Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

12.10.2016
Die verlorene Hoffnung auf Frieden

Vor einigen Wochen ging ein erschreckendes Bild um die Welt: eine Momentaufnahme aus einem Video der syrischen Aktivistengruppe, die den fünfjährigen Jungen Omran D. zeigt, der blutverschmiert und von Staub bedeckt in einem Krankenwagen in Aleppo sitzt. Kurz zuvor zertrümmerte eine Bombe sein Haus. Der kleine Omran kam mit leichten Verletzungen davon, sein Bruder jedoch verstarb im Krankenhaus. Diese Aufnahme ging durch alle internationalen Medien, Moderatoren berichteten mit zitternder Stimme, einige konnten bei diesem Anblick ihre Tränen nicht mehr unterdrücken. Ähnliche Reaktionen löste das Bild des vierjährigen Alan Kurdi aus, dessen leblosen Körper das Meer an den türkischen Strand trieb. Diese beiden Jungen sind zu Symbolträgern für Millionen syrische Kinder geworden. Über die Hälfte der 24 Millionen Vorkriegseinwohner Syriens lassen sich mittlerweile in folgende Kategorien einordnen: kriegsversehrt, tot, im Sterben liegend, gefoltert, terrorisiert, an Hunger leidend, auf der Flucht oder obdachlos.

Der Autor Patrick Regan zeigt sich in seinem Buch „Civil Wars and Foreign Powers“ nicht sonderlich optimistisch, wenn es um den Syrienkrieg geht. Seiner Meinung nach wird der syrische Bürgerkrieg länger als ein gewöhnlicher Bürgerkrieg dauern, der im Durchschnitt eine Zeitspanne von zehn Jahren umfasst. Als Grund nennt er die Einmischung anderer Staaten in den syrischen Konflikt. Seit 2011 steigt das innenpolitische Spannungspotenzial stetig an, die Arabische Republik hat sich zu einem hochbrisanten Pulverfass entwickelt.

Staffan Domingo de Mistura, UNO-Gesandter für Syrien, berichtete im April 2016 von mindestens 400.000 Toten seit Kriegsbeginn im Jahr 2011, knapp fünf Millionen Syrer sind laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR bereits als Flüchtlinge in der Türkei, dem Libanon, Jordanien und in Europa registriert. Seit Frühjahr 2011 stellen sich hauptsächlich folgende Fragen: Was sind eigentlich die Ursachen des dramatischen Konfliktes? Wer kämpft gegen wen? Und wie kann der Krieg beendet werden?

Ausgangspunkt des syrischen Konflikts war eine friedliche Demonstration im Zuge des Arabischen Frühlings, die in einer bewaffneten Auseinandersetzung endete und schließlich in einen hoch komplexen Krieg mündete. Gründe für die zahlreichen Protestaktionen in den Ländern des Nahen Ostens waren hauptsächlich konfessioneller, sozialer und wirtschaftlicher Natur. Hinzu kommt die Willkür des syrischen Staates, der als brutaler Überwachungsstaat seine Bevölkerung mittels repressiver Maßnahmen im Zaum hält. Als Schlüsselereignis für den Krieg gilt ein Verbrechen des syrischen Regimes gegen die Menschlichkeit im März 2011 in Daraa. Fünfzehn Kinder wurden in Daraa verhaftet und gefoltert, da ihnen vorgeworfen wurde, regimefeindliche Graffitis an Wände gesprüht zu haben, mit denen der Sturz der Regierung gefordert wurde. Daraufhin begannen friedliche Proteste von Bürgern, woraufhin Streitkräfte wiederholt das Feuer auf die Demonstranten eröffneten.

Wer ist am syrischen Bürgerkrieg beteiligt?

Bis Ende des Jahres 2015 konnten sich im Zuge des Krieges auf syrischem Territorium sechs Machtblöcke behaupten:

  1. Das syrische Regime
  2. Die salafistische Rebellenfront, angeführt von Jaish al-Islam (Armee des Islam) und den Ahrar al-Sham (Freie Männer Syriens). Es handelt sich hierbei um Verbündete, die in unterschiedlichen Gebieten operieren: Jaish al-Islam im Umland der Hauptstadt Damaskus und Ahrar al-Sham im Norden, Nordwesten und Zentralsyrien. Beide unterhielten zeitweise ein Bündnis mit der Nusra-Front.
  3. Der syrische Al-Qaida-Ableger Jabhat al-Nusra li Ahl al-Sham (Front der Unterstützer für das Volk Groß-Syriens, auch als Nusra-Front bezeichnet)
  4. Al-Dawla al-Islamiyya, der IS (arabisches Akronym: Daish)
  5. Die Rebellenallianz der Freien Syrischen Armee (FSA): Die FSA war zu Beginn des Konfliktes der mächtigste Gegner des Assad-Regimes. Im Jahr 2015 erlitt die Rebellenallianz jedoch erhebliche Rückschläge.
  6. Und schließlich die Volksverteidigungseinheiten der kurdischen Partiya Yekitiya Demokrat (Partei der Domokratischen Union, PYD).

Die aufgelisteten Akteure treten jedoch nicht isoliert auf, sondern in Allianz mit anderen Verbänden, wie etwa im Falle des Regimes die libanesische Hisbollah, eine schiitische Partei und Miliz. Fast in allen Teilen des Landes können Menschen zu Opfern von Gewalt werden, doch es gibt Gebiete, in denen die Einwohner noch halbwegs sicher leben können. Hierzu gehören die vom Regime kontrollierten Teile des Küstengebietes. Dies ist der Grund, weshalb es auch innerhalb des Landes zu massenhaften Fluchtbewegungen kommt.

Welche Ziele verfolgen die Kriegsparteien?

  1. Das syrische Regime verfolgt das Primärziel der Wiedererrichtung eines Herrschaftsmonopols auf dem gesamten syrischen Territorium. Doch selbst mit den von Russland und Iran gestützten Militäroffensiven wird dieses Ziel auf absehbare Zeit nicht erreicht werden können. Hinzu kommt das Streben nach Kontrolle über die Hauptstadt Damaskus sowie die Umlandgebiete, über Zentralsyrien, die Küste sowie über die zentralen Verkehrswege, Industriezentren und Rohstoffe.
  2. Die salafistischen Rebellengruppierungen Ahrar al-Sham und Jaish al-Islam fordern den Sturz des Assad-Regimes und zielen auf die Errichtung eines Islamischen Staates ab.
  3. Die Nusra-Front fordert ebenso den Sturz des Regimes sowie die Vertreibung Ungläubiger aus Syrien. Vor dem IS galt diese Gruppierung als brutalste und radikalste dschihadistische Terrorgruppe. Dieser Akteur besaß enorme finanzielle Mittel, weshalb Unterstützung aus dem Ausland, etwa der Türkei, Saudi-Arabien sowie den Golfstaaten, vermutet wurde.
  4. Das primäre Ziel von Daish ist der Aufbau eines Islamischen Staates um die von den Kolonialmächten gezogenen Grenzen wieder aufzulösen. Anschließend soll die Eroberung der muslimischen Welt sowie der gesamten Welt erfolgen. Dabei soll zunächst im eigenen Land aufgeräumt werden und die historische, nichtmuslimische Identität der Arabischen Republik Syrien vernichtet werden.
  5. Die Freie Syrische Armee fordert den Sturz des Regimes. Sie tritt jedoch nicht unabhängig auf, sondern fungiert als militärischer Arm der im Ausland organisierten Oppositionskoalition Al-Itilaf. Ihr eigentliches Ziel war es, möglichst viele Regimegegner für sich zu gewinnen ohne ein konkretes politisches Ziel vorzuweisen.
  6. Die kurdische Partiya Yekitiya Demokrat (Partei der Domokratischen Union, PYD) verfolgt das Interesse, ein autonomes Herrschaftsgebiet im Norden und Nordosten des Landes zu errichten. Die Partei kämpft hauptsächlich gegen den IS, um die Bevölkerung und die Ressourcen der Arabischen Republik zu verteidigen.

Warum konnte der Konflikt bislang nicht gelöst werden?

Bei dem syrischen Bürgerkrieg handelt es sich nicht nur um einen lokalen Krieg, dieser ist ebenso auf regionaler, internationaler und transnationaler Ebene lokalisiert. Lokal bekriegen sich Assad-Befürworter und Assad-Gegner, regional herrschen Konflikte zwischen Iran und den arabischen Golfstaaten sowie zwischen der Türkei und der kurdischen Partei PKK. International zwischen Russland und den USA und transnational, da die Akteure über Landesgrenzen hinweg operieren. Jegliche internationale Friedensversuche scheiterten, da sich einer der wichtigsten Akteure, nämlich Staatspräsident Baschar al-Assad, kompromisslos zeigt. Unklar ist zudem, auf welchem Weg mit dem IS verhandelt werden soll, der das moderne Staatensystem ablehnt. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier fasste es sehr passend zusammen: „Es wird keinen Waffenstillstand ohne Assad geben. Es wird keine Zukunft für Syrien mit Assad geben.“ Die Situation in Syrien ist nichts weiter als ein Wettstreit um Macht und Geld und die Lösung des Konflikts scheint unrealistisch, zumindest in der nächsten Dekade. Was fehlt, ist der Mut der Bevölkerung in Syrien eine Alternative zu den tonangebenden Kriegsparteien zu bilden.