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05.11.2017
Rechtsextremistische Musikveranstaltungen im Aufwärtstrend

Laut Bundesverfassungsschutz hält auch im Jahr 2017 der seit vier Jahren ansteigende Trend bei rechtsextremistischen Konzerten an. Obwohl sich sowohl die rechte Szene als auch die Bedeutung der politischen Inhalte ihrer Musik im Vergleich zu den 1990er und 2000er verändert haben, bleibt der Zweck der teils dubiosen Veranstaltungen gleich. Zum einen dient die Musikszene nach wie vor als Einstieg, um vor allem junge Frauen und Männer als neue Kameraden zu rekrutieren. Musik als essentieller Bestandteil des Rechtsextremismus ist zudem in der Moderne angekommen. Nicht nur Rechtsrock oder rassistischer Hardcore verbreiten die Neonazi-Parolen, sondern sie finden sich auch in ausländerfeindlichem Hip Hop und völkischen Liedern wieder. Zum anderen stärken besonders große Veranstaltungen wie zum Beispiel die diesjährigen Rockkonzerte im thüringischen Themar und Gera den Zusammenhalt der Szene und bieten Gelegenheit zur Vernetzung bzw. zum Austausch untereinander. Hinzu kommt, dass die Gewinne aus der Vermarktung von Shirts, CDs, DVDs usw. zur Parteienfinanzierung genutzt werden. Die rechtsextremistische Musikszene lässt sich in drei Bereiche teilen, die alle seit 2013 einen zunehmend größeren Zulauf erfahren. Auffällig ist der Anstieg der Liederabende auf 71 im vergangenen Jahr, der höchste Wert seit zehn Jahren. Grund dafür ist der geringe Organisationsaufwand und die große emotionale Wirkung auf die im Durchschnitt etwa 200 Teilnehmer, bei denen die Vermittlung politischer Botschaften stärker im Vordergrund steht als bei Konzerten rechtsextremistischer Bands. Die Live-Auftritte einzelner Bands wirken durch ihren „Eventcharakter“, der aggressiven Musik und exzessivem Alkoholgenuss enorm identitätsstiftend. Mit 68 Veranstaltungen im Jahr 2016 bleiben die Live-Konzerte eine wichtige Komponenten der rechten Szene.

Den größten Part machen aber „sonstige Veranstaltungen“ mit 84 im letzten Jahr aus, da diese gerade im Juli dieses Jahres für besondere mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit sorgten – anders als Liederabende, die für die breite Öffentlichkeit meistens verborgen bleiben. Die Attraktivität dieser Musikveranstaltungen unter den Namen „ Rock für Deutschland“ am 01. Juli 2017 in Gera oder „Rock gegen Überfremdung“ am 15. Juli in Themar resultieren aus ihrer Verbotsfestigkeit. Einerseits sorgen die Musikbands für Stimmung wie bei Konzerten, andererseits entsteht durch Auftritte von Rednern rechter Parteien der Charakter einer politischen Versammlung. War der langjährige Rücklauf der rechtsextremen Musikveranstaltungen unter anderem dem Repressionsdruck der Bundesländer, aber auch tendenziell rückläufigen Band-Neugründungen geschuldet, so wird deutlich, dass die Organisation der Veranstaltungen immer professioneller geplant wird, um Auseinandersetzungen mit den Behörden zu vermeiden.

Das bereits genannte und medial bekannte Konzert „Rock gegen Überfremdung“ ist ein Beispiel dafür, wie Anwohner und die Politik an einem Verbot des Festivals gescheitert sind. Das bundesweit seit Jahren größte Konzert mit etwa 6000 Teilnehmern aus ganz Europa fand auf einem Gelände im thüringischen Themar statt, das einem ehemaligen AfD-Politiker gehört. Angemeldet als politische Kundgebung konnte die Veranstaltung aufgrund des geltenden Versammlungsrechts nicht verboten werden. Die Beweise, dass die Veranstalter mit dem „Spendeneintritt“ von 30€ tatsächlich einen kommerziellen Gewinn erzielen, waren offenbar nicht ausreichend, weshalb gar nicht erst versucht wurde das zweite Festival in Themar am 29. Juli verbieten zu lassen. Letztendlich kam es nicht zu den befürchteten Ausschreitungen, die Polizei verhängte beim Großkonzert vom 15. Juli dennoch über 40 Strafanzeigen wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Bedrohung, Körperverletzung sowie Verstöße gegen das Waffengesetz. Ähnlich verlief es beim 2. Themar-Festival, allerdings filmte die Polizei die komplette Veranstaltung, um im Nachhinein stärker gegen die Vergehen wie zum Beispiel das Zeigen des Hitlergrußes vorgehen zu können. Gerade die ostdeutschen Bundesländer werden diesbezüglich von der rechten Szene immer wieder in den Fokus gerückt. Nicht nur in Themar und Gera fanden in diesem Jahr bereits größere Veranstaltungen statt, auch Eichsfeld, Torgau und Kirchheim zählen dazu. Doch auch in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen finden Musikveranstaltungen der rechten Szene statt. Genutzt werden Immobilien und Grundstücke, die rechtsextremen Anhängern gehören. Obwohl die steigende Zahl der einzelnen Veranstaltungen die hohe Bedeutung von Musik für den Zusammenhalt der rechten Szene belegen, erfüllen diese weiterhin die Funktion der Mobilisierung und Ideologisierung. Insgesamt hat die Besucherzahl der in Deutschland stattfinden Veranstaltungen im Jahr 2016 abgenommen. Nicht zu verachten sind allerdings Konzerte und Festivals, die im europäischen Ausland wie der Schweiz, Belgien und vor allem in Frankreich mitorganisiert werden: Die Zusammenarbeit zwischen französischen und deutschen Rechtsextremisten belegen die bereits in Metz/ Lothringen stattgefundenen Großveranstaltungen 2017.