Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

25.10.2017
Besetzte Häuser in Deutschland

Ein Gymnasium, eine Grundschule und viele kleine Geschäfte umringen eines der bekanntesten Gebiete von besetzten Häusern in Deutschland. In der Rigaer Straße im Stadtteil Friedrichshain in Berlin sind politisch motivierte Gewalttaten an der Tagesordnung. Die Zahl der Straftaten stieg in den letzten Jahren in diesem Gebiet deutlich an. Zwar sind die Häuser in der Rigaer Straße heute nur noch teilweise besetzt, allerdings sorgen Linksextreme, auch diejenigen, die dort legal wohnen, weiterhin durch Anzünden von Autos und Farbbeutel-Attacken auf Neubauten für Chaos. Ihr Ziel ist es, ihr Kiez für Investoren unattraktiv zu machen. Polizei und sogar Feuerwehr werden bei Einsätzen regelmäßig von Randalieren mit Flaschen und Steinen beworfen und angegriffen.

Alles fing Anfang 1990 an. Damals wurde das leerstehende Gebäude in der Rigaer Straße 94 genau wie viele andere Häuser in der Umgebung besetzt. Nach dem im November 1990 allerdings die Mainzer Straße in Berlin geräumt wurde, begannen die Hausbesetzer in der Rigaer Straße mit den Eigentümern, der Wohnungsbaugenossenschaft Friedrichshain und der Stadt Berlin über die Legalisierung der Wohnungssituation zu verhandeln. Zwei Jahre später wurden Mietverträge abgeschlossen und sogar mit einer Sanierung der ehemals besetzten Häuser begonnen. Nachdem zwei Gesellschafter der Lila GbR einige Häuser in der Straße erwarben und ein Wohnungsblock für ökologisches Wohnen ankündigten, eskalierte die Wohnungssituation 1999 wieder. Die Bewohner wehrten sich gegen die Pläne und es kam zu Kündigungen der Mietverträge und Teilräumungen. Doch die Polizei konnte die Bewohner nicht lange von den schnell wieder besetzten Häusern fernhalten. Auch Versuche die Bewohner durch Alternativangebote zur Aufgabe zu bewegen scheiterten. Schließlich sollte nach einem Urteil des Landgerichts im August 2003 das Haus in der Rigaer Straße 49 wieder an den Eigentümer zurückgegeben werden, doch auch diese Räumung war nur von kurzer Dauer. Das Haus wurde fast genau so schnell wie es geräumt wurde wieder von den Besetzern in Beschlag genommen. Jegliche Räumungsversuche und auch Hausdurchsuchungen, die in diesem Gebiet stattfinden, werden von starken Protesten der autonomen Szene Berlins begleitet. Immer wieder kommt es dabei zu Auseinandersetzungen bei denen Steine und Flaschen fliegen und sogar Pfefferspray von Aktivisten eingesetzt wird. Die letzten größeren Ausschreitungen in der Rigaer Straße gab es im Juni 2017. In der Nacht randalierten Vermummte, zündeten Autos an, warfen Pflastersteine, zündeten Böller und auch ein Toilettenhäuschen ging in Flammen auf. Ein Ende der Krawalle in der Rigaer Straße in Berlin und vielen weiteren Städten in Deutschland, wie Hamburg oder Bielefeld, ist nicht in Sicht, da die Häuser nach Räumungen immer wieder besetzt werden.

Autonome Zentren

Das Köpi137 in Berlin oder die Rote Flora in Hamburg sind ebenfalls oft Schauplätze von öffentlichen Kundgebungen und Polizeieinsätze. Es sind nur zwei von vielen Anlaufstellen für die Autonome Szene. Sobald Gerüchte aufkommen, dass diese Häuser geräumt werden sollen, solidarisieren sich Hunderte und manchmal sogar Tausende Gewaltbereite mit den Besetzern der Häuser.

Für die Bundesrepublik Deutschland stellen Autonome Zentren ein erhebliches Problem dar, da diese auch als Organisationszentren linksextremer Gruppierungen fungieren. Dennoch handelt es sich nicht bei allen besetzten oder bewohnten Häusern um politische Zentren. Man spricht nur von Autonomen Zentren, wenn sich die Bewohner beziehungsweise Besetzer mehrheitlich mit den ideologischen Grundsätzen der Bewegung identifiziert. Die parallele Nutzung durch mehrere, unabhängig voneinander agierenden Gruppen, die dort Diskussionen führen, Aktionen planen und koordinieren, ist eine charakteristische Eigenschaft dieser Zentren. Die benutzten Räume sind nicht kommerziell ausgerichtet, sondern unterliegen der Selbstverwaltung. Kneipen, die kommerziell betrieben sind, können zwar auch Treffpunkte sein, allerdings steht die Benutzung im Widerspruch zu den Ansichten der Autonomen, weshalb ein solcher Ort per Definition kein Autonomes Zentrum sein kann. Sogar staatlich geduldete und/oder finanzierte Projekte fungieren häufig auch als Autonome Zentren.

Autonome Zentren sind die Herzen der linksextremen Szene, ihre Anzahl hat allerdings in den letzten Jahren nicht zugenommen. Ihre Besetzer waren vor allem darauf konzentriert, ihre bestehenden Räume zu erhalten. Für die Betreiber sind die Zentren ein wichtiges Mittel, um die bestehende politische Ordnung zu beseitigen und sie durch eine „Herrschaftsfreie Gesellschaft“ zu ersetzten. Dafür stellt auch der Einsatz von Gewalt für sie ein legitimes Mittel dar. Für die Aktivisten sind die Zentren ein Beleg für die politische Relevanz und die Vitalität der Autonomenbewegung und so auch ein Beweis für den Sinn des eigenen politischen Handelns. Um Autonome Zentren zu bilden, werden zuerst sogenannte Infoläden gegründet. In diesen Läden werden beispielsweise Aufnäher, Anstecker und einiges mehr vertrieben sowie Kaffee und Sitzgelegenheiten geboten. Damit werden Kontaktmöglichkeiten für Aktivisten untereinander geboten. Die Infoläden vernetzen sich mit ähnlichen Projekten an anderen Orten und tauschen Material und Informationen aus. In der nächsten Phase beginnt ein kleiner Kreis mit sogenannten „Scheinbesetzungen“, welche nur als Symbol dienen. Diese Besetzungen dienen nur dazu die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, um mehrere Unterstützer für die „reale“ Besetzungen um sich zu scharren. Es gibt allerdings auch stille Besetzungen. Diese Besetzung soll solange wie möglich geheim bleiben, damit die Besitzer diese Räumlichkeiten einrichten können, um die produktive Nutzung als Argument gegen eine Räumung sammeln zu können. Die im ersten Schritt gegründeten Infoläden verzeichnen nach der Gründung des Autonomen Zentrums weniger Besucher und werden mit der Zeit aufgegeben oder gehen im Zentrum auf.

Foto: Emma/Stern , wikipedia.de