Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

09.12.2015

IMG_3335Von Alisa Sterkel

„Das Wichtigste aus meiner Sicht ist die Bereitschaft, sich für andere zu interessieren…“

Oskar Lafontaine im Gespräch

Herr Lafontaine, Sie haben mit 19 Jahren Physik studiert.Hatten Sie da nicht eigentlich geplant, einen Beruf in diesem Bereich zu ergreifen?Wie kam es dann zu dem Einstieg in die Politik?
Ich habe Physik studiert, nicht unbedingt, weil ich die innere Berufung zum Physiker gefühlt habe, sondern weil ich in den Fächern Mathematik und Physik in der Schule immer recht gute Noten hatte.Erst im Laufe des Studiums entdeckte ich mein Interesse an der Politik, das sich dann immer mehr verstärkte.

Wenn man in die Politik geht, hat man ja meistens gewisse Werte aus Überzeugung, die einen motivieren und für die man einstehen will. Welche waren das bei Ihnen?
Ich bin geprägt und aufgewachsen im katholischen Arbeitermilieu des Saarlandes, und daher istder Wertekanon der christlichen Soziallehre der Wertekanon, auf den ich mich von Anfang an berufen habe. Und ich freue mich, dassseit langer Zeit mal wieder ein Papst an der Spitze der katholischen Kirche steht, der diesen Wertekanonvertritt und für eine Wirtschafts- und Sozialpolitik wirbt, die ich für richtig halte.

Habenfür Sie auch zu der Zeit aktuelle politische Aspekte eine Rolle gespielt, zum Beispiel in Deutschland die APO (außerparlamentarische Opposition)?
Ja, es ging allgemein darum, die Nachkriegszeit hinter sich zu lassen.Die Nachkriegszeit war noch sehr stark bestimmt von autoritären Denkstrukturen aus der Nazizeit.Solche Denkstrukturen lösen sich ja nicht von heute auf morgen auf, und daher war es notwendig, dass die Studentengeneration gegen diese autoritären Denkstrukturen rebellierte und auch dagegen, dass die Vorgänger¬generation ihre politische Vergangenheit nicht aufarbeiten wollte.Das war für mich der entscheidende Erfolg der Studentenbewegung:Es wurde tatsächlich eine Öffnungder Gesellschaft erreicht.

Dass Sie 1985 die CDU im Saarland abgelöst haben, war ja ein großer Erfolg für Sie und die SPD. Dann sind Sie aber 1990 auch als Kanzlerkandidat angetreten. Wie kam der Einstieg in die Bundespolitik?
Die Nominierung zum Kanzlerkandidaten war im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass wir im Saarland immer besonders gute Wahlergebnisse hatten.So ist das in Parteien:Diejenigen, die gute Wahlergebnisse in ihrer Heimat haben, werden dann auch nominiert, weil man hofft, dass sie ähnlich gute Wahlergebnisse auf Bundesebene erreichen.

Was muss man an eigenen Fähigkeiten mitbringen, um es von der Landespolitik tatsächlich auch in den Bund zu schaffen?
Also, was die Fähigkeiten angeht, gibt es keine Unterschiede. Man muss sowohl in der Landespolitik als auch in der Bundespolitiküber die Fähigkeit verfügen, Sachverhalte zu erfassen und wenn man Wahlerfolge haben will, muss man über rhetorische Fähigkeiten verfügen, um den Wählerinnen und Wählern die eigene Vorstellung auch so zu vermitteln, dasssie sie verstehen können.Die Gefahr ist ja immer, dass Politiker in die Fachsprache abgleiten, und dann versteht sie keiner mehr.

Worin sehen Sie denn die Unterschiede zwischen der Arbeit eines Politikers im Land und der Arbeit im Bund?
Man kann vielleicht sagen, dass die Bundespolitik und die Landespolitik sich so unterscheiden wie etwa im Fußball die 1. Bundesliga unddie 2. Bundesliga.Die Bundespolitik hat doch einen viel größeren Entscheidungsspielraum für das soziale Leben der Menschen als die Landespolitik und entscheidet auch über Krieg und Frieden.Insofern ist die Bundespolitik eine größere Heraus-forderung.

Wie behält man für sich die Motivation weiterzumachen, auch wenn man seine politischen Konzepte mal nicht durchsetzen kann, wie man sich das vorstellt?
Das sind ja Einschränkungen, die man gleich erkennen muss.Man kann als Einzelner immer nur dazu beitragen, dass sich da oder dort Verbesserungen ergeben, aber man erlebt als Einzelner natürlich auch oft, dass die eigenen Vorstellungen nicht von der Mehrheit geteilt und daher auch nicht realisiert werden. Das ist eine pure Selbstverständlichkeit in der Politik genauso wie es selbstver-ständlich ist, dass sich in jedem politischen Leben Siege und Niederlagen finden, auch damit muss man leben.Man muss also lernen, Niederlagen zu verkraften und, wenn Niederlagengrößer sind, wie etwa meine Niederlage beim Bundestagswahlkampf 1990, dann ist schließlich das politische Engagement ausschlaggebend. Ich bin ja in die Politik gegangen,weil ich tatsächlich für diejenigen etwas tun wollte,von aus deren Mitte ich komme.Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie.In der Straße, in der ich aufwuchs, wohnten Hüttenarbeiter, und damit ist das Milieu geschildert, aus dem ich komme.Für diese Leute wollte ich etwas tun und – unabhängig von Wahlniederlagen oder Siegen -hat mich das immer motiviert bis zum heutigen Tage.Und was der Sinn etwa von Siegen ist, kann ich erläutern an der Rettung der saarländischen Stahlindustrie.Dass sie gelungen ist, hatmir natürlich auch das Gefühl gegeben, dass einiges von dem, was ich mir vorgenommen hatte,in der Politik auch möglich ist.

1999 sind Sie als Bundesfinanzminister zurückgetreten und haben auch alle weiteren Ämter niedergelegt. Woher kam 2005 dann wieder die Motivation, mit der WASG (Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit)eine neue politische Partei mit aufzubauen?
Mein Rücktritt war politisch begründet.Die zwei Fehlentscheidungen der rot-grünen Regierung, einmal den Sozialabbau einzuleiten über die Agenda 2010 und zum anderen, sich an dem völkerrechtswidrigen Jugoslawienkrieg zu beteiligen,wollte ich nicht mittragen. Und daraus ergibt sich auch schon die Antwort auf die Frage:Das Engagement für einen Sozialstaat, der auch ein menschenwürdiges Leben im Alter garantiert, oder das Engagement für eine Friedenspolitik – denken Sie an die Ukrainekrise – dieses Engagement bleibt ja und motiviert mich immer wieder, politisch tätig zu sein.

Worin sehen Sie rückblickend für sich die wesentlichen Unterschiede zwischen einem Politiker in der Opposition und einem Politiker in der Regierungsverantwortung?
Die Regierung ist natürlich erstrebenswerter,weil man Dinge konkret umsetzen kann.Das lernte ich schon als Bürgermeister in Saarbrücken. Wennes wichtig war, einen Kinderspielpatz zu bauen, konnte ich das umsetzen oder wenn ich die Idee hatte, ein Festival zu machen – zusammen mit anderen natürlich – wie das Max-Ophüls-Festival, dann konnte das eingerichtet werden.So war das auch in den 13 Jahren als Ministerpräsident.Ich nenne Ihnen mal den Ausbau der Informatik, die heute sehr wichtig für das Saarland ist, oder ich nenne die Einrichtung einer Kunsthochschule als ein Beispiel dafür, dass es nicht nur um wirtschaftliche Fragen oder Fragen der Infrastruktur geht.Also das waren Zeiten, in denen die Möglichkeit bestand, etwas umzusetzen. Selbst in der kurzen Zeit als Finanzministergelang das, weil wir direkt starteten mit Kindergelderhöhung und der Senkung des Eingangssteuersatzes.Auchkämpfte ich für die Steuerfreiheit der Nacht-, Schicht-, Sonn- und Feiertagsarbeit, ein Erfolg, der heute immer noch besteht. Auf der anderen Seite zeigt diese kurze Zeit als Bundesminister auch, wie man scheitern kann.Ich setzte mich für die Regulierung der internationalen Finanzmärkte ein, stand aber allein auf internationaler Bühne.Das war einer der Gründe für meinen Rücktritt. In der Opposition ist man natürlich politisch weitaus weniger in der Lage, irgendetwas zu bewirken, aber man kann Ideenpopulär machen.Ein klassisches Beispiel ist etwa die Einführung des Mindestlohnes.Als die Partei Die Linke mit dem Mindestlohn anfing,waren die anderen Parteien dagegen und die Gewerkschaften größtenteils auch noch, aber der Mindestlohn ist heute da. Ich glaube, dass die große Mehrheit der Bevölkerung mittlerweile sieht, dass er notwendig ist, nur ist er immer noch zu gering.

Was würden Sie sagen, was man als Jugendlicher heute an Fähigkeiten mitbringen muss, um in die Politik zu gehen?
Das Wichtigste aus meiner Sicht ist die Bereitschaft, sich für andere zu interessieren und die Fähigkeit zur Empathie. Das heißt, wenn man sieht, dass es anderen Menschen schlecht geht, muss man sich die Frage stellen:Kann ich da in irgendeiner Form helfen?Und diese Fähigkeit zum Mitleiden ist auch oft verloren, wenn man die Gesellschaft genau beobachtet.Wir reden ja von einer individualisierten Gesellschaft, jeder ist seines Glückes Schmied, und was der andere macht, interessiert nicht.Diese Fähigkeit muss gegeben sein,denn wenn ein echtes Mitempfinden für das Schicksal anderer da ist,sieht man nicht tatenlos zu etwa bei Flüchtlingen, bei Arbeitslosen oder bei Behinderten.Wenn diese Fähigkeit nicht gegeben ist, dann reduziert sich nach meiner Beobachtung die Politik auf Karrierismus.

Gut, aber man braucht doch sicher auch ein gewisses Durchsetzungsvermögen?
Ja, aber Durchsetzungsvermögen ist ja nach allen Richtungen einsetzbar. Auch der Verbrecher braucht Durchsetzungsvermögen.Ich will damit nur sagen, es ist ein neutraler Wert, der also nicht an höhere Werte gebunden ist. Natürlich ist es in der Politik wünschenswert,auch die Fähigkeit zur Durchsetzung seiner Vorstellungenzu entwickeln.

Was würden Sie sich von der heutigen Jugend mehr erwarten?
Ja, das ist immerschwer zu beantworten für jemanden, der die Jugend schon lange hinter sich hat.Das soll ja auch nicht oberlehrerhaft oder anmaßend daherkommen. Ich wünsche mir einfach, dass die heutige Jugend sich für die Menschen interessiert, denen es schlecht geht.

…mehr politisches Interesse?
Dasist ja die Grundlage jedes politischen Interesses, dass man sich für die Mitmenschen interessiert und aus diesem Interesse heraus entschließt, etwasfür die Anderen zu tun.

Das kann man natürlich auch in Vereinen machen, das führt also nicht automatisch in die Politik.
Man kann als Einzelner natürlich auch helfen, etwa jetzt in der Flüchtlingsfrage. Ärzte zum Beispiel gehen in Aufnahmelager und helfen. Da gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Aber in der Politik werden letztendlich die Weichen gestellt. Die Frage, wie viele Flüchtlinge Deutschland aufnimmt, und wie diese Menschen versorgt werden, die wird in der großen Politik entschieden.

Ist es für Sie eine Option, irgendwann ganz aus der Politik auszusteigen?
Aus den Ämtern und Mandaten ja, aber als politisch engagierter Mensch nicht.So lange ich denken kann, werde ich also nicht aus der Politik aussteigen können.

Eine Frage noch zum Abschluss: Was sind für Sie aktuell die drei drängendsten Probleme auf europäischer Ebene?
Die Flüchtlingsfrage, die Frage der wirtschaftlichen Entwicklung mit der Deindustrialisierung des Südens und die Frage von Krieg und Frieden, also die Ukraine.

Foto: Alisa Sterkel