Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

05.06.2015
ein Erfahrungsbericht

CostaRica2_Nicolas KrottenMein Name ist Nicolas Krotten, ich bin 19 Jahre alt und komme aus Hasborn im Nordsaarland. Nach meinem Abitur im letzten Jahr habe ich mich dazu entschlossen, einen Weltwärts-Freiwilligendienst mit der Entsendeorganisation „EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst“ in Costa Rica zu absolvieren. Meine Hauptbeweggründe waren neben dem Verbessern meiner Spanischkenntnisse und dem Kennenlernen einer mir fremden Kultur, auch die Hoffnung, mit diesem Freiwilligendienst vielleicht auch wenigstens ein winzig kleines bisschen zur Völkerverständigung beizutragen. Gerade in der heutigen Zeit, in der weltweit wieder bewaffnete Konflikte aufflammen, die europäischen Staaten eher weiter auseinanderdriften als aufeinander zugehen und wieder verstärkt Ressentements (heimlicher Groll) gegen alles Fremde geschürt werden, scheint mir diese Art der Verständigung notwendiger denn je.

Seit mehr als acht Monaten befinde ich mich nun schon in Costa Rica in Mittelamerika, wo ich einen internationalen Freiwilligendienst bei der Nicht-Regierungsorganisation (NGO) „Hogares CREA“ in Birrisito leiste. Diese Organisation wurde in Puerto Rico gegründet und ist seit mehr als 50 Jahren im Bereich der Behandlung von Erwachsenen und Jugendlichen mit Drogenproblemen in großen Teilen Lateinamerikas und den Vereinigten Staaten tätig. Ich selbst arbeite in einem Zentrum, das von Jungen im Alter von aktuell 12 bis 18 Jahren bewohnt wird. Diese kommen häufig, aber nicht immer, aus schwierigen familiären Verhältnissen und haben alle in der Vergangenheit Drogen konsumiert. Hierbei reicht das Spektrum von legalen Drogen, wie Alkohol oder Tabak, über weiche Drogen, beispielsweise Cannabis, bis zu harten Drogen, am häufigsten Crack und Kokain. Besonders der Handel mit Cannabis, Crack und Kokain entwickeln sich immer mehr zu einem ernsten Problem in Costa Rica, da das Land auf dem Transitweg zwischen den Anbaugebieten in Kolumbien und den Hauptkonsumenten in den USA liegt und daher durch die international agierenden Drogenkartelle von diesen Substanzen geradezu überschwemmt wird.
In meiner Einsatzstelle wird, da es ja keine Klinik ist, das Augenmerk weniger auf einen direkten Entzug gelegt, dies geschieht, sofern überhaupt körperlich abhängig machende Drogen mit im Spiel waren, bereits vorher. Das Prinzip von „Hogares CREA“ sieht vor, dass die Jugendlichen, die hier „Residentes“ genannt werden, selbst von ihrer Drogensucht loskommen wollen und sich freiwillig internieren müssen. Deshalb ist der „Hogar“ (was im deutschen etwa soviel bedeutet wie „Heim“ oder „Haushalt“) auch keine geschlossen Anstalt und die Jugendlichen können das Programm, wann immer sie wollen, abbrechen.

Morgens gehen die Residentes ganz normal zur Schule, der Unterricht wird von Lehrern eines nahegelegenen Colegios in den Räumlichkeiten des Hogars durchgeführt. Der Rest des Tages wird zu einem gewissen Teil mit Therapien verbracht, bei denen die erfahreneren Jugendlichen die neueren unterstützen. Zur Betreuung sind in der Einsatzstelle ein Sozialarbeiter, eine Psychologin, ein Supervisor und ein Director, der ebenfalls im Hogar schläft, angestellt. Ferner gibt es noch eine Köchin, einen Hausmeister und mich als Freiwilligen. Mein Aufgabenbereich ist dabei sehr weit gefasst: Anfangs half ich oft in der Küche oder bei handwerklichen Tätigkeiten, wie dem Anstreichen der Gebäude, und gab auch ab und zu Deutschunterricht. Momentan werde ich größtenteils in der Verwaltung eingesetzt und begleite die Jugendlichen außerdem zu Terminen außerhalb der Einsatzstelle, wie beispielsweise Arztbesuchen oder Vorladungen der Justizbehörden.
In der Freizeit der Residentes und bei Ausflügen spiele ich auch oft Fußball mit ihnen. Der Fußball ist in Costa Rica die unangefochtene Nummer eins unter den Sportarten und praktisch jeder der Jungs ist Fan eines der großen Clubs der Primera División, der höchsten Spielklasse des Landes. Dieser Ausgleich ist eminent wichtig für die Jugendlichen. Beim Sport und den gelegentlichen Ausflügen ins Schwimmbad oder in den Freizeitpark können sie von der oftmals sehr anstrengenden und Disziplin erfordernden Therapie im Hogar abschalten und ihre Probleme, mit denen sie sonst ständig arbeiten müssen, wenigstens für eine kurze Zeit ausblenden und das ganz ohne den Einsatz von Drogen.

In den vergangenen Monaten habe ich bereits unglaublich viel Neues gelernt und Erfahrungen gemacht, die ich niemals vergessen werde. Ich kann einen Freiwilligendienst jedem, egal ob jung oder alt, Hauptschulabschluss oder Abitur, uneingeschränkt empfehlen und hoffe, dass es noch viele Generationen von Volontären nach der meinigen geben wird.

 

Text und Bilder von Nicolas Krotten