Letzte "Chilly" erschienen!

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17.09.2015
Was macht Salafismus so attraktiv?

koranDie Zahlen sind alarmierend. Etwa 600 junge Men­schen aus Deutsch­land haben sich auf den Weg nach Syrien gemacht um dort an Seite der IS zu kämpfen. Die Anziehungskraft dieser fanatis­chen Gotteskrieger scheint groß. Weltweit ist ein Anstieg der Dschi­hadis­ten zu beobachten, wovon ein Großteil für den „Islamis­chen Staat“ kämpft. In Deutsch­land gibt es schätzungsweise etwa 7000 radikalisierte Salafis­ten. Eine Gefahr ist vor allem in den Syrien-Rückkehrern zu sehen. Man muss davon aus­ge­hen, dass sie sich im Umfeld der Islamis­ten stark radikalisiert haben und nun in die Gemein­den zurückkehren.

Was aber macht den Salafis­mus für junge Men­schen so attrak­tiv? Wieso ziehen salafistis­che Predi­ger wie Pierre Vogel so viele Jugendliche an?

Ziel­gruppe salafistis­cher Grup­pen sind vor allem Jugendliche und junge Erwach­sene. Sie nutzen unter anderem die Tat­sache aus, dass der Islam in der Öffentlichkeit oft mit einer neg­a­tiven Kon­no­ta­tion disku­tiert wird. Dieser Umstand verun­sichert viele junge Men­schen, die dieser Glauben­srich­tung ange­hören. Der von ihnen prak­tizierte Glaube, der großer Bestandteil ihrer Iden­tität ist, stößt oft auf Ablehnung. Als Kon­se­quenz ger­aten sie in eine Iden­tität­skrise, fühlen sich aus­geschlossen und min­der­w­er­tig. Das führt dazu, dass viele junge Mus­lime sich ver­stärkt mit ihrem Glauben auseinan­der­set­zen. Oft stoßen sie bei Eltern und Schule auf wenig Gehör, weshalb sie sich im Inter­net informieren. Dies spielt in die Karten salafistis­cher Grup­pen. Denn das Inter­net ist eine opti­male Plat­tform für salafistis­che Pro­pa­ganda. Die Salafis­ten wis­sen sich im Inter­net zu präsen­tieren und bieten vie­len Jugendlichen eine Quelle für Fra­gen bezüglich des islamis­chen Glaubens. Sie ver­sprechen, was den Jugendlichen so oft fehlt: Anerken­nung, Gemein­schaft und Zuge­hörigkeits­ge­fühl. Dadurch stürzen sich viele junge Mus­lime in eine ide­al­isierte islamis­che Iden­tität. Hier­bei erre­ichen die Salafis­ten nicht nur mus­lim­is­che Glaubens­brüder. So gibt es zahlre­iche Kon­ver­titen, die sich der salafistis­chen Ide­olo­gie anschließen.

Seit 2005 sind in Deutsch­land viele salafistis­che Grup­pen ent­standen, die das ver­meintlich wahre Wort Gottes predi­gen. Ihre Ausle­gung des Korans ist gottge­fäl­lig und ver­spricht die Auf­nahme in das Paradies. Sie wen­den sich an Mus­lime und Nicht-Muslime mit der Aus­sicht auf Ori­en­tierung und Iden­tität. Sie geben eine klare Rich­tung mit Struk­turen vor. In den salafistis­chen Gemein­schaften finden viele Anhänger das, was ihnen fehlt: eine Per­spek­tive. Sie kön­nen sich an fes­ten Nor­men und Werten ori­en­tieren. Oft ist zu beobachten, dass Anhänger der salafistis­chen Ide­olo­gie aus schwieri­gen oder brüchi­gen Ver­hält­nis­sen kom­men, per­sön­lich und beru­flich gescheit­ert sind. Der Hass der Salafis­ten auf das, was dem Islam wider­spricht, ist in vie­len Fällen eine psy­chol­o­gis­che Bewäl­ti­gungsstrate­gie, um das per­sön­liche Scheit­ern und die emp­fun­dene Benachteili­gung in der Gesellschaft zu kompensieren.

Pierre Vogel legt den Jugendlichen nahe, dass es nie zu spät sein, zum Glauben zurück­zufinden und sich von den Sün­den reinzuwaschen. Diese Rück­kehr zum Glauben dient vie­len als Ausweg vom All­tag, in dem sie nicht zurechtkom­men. Predi­ger wie Pierre Vogel oder Has­san Dab­bagh sind charis­ma­tisch und ver­bre­iten ihre Ide­olo­gie in einer für die Jugendlichen ansprechen­den Art und Weise. Außer­dem predi­gen sie auf Deutsch, was von vie­len dank­end angenom­men wird, da sie teil­weise nur schlecht ara­bisch oder türkisch sprechen. Desweit­eren finden sie Anklang bei Kon­ver­titen, die der ara­bis­chen Sprache nicht mächtig sind.

Wis­sen, Wahrheit, Gehor­sam, Gemein­schaft, Gerechtigkeit

Es gibt also zahlre­iche Gründe, die den Salafis­mus beson­ders für Jugendliche attrak­tiv machen. Zusam­men­fassend kann man das, was die salafistis­chen Grup­pen anbi­eten in fol­gen­den Stich­punk­ten bün­deln: Wis­sen, Wahrheit, Gehor­sam, Gemein­schaft und Gerechtigkeit. In den salafistis­chen Kreisen erhof­fen sich die Jun­gendlichen, Wis­sen über ihren Glauben zu erlan­gen. In einer Sprache die für sie ver­ständlich ist. Überdies organ­isieren die Salafis­ten Infor­ma­tionsver­anstal­tun­gen an, die Möglichkeit bieten sich mit anderen Jugendlichen mit ähn­lichem Hin­ter­grund und Lebenssi­t­u­a­tio­nen zu tre­f­fen. Die Unverbindlichkeit dieser Ver­anstal­tun­gen ist für viele eine attrak­tive Alter­na­tive zu den klas­sis­chen Koran­schulen. Desweit­eren beanspruchen die Salafis­ten für sich, die Wahrheit zu ken­nen. Der islamis­che Glaube und die salafistis­che Ide­olo­gie tra­gen viele Wider­sprüche in sich. Oft führt dies dazu, dass junge Mus­lime, deren Ken­nt­nis über den Islam meist ger­ing ist, verun­sichert sind. Die Salafis­ten bieten mit ihrer Schwarzweiß-Denkweise eine Stütze. Sie wis­sen was richtig und was falsch ist. Anhand dessen kann eine Rich­tung vorgegeben wer­den, wie man sein Leben zu führen hat. Typ­isch für junge Men­schen ist desweit­eren, dass sie sich gegen etablierte Struk­turen auflehnen. Sie sind auf der Suche nach einem Weg. Diese Hürde nehmen ihnen die Salafis­ten, indem sie allein den Gehor­sam vor Gott vorschreiben. Ferner ist Gemein­schaft ein sehr wichtiger Fak­tor, der den Salafis­mus attrak­tiv macht. Salafis­ten ver­sprechen Halt in ihrer Gemein­schaft. Viele junge Men­schen, die sich in einer Iden­tität­skrise oder schwieri­gen Lebenssi­t­u­a­tion befinden, suchen Zuflucht bei den Salafis­ten. Hier stoßen sie auf Gle­ich­gesin­nte, die ver­ste­hen, mit welchen Prob­le­men man sich quält. Die klaren Struk­turen, Werte und Nor­men inner­halb der salafistis­chen Gemein­schaft bieten einen Rück­halt. Man ist umgeben von Brüdern und Schwester. Dieses starke Grup­penge­fühl kom­pen­siert oft die eigene Unsicher­heit und Per­spek­tivlosigkeit. Diese Gemein­schaft der Salafis­ten behauptet zudem von sich selbst, dass sie für die Gerechtigkeit in der Welt kämpfen. In vie­len Teilen der Welt, u.a. in der ara­bis­chen Welt gibt es viel Leid und Elend. Kriege, Glauben­skriege und Armut machen vie­len Men­schen zu schaf­fen. Diesen Umstand instru­men­tal­isieren die Salafis­ten für ihre eige­nen Ziele. Hier­bei klären sie nicht über die Hin­ter­gründe auf und ver­suchen Lösungsan­sätze zu schaf­fen. Vielmehr vere­in­fachen sie die Prob­lematik auf einen Kon­flikt zwis­chen Gut und Böse. Dabei ste­hen die Salafis­ten auf der guten Seite und set­zen sich für die Mus­lime in der ganzen Welt ein, da es eine Pflicht sei, für den wahren Islam zu kämpfen. Dieser Ansatz fördert unter Umstän­den die Gewalt­bere­itschaft vieler Islamisten.