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30.01.2017
Reisebericht Indien Teil 1

Von Julia Marie Minor

 

dsc08466„Und wie waren deine Ferien?”

„Hattest du einen schönen Urlaub?”

Standardfragen des typischen Smalltalks, wenn man sich nach sechs Wochen Sommerferien montagmorgens wieder in der Schule sieht. Jemand, der das fragt, erwartet normalerweise keine ausführliche Antwort. Aber wie soll man 17 Tausend Kilometer Reise, einen Kulturschock im positiven Sinne und eine vollkommen andere Welt, in die man Einblick bekommen hat, auf zwei Sätze herunterbrechen?

Fangen wir mal von vorne an: Indien ist kein gewöhnliches Reiseziel für die Sommerferien. Wie komme ich also nach Indien? Hierzu benötigt man zunächst ein paar Hintergrundinformationen:

Round Table, kurz RT, ist ein Charity-Club für Männer zwischen 18 und 40 Jahren, der verschiedene soziale Projekte auf die Beine stellt und sponsert. In vielen Städten über die ganze Welt verteilt gibt es Tische von Round Table. Der zuerst gegründete Tisch eines Landes bekommt die Nummer 1, der zweite gegründete Tisch die Nummer 2 und so weiter. In Saarbrücken befindet sich RT9, also der neunte gegründete Tisch von über 220 Tischen in Deutschland. Eine von vielen gepflegten Traditionen Round Tables ist das Euromeeting (Abkürzung für Europeanmeeting) oder auch Numbersmeeting. Hierbei treffen sich alle Tische mit der gleichen Nummer aus europäischen Ländern. Neun ist eine sehr kleine Nummer, deshalb gibt es auch in vielen anderen Ländern einen entsprechenden Tisch. Ob Halmstad in Schweden, Bristol in England, Straßburg in Frankreich, St. Pölten in Österreich, Schaffhausen in der Schweiz, Paide in Estland oder Coimbatore in Indien, alle tragen sie die Nummer 9. Indien zu Europa zu zählen, mag vielleicht etwas weit gefasst sein, aber, wenn man es nicht so genau nimmt, funktioniert auch das. In jedem Jahr wird das Euromeeting in einem anderen Land ausgetragen und dieses Jahr war das eben in Indien. Zu einem Euromeeting gehören normalerweise immer zwei Teile: Die Pre-Tour, bei der man vor dem offiziellen Teil noch ein bisschen das Land bereist, und der offizielle Teil unter anderem mit Farewell-Brunch und Galaabend. Weil die Gäste nach Indien aber so eine weite Anreise hatten und es sich nicht lohnen würde für eine Woche am Euromeeting in Indien teilzunehmen, gab es dort auch eine Post-Tour. Wir reisten also vom so genannten Golden Triangle – New Delhi, Agra, Jaipur – im Norden zum offiziellen Part in Coimbatore, das ganz an der Südspitze Indiens liegt, und schließlich im Rahmen der Post-Tour nach Goa, der indischen Karibik an der Küste Zentralindiens. Als eine private Verlängerung der Reise besuchten wir schließlich noch Freunde in Pune, einer Stadt östlich von Mumbai. Die indischen Tabler hatten also eine komplette Landesbesichtigung für uns organisiert, von vorne bis hinten. Diese zweieinhalb Wochen versprachen intensivstes Sightseeing vor multikulturellem Hintergrund und diese Vorstellung bestätigte sich auch. Wir waren permanent von einem Fort zum nächsten Palast, zum nächsten Tempel unterwegs und ich muss sagen, dass man die indische Architektur sehr schnell verstanden hat. Wenn ich ehrlich bin, kann ich die vielen Forts auch nicht mehr unterscheiden. Was mich viel mehr bewegt und beeindruckt hat, waren kleinere Momente, bei denen allerdings mein westlicher Verstand direkt auf die indische Mentalität und Kultur traf.

 

Man sollte meinen, dass im 21. Jahrhundert, einem Jahrhundert, das stärker unter dem Einfluss technischer Entdeckungen und digitaler Medien steht wie es vor gut 50 Jahren noch niemand hätte träumen können, jeder schon mal einen Menschen mit heller Haut gesehen hat. Tja, falsch gedacht! Egal, wo wir hinkamen, und unter „wir“ verstehe ich eine Gruppe von rund 60 Europäern, wurden wir gefilmt, fotografiert, gefragt, ob man Bilder mit uns machen dürfe und so weiter. Ja, tatsächlich haben diese Menschen noch nie Hellhäutige gesehen. Wie auch? Die Leute kennen nur Bollywood-Filme und nur 26% der Bevölkerung haben Internetzugang.

 

Auch die indischen Straßenhändler fielen gnadenlos über uns her. Diese Händler sind arme Leute und bieten für ihre Ware immer Wucherpreise, in der Hoffnung, dass sie auf einen Touristen treffen, der keine Ahnung vom Währungen umrechnen hat. Das hat tatsächlich auch funktioniert: Einer von uns hat sich einen Regenschirm für ca. 12 Euro andrehen lassen. Eine Begebenheit, die mir auch im Gedächtnis geblieben ist, spielte sich am India Gate, dem indischen Arc de Triomphe, ab, als ich mit meiner Mutter in der Menschenmenge stand und auf einmal eine indische Frau meine Hand griff und anfing mir etwas auf den Arm zu malen. Der Versuch, meine Hand wegzuziehen, scheiterte bis die Dame ihr Kunstwerk vollendet hatte: ein Henna-Tatoo. Als sie ihr verlangtes Geld schließlich hatte, war sie genauso schnell weg, wie sie aufgetaucht war. Von normalen, wahlweise auch bunten Regenschirmen über indische Papierflaggen und Obst bis hin zu einem gebastelten Turban verkaufen sie alles, was man irgendwie mit zwei Händen tragen kann. Mit Angeboten ihre Käufer überbietend und ihre Konkurrenten unterbietend folgten sie uns von jeder Sehenswürdigkeit bis an den Bus und es war immer noch einmal ein vollbrachtes Meisterwerk, wenn man ohne etwas angedreht bekommen zu haben an diesem ankam. Das einzig Praktische an der Sache war, dass uns so der Besuch von Souvenir-Shops erspart blieb.

 

Ein weiteres faszinierendes Ereignis trug sich ebenfalls auf dem Rückweg von einem der Forts zu den Bussen zu, der uns durch ein kleines Touristendorf führte. Unsere Gruppe war wieder einmal umschwärmt von Straßenhändlern, als mich plötzlich ein kleiner indischer Junge von der Seite ansprach. Mit vielleicht sieben Jahren erzählte er mir auf Englisch, dass ich in das Geschäft seines Vaters kommen muss. Ich ging nicht auf seine Aussage ein und fragte ihn stattdessen verwundert, woher er Englisch könne. Die meisten Inder in den unteren Bevölkerungsschichten sprachen nur schlecht englisch und Kinder eigentlich gar nicht. Seine Aussage: Warum mich das überrasche und woher ich käme. Auf meine Antwort hin, fing er an sich auf deutsch mit mir zu unterhalten. Wahrscheinlich beherrschte er auch nur die wenigen Sätze, die er mit mir gewechselt hatte, trotzdem beeindruckte mich, mit welchen Mitteln und wie ausgefuchst Inder versuchen, ihre Ware zu verkaufen. Ich frage mich, wie viele Sprachen der Kleine noch “sprechen“ konnte.

 

Ebenfalls ein prägendes Erlebnis war der indische Verkehr. Ein Phänomen, für dessen Verständnis ich auch fast die ganzen zweieinhalb Wochen benötigt habe. Prinzipiell befindet sich alles auf der Straße: Pkws, Lkws, Massen von Rollern und Motorrädern, alle in keinem vergleichbaren Zustand zu dem, was bei uns Standard ist, auch Fußgänger, Hunde, Kühe, Rikschas, Fahrradfahrer, Leute mit Bambusstangen, Hühnern oder wahlweise auch bunten Stoffschlössern auf den Schultern. Vorfahrt hat der Größte und die Händler verkaufen an der Ampel, die sogar überraschenderweise in einem gewissen Rahmen beachtet wird, ihre Ware. Wenn man überholen möchte, hupt man, von zwei Spuren werden fünf befahren, überholt wird von links und rechts, auf ein Mofa passen sechs Leute, auf die Ladefläche eines Pick-Ups mindestens siebzehn und sonst gibt es keine Verkehrsregeln. Nach einer 15-minütigen Autofahrt hat man im Übrigen einen Hörschaden vom vielen Hupen, aber das funktioniert so. Erst ganz am Ende der zweieinhalb Wochen haben wir etwas von einem Unfall mitbekommen. Wir saßen also mit sieben Mann und unserem kompletten Gepäck in einem Taxi für fünf Leute und auf einmal blieb der komplette Verkehr stehen. Leute liefen links und rechts an unserm Auto vorbei nach vorne, zur Unfallstelle und ohne verständlichen Kommentar verließ auch unser Taxifahrer den Wagen und folgte dem Strom. Wenige Minuten später kam er zurück, kurz darauf rollte der Verkehr wieder und wir sahen den Pick-Up, der offensichtlich Ursache der Verzögerung war, auf dem Standstreifen stehen (der normalerweise auch als Fahrspur genutzt wird), angehängt an ein anderes Auto. Kein Abschleppwagen, nein, einfach irgendein anderer Pick-Up. Auf Nachfrage erklärt der Taxifahrer, dass das Auto während des Fahrens einen Reifen verloren hatte, die Leute aber schnell geholfen hätten, es auf die Seite zu schieben und sich irgendjemand dazu bereit erklärt hätte, das Auto den Rest der Strecke weiter zu ziehen. Nichts Besonderes.

 

Ein Stichwort, das im Zusammenhang mit Indien direkt fällt, ist der Hinduismus. Eine wie ich finde sehr interessante Religion. Alle indischen Häuser, die ich von innen gesehen habe, hatten einen kleinen “Hindutempel”, in den meisten Fällen mehr ein kleiner Schrein, an dem die Inder ihre Religion ausüben. Ich war nur in einem großen Hindutempel und in dem gab es für jeden Gott ein kleines offenes Gebäude. Zunächst kündigte man dem Gott, dessen Tempel man gerade betrat, mit dem Läuten einer Glocke sein Eintreten an. Die vordere Hälfte des je nach Relevanz des Gottes großen oder kleinen Raumes bot Platz zum Stehen oder Knien. In einem stand sogar die Messingstatue einer Kuh, die man beim Begrüßen zwischen den Hörnern berührte. Der zweite Teil war ein Schrein, der den kleinen Hindutempeln in den Häusern sehr gleicht. Dieser ist genauso übersichtlich und strukturiert wie der indische Verkehr. Es scheint, als läge alles durcheinander: Blumenschmuck, kupferne Schälchen mit orangenfarbenem oder gelbem, rauchendem Inhalt, Plastikefeu, mehrere Götterstatuen aus den unterschiedlichsten Materialien und in den unterschiedlichsten Größen, manchmal auch irgendwelche Moussereste inmitten einer imitierten Landschaft. Auf keinen Fall ein langweiliger Anblick.

 

Ebenfalls eine interessante Erfahrung war die Regenzeit. Es hat genauso oft geregnet, wie in Europa von Januar bis Dezember. Da ich keinen Eindruck von der Zeit außerhalb der Regenzeit habe, bleiben mir hier nur Vermutungen, aber man kann davon ausgehen, dass es sonst nicht so viel regnet, keine so hohe Luftfeuchtigkeit herrscht, die einen im Übrigen erschlägt, wenn man aus dem Flugzeug kommt, und es wahrscheinlich wärmer ist. Zu der Zeit, zu der wir da waren, waren es tagsüber immer etwa 35°C. Nachts sind die Temperaturen aber meistens auf ca. 25°C abgefallen. Das einzige, was ich noch als Merkmal der Regenzeit einordnen würde, ist die Tatsache, dass man, wenn es angefangen hat zu regnen, genau zwanzig Sekunden hat, sich irgendwo unter eine Überdachung zu retten bevor man völlig durchnässt ist. In den meisten Fällen waren die abrupten und starken Regenfälle aber nach wenigen Minuten wieder vorbei.

 

In Coimbatore besuchten wir an einem Morgen eine Schule, die von CRT9 finanziell unterstützt und ausgebaut wurde und Teil des indischen Projektes “Freedom through Education” war. Alleine die Begrüßung verschlug einem schlichtweg die Sprache. Die Jungen trommelten im Ensemble bis der Letzte von uns das Gelände der Schule betreten hatte und länger. Die Mädchen standen für uns Spalier und sangen ein Willkommenslied und zwei von ihnen malten uns orangefarbene Punkte auf die Stirn. Nach dem vorbereiteten Programm blieb noch genug Zeit, sich in der Schule umzusehen und sich mit den Schülern und Schülerinnen zu unterhalten, die liebend gerne und total nervös von ihren Englischkenntnissen Gebrauch machten. Ein Schulbesuch alleine war schon ein absolutes Privileg, aber Europäer waren ihnen ganz bestimmt noch nie untergekommen. Dieser Morgen war für mich gespickt mit sehr emotionalen Momenten und ich stand des Öfteren einfach nur vollkommen überwältigt da und hatte Tränen in den Augen.