute irgendwas haben und nicht da sind. Aber wenn es mal möglich ist, spielen wir auch im Ringertraining, es ist von daher also nie ganz verloren gegangen.

Bist du der erste Ringer in deiner Familie?

Ja, ich bin auf jeden Fall der Erste. Eigentlich bin ich auch der Erste, der Leistungssport macht. Mein Vater hat ein bisschen Fußball gespielt, meine Mutter hat Judo gemacht, aber nie leistungsmäßig. Ich weiß auch nicht, warum oder woher das kommt, das wissen wir alle nicht so ganz.

Bei welchem Verein hast du angefangen?

Ich habe in Köllerbach angefangen, wo ich eigentlich auch immer war, außer von 2012 auf 2013. Da habe ich in Riegelsberg in der zweiten Bundesliga gerungen, um mich dort weiterzuentwickeln. Ich habe davor mit der zweiten Mannschaft von Köllerbach in der Regionalliga gerungen, wollte den Sprung in die erste Liga aber nicht direkt machen und bin daher nach Riegelsberg in die zweite Liga gewechselt. 2014 war ich dann aber wieder in Köllerbach.

Was waren deine ersten Erfolge?

Wenn man so klein ist, fängt man mit den Saarlandmeisterschaften an, das ist mit fünf oder sechs Jahren dann eigentlich auch das Größte, was man dann ringen kann. Die finden am Anfang des Jahres statt und im Laufe des Jahres gibt es dann noch viele Turniere, die man dann ringt, wenn man klein ist. 2008 nahm ich zum ersten Mal an der Deutschen Meisterschaft teil, wo ich auch gleich Zweiter wurde, im Jahr darauf wurde ich dann zum ersten Mal Deutscher Meister. Es hat sich eigentlich immer gut so ergeben; immer wenn ich etwas angefangen habe, war ich direkt erfolgreich. Deshalb konnte ich immer gut weitermachen.

Wann hattest du deine ersten internationalen Erfolge?

Meinen ersten internationalen Wettkampf hatte ich 2012, als ich zum ersten Mal auf eine EM und sogar auch auf eine WM fahren konnte. Da war ich allerdings nicht vorne mit platziert. Bei der EM hatte ich nur einen Kampf gewonnen und erreichte Platz 13. Die WM war besser, da wurde ich Siebter. Da stand ich sogar sehr knapp davor, eine Medaille zu gewinnen.

Bei der EM 2013 hat das allerdings nicht geklappt, ich wurde nur Achter. Ich hatte kein gutes Turnier gerungen, sondern nur zwei Kämpfe gewonnen, sodass ich mit meiner Leistung gar nicht zufrieden war. Es stand sogar in Frage, ob ich überhaupt zur WM fahren durfte, allerdings hatte mein Trainer dann noch ein gutes Wort eingelegt, sodass ich letztendlich doch mitfahren konnte. Bei der WM 2013 hat dann auch alles gepasst und ich wurde Erster.

Kannst du dich noch an deine Gefühlslage unmittelbar nach dem Sieg erinnern?

An dem Tag war alles sehr komisch. Normalerweise war ich immer sehr nervös bei so einer EM oder WM; vor allem das Jahr davor hatte ich immer sehr viel nachgedacht. Bei dem Turnier war ich jedoch wie in einem Tunnel. Ich weiß nicht, warum das so war, aber irgendwie hatte ich mich vom ersten Kampf an richtig gut gefühlt. Ich war so glücklich, dass ich es überhaupt ins Finale geschafft hatte, als ich das Halbfinale gewonnen und gewusst hatte, ich habe eine Medaille. Im Finale selbst habe ich dann eigentlich nur gerungen und gar nicht so darüber nachgedacht. Das war auch gut so, denn hätte ich darüber nachgedacht, dass es ein Finale war, wäre es vielleicht ganz anders ausgegangen. Und direkt danach konnte ich das gar nicht so glauben. Realisiert hatte ich das erst, als ich den nächsten Kampf verloren hatte. Weil ich dann gewusst hatte “Ok, du bist zwar jetzt oben gewesen, aber du bist auch genauso schnell wieder unten”. Ich hatte mich damals so super gefreut, aber so richtig im Kopf spielt sich das erst ab, wenn man wieder verloren hat.

Wie kommst du mit dem Druck im Allgemeinen klar?

Am besten ist es einfach, wenn man versucht, sich selbst keinen Druck zu machen. Wenn man denkt “Was könnte sein, wenn..?”, dann macht man sich einfach nur selbst Unruhe im Kopf. Ich hab so ein bisschen gelernt, dass man auf sich selbst achten und auf die eigenen Stärken vertrauen sollte. Ich weiß auch, dass ein Team immer hinter mir steht und das gibt schon Rückhalt. Meine Familie unterstützt mich auch vollkommen, das ist auch eine sehr wichtige Sache. Ohne sie wäre ich gar nicht erst zum Ringen gekommen, aber auch wenn es Probleme gibt, sind sie immer da und stehen hinter mir, von daher kann ich mich nur bedanken, dass ich solche Eltern hab. (lacht)

Wie stehen die Chancen für eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Rio?

Ich muss auf den kommenden Turnieren jetzt persönlich sehr gut ringen und ein sehr gutes Ergebnis erzielen, dann bekomme ich eventuell die Möglichkeit, eines von drei Qualifikationsturnieren zu ringen. Das Quali-Turnier zu bekommen ist machbar, um dort allerdings ins Finale zu kommen, muss wirklich alles passen. Aber auch, wenn ich keine Qualifikation hole, wäre es für mich sehr wichtig auf einem solchen Turnier zu ringen, allein schon um die Erfahrung mitzunehmen. Das könnte mir sehr helfen, wenn ich 2020 wieder in so einer Situation bin. Das Problem ist, dass das Turnier eine Woche nach dem Abitur ist, das heißt ich müsste während meines Abiturs noch abnehmen. Aber ich will das eigentlich schon angehen, weil die Chance jetzt nun einmal da ist und ich nicht weiß, was in vier Jahren ist. Vielleicht verletze ich mich schwer und kann nicht mehr ringen. Wenn man die Chance schon einmal hat, sollte man sie auch nutzen. Ich denke zwar nicht, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit bei den Olympischen Spielen dabei sein werde, aber man weiß ja nie. Die Hoffnung stirbt zuletzt. (lacht)

Was macht einen guten Ringer aus?Bild 5

Ein wichtiger Punkt ist schon, dass er gut abnehmen kann, das ist aber auf keinen Fall die oberste Maxime. Ein guter Ringer muss fleißig sein, Talent allein reicht nicht aus. Die wirklich Fleißigsten kommen auch nach vorne und die, die im Kopf sehr stark sind, weil sich sehr viel auch im Kopf abspielt. Was auch sehr wichtig ist, ist Kondition. Wer dem Gegner nicht zeigt, dass er müde ist, hat große Vorteile. Wer wirklich über sich hinauswachsen kann, auch wenn die Schmerzgrenze schon erreicht ist, der wird enge Kämpfe für sich entscheiden.

Was gefällt dir persönlich an dem Sport am besten?

Jeder Kampf und jedes Training ist anders. Es ist nie eine Standardisierung von Sachen, sondern so viele verschiedene Techniken, so viele verschiedene Gegner, die anders eingestellt sind und eine andere Position im Kampf haben. Man muss sich auf so viele Sachen einstellen können und trotzdem seine eigene durchziehen, das ist eigentlich die Kunst. Das ist, was mir am meisten gefällt, diese Abwechslung: Man kann sich keinen richtigen Plan ausdenken, weil sich im Ringen alles so schnell ändern kann.

 

Glück ist für mich,…

..wenn alle gute Laune haben.

Held/Vorbild:

Frank Stäbler (Weltmeister im griech.-röm. Stil)

Nach dem Aufstehen…

…wird erst mal gegessen.

Meine Freunde schätzen an mir…

…Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Ich schätze an meinen Freunden…

…Zusammenhalt und Rückhalt.

Wenn man mir eine Freude machen will,…

…isst man nichts, was ich gerne esse, während ich abnehmen muss.

Meine Inspirationsquelle:

Mein Trainer

Mein Berufswunsch als Kind:

Fußballkommentator

Mein Lieblingsessen:

Alles, was gut gekocht ist.

Lieblingsfilm:

Hangover

Mein absolutes Must-Have:

Ein gemütliches Bett

Ich verlasse nie das Haus ohne…

…mein Handy.

Am Saarland schätze ich vor allem,…

…dass alle guten Ringer an einem Ort trainieren können.

 

Foto: Etienne Kinsinger