Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

02.11.2016
Wie Extremisten geschickt moderne Medien einsetzen

Zu Beginn der 90er Jahre hat die rechtsradikale Szene einen enormen Wandel unternommen. Ziel dieses Wandels war vor allem eine moderne Art potentielle Anhänger anzusprechen. Dabei konzentriert sich die Szene seither vor allem auf jugendaffine Medien. Über Schulhof-CDs, Internetportale und soziale Netzwerke versucht der moderne Nazi die Freizeit der Jugendlichen mit politischen Inhalten zu verbinden. Besonders Soziale Netzwerke und Blogs sind ein wesentliches Instrument der digitalen Verbreitung des eigenen rechtsextremistischen Gedankenguts. Ein Instrument, das nicht zuletzt auch aufgrund der angespannten finanziellen Lage der NPD enorm an Bedeutung gewonnen hat. Nirgends lassen sich so günstig politische Inhalte an eine breite Masse vermitteln. Teure Wurfpostkampagnen kann man heute auf Facebook mit weniger Finanzmitteln viel effektiver und zielgerichteter durchführen. YouTube-Stars oder Blogger erreichen mit wenig Geld mehr Menschen als TV Sender, die teure Fernsehserien produzieren. So bieten sich Soziale Netzwerke an, um kontinuierlich auf eigene Aktionen hinzuweisen oder auch eigene politische Ideologien zu propagieren.

 

Auch Rechtsextreme verwenden das Internet und im Speziellen Soziale Netzwerke, um ihre Ideen zu propagieren oder um auf Aktionen hinzuweisen. Parteien im rechten Lager, wie die NPD (Nationaldemokratische Partei Deutschlands) nutzen das World Wide Web, um auf ihre Organisation aufmerksam zu machen. Beispielsweise findet man auf der Internetseite der NPD Saar Informationen zur Parteistruktur, handelnden Personen, Kampagnen oder Veranstaltungen. Hier unterscheiden sich rechtsextreme Parteien kaum von anderen. Mit der Internetseite sollen vor allem Parteimitglieder und Wähler über die Partei und ihr Programm informiert werden. Der Auftritt wirkt seriös und aufgeräumt – im Gegensatz zum Schmuddel- und Schlägerimage der Organisation. Allerdings scheinen soziale Netzwerke eine besondere Bedeutung im rechtsextremen Lager zu haben. So zählt der Facebookauftritt der NPD 160.000 Likes, während die zwei größten Parteien Deutschlands die SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) und die CDU (Christlich Demokratische Union Deutschlands) gerade einmal 110.000 Likes erreichen. Sowohl Sozialdemokraten also auch Union haben allerdings bundesweit jeweils circa 450.000 Mitglieder, während die NPD gerade einmal auf knapp 5.000 kommt.

 

Die Facebook-Präsenz der NPD ist gefüllt mit populistischen, teils aber auch offen rassistischen Beiträgen, die in Zeiten der Flüchtlingskrise vor allem auch die Angst vor vermeintlich unkontrollierter Einwanderung schüren soll. Statt einer sachlichen Diskussion zu den Herausforderungen, vor die uns der Krieg in Syrien und die Flucht der dort lebenden Menschen vor dem sicheren Tod stellt, wird hier vor allem „die Gunst der Stunde“ genutzt, um rechtsradikale Thesen über vermeintlich kriminelle Ausländer zu verbreiten. Teils sehr tragische Ereignisse, die eine immense Öffentlichkeitswirkung erzielen, werden instrumentalisiert, um Ansichten zu verbreiten, die mit einem ausgewogenen, demokratischen Gesellschaftsbild unvereinbar sind. Während die NPD bis vor einigen Jahren noch darum bemüht war, nicht zu extrem zu erscheinen und so auch für die bürgerliche Mitte interessant zu werden, zeigt sich insgesamt seit Beginn der Flüchtlingskrise im Internet wieder eine zunehmende Eskalation der Rhetorik.

 

Hier spielt allerdings auch eine leider sehr effiziente Strategie der Populisten eine große Rolle: die verdeckte Einflussnahme im Netz, also die hohe Netzaktivität von NPD-Anhängern und anderen Rechtsradikalen, die allerdings auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen sind. Dies lässt sich vor allem an der eingangs erwähnten Diskrepanz zwischen ihrer Mitgliederzahl und ihrer Zahl an Unterstützern in Sozialen Netzen nachvollziehen. Durch die überdurchschnittliche hohe Anzahl an Tweets oder Posts auf Facebook entsteht für die Nutzer leicht die Illusion, dass die Zahl der Vertreter dieser Thesen viel größer wäre, als sie tatsächlich ist. Das führt einerseits zu einer Art Gewöhnungseffekt, andererseits aber auch zu einer Art Rechtfertigungsgrundlage für eine immer fortschreitende Radikalisierung. Wer für sich selbst, vor allem aber für seine Anhänger die Illusion schafft, zu einer unterdrückten Mehrheit zu gehören, kann in dieser isolierten Gruppe eine viel aggressivere Rhetorik, aber eventuell auch Handlungsweise rechtfertigen.

 

Doch diese Illusion hat noch weitere gefährliche Effekte. Psychologische Studien aus dem Bereich der Konformitätsexperimente (so etwas wie die Erforschung des Gruppenzwangs) zeigen, dass die Moralvorstellungen der Menschen nicht nur von ihrer Erziehung geprägt sind, sondern auch sehr stark davon abhängen, welche Meinung von der Mehrheit vertreten wird. So kann der Druck der vermeintlichen Mehrheitsmeinung auch unsere Vorstellung von moralischem Handeln und demokratisch vertretbaren oder nicht mehr vertretbaren Positionen verschieben und am Ende korrumpieren. Denn wer eine unmoralische Handlung bewerten soll, neigt eher dazu sie als moralisch vertretbar zu bewerten, wenn die Mehrheit der Menschen seines Umfeldes das tut.

 

Essentieller Bestandteil ihrer Vorgehensweise ist außerdem die systematische Diskreditierung glaubwürdiger Quellen, wie beispielsweise der Tageszeitungen oder der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Traditionelle Medien, die meist bemüht sind objektiv Bericht zu erstatten, werden als „Lügenpresse“ diffamiert, um eine Situation zu schaffen, in der alle Meinungsbildner des öffentlichen Diskurses, die die eigenen Thesen widerlegen und als unwahr entlarven könnten, von vorn herein unglaubwürdig sind. Dass dieses Bild der vermeintlich kontrollierten „Einheitsmedien“ überhaupt gezeichnet werden kann, ist gerade eine Konsequenz der Illusion der unterdrückten Mehrheit. Da die Kommentare und Berichte der Medien zum Teil sehr stark von der illusorischen Mehrheitsmeinung abweichen, erscheint es gerade so, als wollten sie über die vermeintliche Wahrheit hinwegtäuschen. In einer solchen Situation werden dann anderen Quellen herangezogen, um Belege für die eigene Ideologie zu finden, was zu der seltsam anmaßenden Tatsache führt, dass jeder, der von seinem eigenen Keller aus unreflektiert nicht recherchierte Behauptungen postet, glaubhafter ist, als ein Journalist, dessen Beruf die objektive Recherche und Berichterstattung des Tagesgeschehens ist.

 

Mit dieser Strategie kreieren Populisten und Rechtsradikale in Sozialen Medien eine Parallelwelt, in der sie unwiderlegbar jegliche Behauptung aufstellen können und so besonders leicht ihre Ideologie verbreiten können. Alle Fakten, die sich nicht in ihr Weltbild fügen, sind schlicht erlogen. Die einzige Wahrheit, die zählt, ist die eigens erfundene und jeder, der ihrer Illusion unterliegt, ist leicht manipulierbar und vor allem auch wesentlich leichter radikalisierbar.