Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

24.12.2015
Mein Jahr auf der anderen Seite des Atlantiks

ChristmasVon Carolyn Gläsener

“Welcome to the United States of America”

Mein Jahr auf der anderen Seite des Atlantiks

So ganz genau weiß ich nicht mehr, was mir beim Anblick dieser übergroßen Buchstaben am Terminal des Flughafen Austin Bergstrom durch den Kopf geschossen ist. Es war eine Mischung aus purer Vorfreude und Abenteuerlust, zugleich allerdings auch Nervosität und Ungewissheit darüber, was genau mich in den nächsten elf Monaten als Austauschschülerin in Texas erwarten würde. Eines war mir jedoch klar: Den „amerikanischen Traum“, den so viele aus glorreichen Erzählungen und Filmen kennen, würde ich jetzt selbst leben. Meine Gastfamilie, bei der ich das knappe nächste Jahr unterkommen würde, erwartete mich bereits bei der Gepäckausgabe. Mit bunten Luftballons und einem Plakat, auf dem in den Farben der amerikanischen Flagge die Worte “Welcome tothe United States andyoursecondhome!” geschrieben worden waren, bereiteten sie mir einen herzenswarmen Empfang, der ein gutes Stück meiner Nervosität umgehend in Luft auflösen ließ. Irgendwie hatte ich bereits jetzt das Gefühl, dass wir gemeinsam ein tolles Jahr erleben würden. Und ich behielt recht. Bereits wenige Tage nach der Ankunft in meinem neuen texanischen Zuhause machten wir uns auf den Weg zu unserem ersten gemeinsamen Abenteuer: Key West, der südlichste Punkt der USA an der Küste Floridas.

Die Erfahrungen, die ich dort machte, waren ebenso unvergleichlich wie unvergesslich: Von rasanten Jet-Ski-Fahrten durchs türkisblaue Wasser über Schnorcheln durch Korallenriffe, bei dem ich allerlei Meeresbewohner (darunter auch einem Hai) begegnete, bis hin zum Erleben des abendlichen Treibens auf den bunten Straßen der Stadt – letzteres dabei stets in Anwesenheit farbenfroher Papageien, die das Geschehen von Bäumen aus am Rande des Bürgersteigs neugierig beobachteten. Die langen Tage ließen meine Gastfamilie und ich meistens mit einem Spieleabend ausklingen, bei dem nicht nur unglaublich viel gelacht wurde, sondern der auch einen wunderbaren Anlass bot, sich gegenseitig näher kennenzulernen. Als wir nach acht Tagen schließlich die Rückreise antraten, hatte ich bereits das Gefühl, ein fester Bestandteil der Familie geworden zu sein. Wieder in Texas angekommen, gewöhnte ich mich recht schnell an meine neue Umgebung, auch wenn hier irgendwie alles um ein Vielfaches größer zu sein schien als in Deutschland: die Autos, die Häuser, die Supermärkte, ja selbst die Portionen in den Restaurants waren riesig. Davon nicht ausgeschlossen war auch meine High School, deren Tür ich nur wenige Tage später zum ersten Mal durchschreiten würde. Die Schule war mit ca. 2200 Schülern fast fünfmal so groß wie die, die ich in Deutschland besucht hatte, und bot eine schier unfassbar vielfältige Auswahl an Fächern: von klassischen Kursen wie Mathe, Englisch und Naturwissenschaften über Journalismus, Kulinarik, Fotografie bis hin zu Landwirtschaft, Marketing und Medizin. Sich aus knapp 250 Angeboten für acht zu entscheiden, war alles andere als einfach, doch letztlich fiel meine Wahl auf Global Business, Fashion Marketing, Earth and Space Science, Journalismus und Yearbook, hinzu kamen noch die obligatorischen Fächer Mathe, Englisch und US History. Mit einem Stundenplan wie diesem konnte ich den Beginn des Schuljahres kaum mehr erwarten. Als die Schule schließlich Ende August ihre Pforten öffnete, war es wieder eine Mischung aus Nervosität und Vorfreude, wobei letzteres ganz klar überwog. Schnell wurde meine Vorstellung von amerikanischen Schulen bestätigt: Die mit Schulbannern geschmückten Flure, die liebevoll eingerichteten Klassensäle, die kleinen Bänke, an denen die Stühle fest angebracht waren, die Cheerleader und Footballspieler – es war, als befände ich mich selbst in einem amerikanischen Film. Bereits am ersten Freitag des neuen Schuljahres wurde dieses Gefühl noch einmal um ein Vielfaches gestärkt, denn das erste Footballspiel der Saison stand an – noch dazu ein Heimspiel. Gekleidet in den Farben meiner Schule -Schwarz, Rot und Silber- und mit deren Initialen auf den Wangen bemalt, begab ich mich mit meinen Freunden in das riesige Stadion gegenüber unseres Schulgeländes. Die Atmosphäre war unbeschreiblich. Schüler, Tänzer, Cheerleader sowie die 250 Köpfe umfassende Schulband feuerten das Team ununterbrochen an und ließen die Stimmung auch während der Halbzeitpause kein bisschen abschwächen. Ganz im Gegenteil: Es wurde buntes Konfetti geworfen, gesungen, getanzt und gelacht, neue Freundschaften geknüpft und Pläne für das Wochenende geschmiedet, das wohl kaum besser hätte beginnen können (auch, wenn ich zugegebenermaßen vom Spiel selbst nicht wirklich viel verstanden habe). Es fiel mir überraschend leicht, mich an den Schulalltag zu gewöhnen. Das Interesse an mir und Deutschland war unerwartet groß und so kam es nicht selten vor, dass ich während den Pausen das Leben in meinem Heimatland genauestens schilderte und allerlei Fragen dazu beantwortete. (Wie funktioniert das deutsche Schulsystem? Gibt es wirklich Autobahnen, auf denen man unbegrenzt schnell fahren darf und besitzt tatsächlich jeder deutsche ein Dirndl und Lederhosen?) Die Fächer, die mir den größten Spaß bereiteten, waren eindeutig Journalismus und Yearbook. Bei letzterem handelte es sich um das Erstellen eines 350 Seiten dicken Abschlussbuches, das über alle Kurse, Geschehnisse und Aktivitäten der Schule während des Jahres berichtete. Dadurch hatte ich nicht nur die Möglichkeit, zahlreiche Eindrücke in das redaktionelle Arbeiten zu gewinnen, sondern konnte durch Interviews und Fotoshootings auch allerhand Schüler kennenlernen: Baseballspieler, Tänzer, Künstler, Schauspieler, Ringer, Musiker und Leichtathleten – sie alle hatten ihre eigenen individuellen Geschichten zu erzählen.

Ein weiterer Höhepunkt meines Austauschjahres folgte bereits im September. Meine Gasteltern, die beide im Turniertanz tätig waren und Wettkämpfe im Standard- und Lateinamerikanischen Tanz organisierten und ausrichteten, nahmen mich zu ihrer größten derartigen Veranstaltung mit. Drei Tage lang durfte ich in Dallas hautnah am Wettkampfgeschehen teilhaben und hinter die Kulissen blicken. Auch oder gerade weil ich vorher noch nie mit diesem Sport in Berührung gekommen war, war ich umso begeisterter von dessen Eleganz sowie Professionalität – und letztendlich auch von den atemberaubenden Kleidern der Tänzerinnen. Am letzten Abend des Wettkampfes durfte ich sogar der sechsfachen Weltmeisterin im Standardtanz beim Wechseln ihrer Kostüme helfen – der krönende Abschluss eines unvergesslichen Wochenendes. In den folgenden Wochen wurden aus guten Bekannten beste Freunde, mit denen ich an den Wochenenden downtown fuhr oder mich zum hammockingtraf, einem sehr beliebten Zeitvertreib unter amerikanischen Jugendlichen, bei dem man eine Hängematte einfach dort aufhängt, wo es einem gerade gut gefällt und das Wetter und die Gesellschaft seiner Freunde genießt. So neigte sich das Jahr in rasantem Tempo dem Ende zu und nach Halloween, Homecoming (ein Ball Ende Oktober anlässlich des ersten Heimspiels des Footballteams nach einer Serie von Auswärtsspielen) und Thanksgiving stand auch schon bald Weihnachten vor der Tür. Die großzügig und liebevoll dekorierten Häuser erhellten abends die Straßen und in den einzelnen Nachbarschaften traf man sich gerne mal auf eine heiße Schokolade – eigentlich also fast wie zu Hause, wenn man davon absieht, dass das Thermometer selbst Ende Dezember selten unter 10°C fiel. Am Abend vor der Bescherung gingen meine Gastfamilie und ich gemeinsam in den Gottesdienst und versammelten uns anschließend am großen Lagerfeuer vor der Kirche. Es wurden Kekse und Kakao gereicht und überall herrschte Vorfreude auf den morgigen Tag. Am nächsten Morgen waren selbst meine beiden jüngeren Gastgeschwister, die normalerweise selten vor 11 Uhr aufstanden, bereits um sieben auf den Beinen. Gemeinsam halfen wir meiner Gastmutter, ein Frühstücksbuffet vorzubereiten und versammelten uns anschließend im Wohnzimmer. Unter dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum stapelten sich Unmengen an liebevoll verpackten Geschenken in allen Farben und Größen – ein Anblick wie aus einem der zahlreichen Weihnachtsfilme, die ich die Feiertage über mit meiner Gastfamilie angeschaut hatte. Nach dem bezaubernden Weihnachtsfest folgte schon bald Silvester und die darauf folgende zweite Hälfte des Jahres verging wie im Flug. Meine Rückkehr nach Deutschland rückte unaufhaltsam näher. Doch davor gab es noch ein Event, auf das ich mich das gesamte Jahr gefreut hatte und das letztendlich auch ein ausschlaggebender Grund dafür war, mein Austauschjahr in den USA zu verbringen: der Abschlussball. Schon Wochen vorher planten meine Freunde und ich den Ablauf des Abends, reservierten Plätze in unserem Lieblingsrestaurant, buchten Termine beim Friseur und verbrachten eine gefühlte Ewigkeit damit, das perfekte Kleid und die passenden Schuhe zu finden, bis der große Tag endlich vor der Tür stand – und zwar in Form einer Limousine, die uns zum Restaurant und von dort aus zum Ball fuhr. Die ausgewählte Location, Musik und Dekoration passten perfekt zu dem Zwanziger Jahre-Motto und bereiteten perfekte Voraussetzungen für einen unvergesslichen Abend. Bis spät in die Nacht wurde getanzt und gefeiert, Fotos gemacht und gelacht – eine bessere Möglichkeit, das Schuljahr gemeinsam zu beenden, hätte es wohl kaum geben können.

Die letzten Wochen meines Austauschjahres verbrachte ich hauptsächlich mit meinen Freunden. Ich wollte noch so viel wie möglich mit ihnen unternehmen und mich in Ruhe von ihnen verabschieden, bevor ich die letzten paar Tage vollkommen meiner Gastfamilie widmete, die mittlerweile so viel mehr für mich war als nur temporär. Ich hatte unfassbar viel Glück gehabt und eine zweite Familie gefunden, die auch wenn es Schwierigkeiten gab, stets zu mir hielt, mich unterstützte und mir ein Austauschjahr ermöglichte, das all meine Erwartungen überbot. Ich habe im Laufe des Jahres so viel von ihnen gelernt, und zwar nicht nur, unfallfrei einen Football zu werfen oder texanisch-mexikanische (“tex-mex”) Spezialitäten zuzubereiten, sondern auch, mich anzupassen, meine eigenen Ansprüche zurückzuschrauben sowie mit Heimweh und auftretenden Konfliktsituationen umzugehen. Vor allem durch meine Rolle als große Schwester, die mir als Nesthäkchen in meiner Familie zuvor noch nicht bekannt war, lernte ich, Verantwortung zu übernehmen, wurde deutlich selbstständiger und selbstbewusster, aber auch unabhängiger. Sicherlich war kein Jahr meines gesamten bisherigen Lebens so prägend wie die eigene Version meines „americandream“.

 Mit der Austauschorganisation YFU verbringen jährlich 1200 Jugendliche ein Schuljahr in einem von über 40 Ländern weltweit. Falls auch du daran Interesse hast, kannst du dich unter www.yfu.de weiter informieren.