Nächste Redaktionssitzung 05. Mai

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10.01.2018
Der Bundespräsident lädt zum Bürgerfest ein

Von Sandra Cavallaro

Seit fünf Jahren wird in Berlin jährlich das Bürgerfest des Bundespräsidenten gefeiert, zur Würdigung aller, die mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement zu einer starken Zivilgesellschaft beitragen. Am 8. September lud Frank-Walter Steinmeier 4.000 ehrenamtlich Engagierte ins Schloss Bellevue ein, am 9. September waren dann alle Bürger/innen willkommen. Rund 14.000 Besucher/innen nutzten die Gelegenheit, den Bundespräsidenten hautnah zu erleben und seinen Amtssitz zu besichtigen. Doch nicht nur Herr Steinmeier, auch zahlreiche Initiativen, Vereine und Unternehmen boten Einblicke in ihre gemeinwohlorientierte Arbeit. Im Schlosspark hatten die vielfältigsten Organisationen einen Infostand, einige Ehrenamtliche nahmen sogar an Bühnengesprächen teil.
Unter dem Titel „Engagement – für eine lebendige Demokratie“ diskutierten der ehemalige Fußballprofi Gerald Asamoah, der Schauspieler Florian David Fitz sowie die Klimaforscherin und Lehrerin Nana Schön mit dem Bundespräsidenten über die Bedeutung von Ehrenämtern und wie diese die Demokratie stärken. Herr Steinmeier bezeichnete das Ehrenamt als Klebstoff unserer Gesellschaft: Vielleicht ist es die praktische Solidarität im Alltag, das Engagement von Menschen, die an mehr denken als an sich selbst, was unsere Demokratie stabilisiert.
Doch was treibt Menschen an, sich ehrenamtlich zu betätigen? Aktuell tun dies in Deutschland 23 Millionen, mehr als je zuvor.
Der Bundespräsident sieht die große Zuwanderung von Flüchtlingen als einen Auslöser, durch den viele den Antrieb verspürt haben zu helfen. Interessant ist, dass einige der Engagierten neben der Flüchtlingsbetreuung jetzt auch in anderen Gesellschaftsbereichen tätig sind. „Man muss zunächst mal mit freiwilliger Ehrenamtlichkeit in Kontakt kommen und wer damit in Kontakt getreten ist, der wird es auch selbst als Bereicherung erfahren“, erklärte Frank-Walter Steinmeier.
Einer, dem man ansieht, wie gut es tut zu geben, ist Diskussionsteilnehmer Gerald Asamoah. Mit 20 Jahren wurde bei dem damaligen Fußballspieler ein lebensbedrohlicher Herzfehler diagnostiziert, weshalb sein Beruf auf der Kippe stand. Doch er kämpfte sich zurück ins Leben und zurück auf das Spielfeld. Die Einnahme von Medikamenten und die Auflage des DFB, dass bei jedem seiner Matches ein Defibrillator am Spielfeldrand stehen müsse, beeinträchtigte Geralds mutige Entscheidung nicht. Trotz großer Beeinträchtigung erzielte Asamoah einige Erfolge beim FC Schalke 04, bevor er sich 2015 nach seinem 323. Bundesligaspiel vom Platz zurückzog, um als Trainer zu fungieren, sein Leben vor allem aber einem Projekt zu widmen: der Stiftung für herzkranke Kinder. Es ist seine Herzensangelegenheit: „Zu sehen, dass die Kinder wieder gesund sind, es gibt nichts Schöneres. Das ist, was man sich wünscht und deswegen versuche ich, etwas von dem Glück zurückzugeben, das mir widerfahren ist und zu zeigen, dass es immer Sinn macht, an den eigenen Träumen festzuhalten und diese zu verwirklichen.“ „Etwas zurückgeben“ ist Asamoahs Lebensmotto. Er ist Deutschland für alles unglaublich dankbar, was er hier erreicht hat, nachdem er als 12-Jähriger aus Ghana emigriert war, um mit seinen Jahre zuvor geflüchteten Eltern zusammenleben zu können.
Damit andere Kinder dasselbe Glück haben können wie er, setzt er sich auch gegen Rassismus ein. Dabei ist es sein Ziel, Kinder zu erreichen. „Erwachsene kann man vielleicht nicht mehr ändern, aber mit Jugendlichen und Kindern kann man reden und ihnen sagen, dass wir alle gleich sind. Und dafür muss man einfach mehr tun“, so der Fußballprofi, der für Kinder ein Vorbild sein möchte.
Auch Nana Schön, Trägerin des Deutschen Engagement Preises 2017, arbeitet ehrenamtlich mit Jugendlichen. Die Lehrerin ist Mentorin des Projekts „Jugend hackt“. Sie unterstützt Schüler dabei, nach ihren eigenen Ideen Apps zu entwickeln, die die Welt ein bisschen besser machen, z.B. einen Lebensmittelscanner, der den Co2-Fußabdruck von Produkten anzeigt. „Es ist immer wahnsinnig toll zu sehen, was die Jugendlichen für tolle Ideen haben, diese Kreativität und der unbedingte Wille, das jetzt hinzukriegen, dass sie sich innerhalb kürzester Zeit alle notwendigen Sachen beibringen“, schwärmt Frau Schön von dem Tatendrang ihrer Schüler. Als Lehrerin möchte sie den Jugendlichen zeigen, was sie in unserem Staat bewirken können, womit Sie ihnen auch das Gefühl geben möchte, sich mit unserer Gesellschaft zu identifizieren und an der Demokratie teilhaben zu können. „Gerade beim Thema Demokratie ist es wichtig, die Sichtweise der Jugendlichen ernst zu nehmen und ihnen beizubringen, dass Demokratie bedeutet, es ist unser Staat, es ist die Gesellschaft, die wir gemacht haben und die wir auch verändern können, damit sie nicht das Gefühl kriegen, es interessiert niemanden, was ich denke“.
Der Bundespräsident betont, wie wichtig es ist, das Erringen um die Köpfe der Menschen nie aufzugeben. Denn Demokratie an sich ist ja erstmal neutral, der Name Demokratie macht das Staatssystem ja nicht automatisch gut, sondern eine Demokratie kann nur so gut sein, wie wir es sind. Florian David Fitz erinnerte daran, dass woanders ja auch ganz andere Leute gewählt werden, die sich nicht in unserem Sinne demokratisch oder rechtstaatlich verhalten. Das Unverständnis und die Empörung darüber hat zumindest den Vorteil, dass wir aufwachen und sehen, wie wichtig es ist, seine Meinung in unsere Politik einfließen zu lassen, wählen zu gehen.
„Das mit der Demokratie, das ist eine sehr anstrengende Sache und das können wir auch nicht verhindern, aber ihr müsst wissen: Demokratie ist nicht vom Himmel gefallen, sie ist über Generationen erkämpft worden. Wenn man eine Demokratie hat, muss man wissen, das kann auch wieder verloren gehen, wenn sich niemand darum kümmert“, richtet der Bundespräsident sein Plädoyer vor allem an Kinder und Jugendliche. Bei seiner Reise in alle Bundesländer hat er fokussiert Schulen und Ausbildungswerkstätte besucht, um mit jungen Leuten über die Fundamente der Demokratie, deren Anfechtungen und Zukunft zu diskutieren. Denn für die Urteilungsfähigkeit, die benötigt wird, um sich eine eigene politische Meinung zu bilden, geht nun mal nichts an Bildung vorbei. Als Grundstoff für Bildung sieht Herr Steinmeier das Lesen.
Die Stiftung Lesen wurde auf dem Podium, neben dem Bundespräsidenten als Schirmherr, von Florian David Fitz vertreten, der sich seit zwei Jahren als Lesebotschafter engagiert. Die Fähigkeit, seine Perspektive zu ändern, die man beim Lesen erlernt, sieht er als Grundlage für politische Urteilungsfähigkeit. Wenn man sich beim Lesen in eine andere Welt denkt, z.B. in die eines Menschen, der schon seit 500 Jahren tot ist, kann man sehen, welche Probleme damals ähnlich oder anders waren und erweitert sein Weltbild. Das Einnehmen anderer Perspektiven fehlt Florian ein bisschen in unserer heutigen Zeit, „weil wir die Demokratie missverstehen als ein Selbstbedienungsladen, also ich wähle das, was meine Bedürfnisse befriedigt, anstatt vielleicht einen Schritt zurück zu gehen und zu sagen, es ist schwer genug diesen Kreuzer durch den Ozean zu steuern, dieses ganze Land und diese ganzen Interessen zu bündeln und dann noch etwas Anständiges im Konflikt mit anderen Ländern zu machen, die vielleicht anders fahren wollen.“ Um Demokratie und generell die Sichtweisen anderer zu verstehen, tut es immer gut, in eine andere Haut zu schlüpfen, was beim Lesen automatisch passiert.
Die Stiftung Lesen sagt: „Es ist vollkommen egal, was du liest, du musst nur Freude daran haben.“
In Erinnerung an seine eigene Schulzeit betont Florian David Fitz, wie schrecklich es sein kann, gezwungenermaßen ein Buch zu lesen. Als Botschafter der Stiftung Lesen ist seine Aufgabe nicht hohe Literatur in die Welt zu tragen, sondern möglichst vielen Menschen den Spaß am Lesen zu vermitteln und vor allem zu ermöglichen. Jeder siebte Deutsche ist funktionaler Analphabet. Damit alle die gleichen Bildungschancen haben, ist das Ziel der Stiftung, dass Lesen Teil jeder Kindheit und Jugend wird. Fast ein Drittel der Eltern liest ihren Kindern zu selten vor. Um möglichst alle Eltern zu erreichen, hat sich die Stiftung Lesen z.B. mit 5000 Kinderärzten zusammengeschlossen, die allen Patienten Lese-Kids-Starter-Pakete schenken. Zum Welttag des Buches am 23. April können alle Viert- und Fünftklässler in Deutschland über ihre Lehrer oder den örtlichen Buchhandel ein Buchgeschenk erhalten.
Eine weitere erfolgreiche Kampagne ist der bundesweite Vorlesetag. Jedes Jahr am dritten Freitag im November begeistert die Aktion mittlerweile über 130.000 Vorleser/innen, die gemeinsam über zwei Millionen kleinen und großen Zuhörern vorlesen. Dieses Jahr kann am 17. November jeder dabei sein, um ein Zeichen zu setzen und Geschichten zum Geschenk zu machen.
Am 9. September wurde ein kleiner Teil des Schlossparks von Schloss Bellevue zu einem Vorlesegarten. Florian David Fitz las ein Kapitel aus „Krabat“ vor, dem Vater von „Harry Potter“, wie er seinen Jugendbuchtipp nennt. Weitere Bestseller von Otfried Preußler hat er vor allem für die kleinsten Leseanfänger empfohlen. Die hatte der Bundespräsident als Publikum bei seiner Lesung von Cornelia Funkes „Der geheimnisvolle Ritter Namenslos“. „Das Schöne ist ja, wenn man vorliest, dass man merkt, mit welcher Begeisterung, mit welcher Konzentration die Kinder dabei sind, obwohl sie wahrscheinlich den Ausgang der Geschichte schon kannten“, freut sich Herr Steinmeier über seine jungen Zuhörer. „Das Lesen ist immer noch die beste Medizin gegen Dummheit und Verdummung“ – und die einfachste Form, sich ehrenamtlich zu engagieren.
Über die verblüffend vielfältigen Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren, konnte sich jeder beim Rundgang durch den Schlosspark informieren und sich von mancher außergewöhnlichen Tätigkeit inspirieren lassen. Ob Vereine wie die Freiwillige Feuerwehr, Projekte im Umweltschutz, im Kulturbereich oder für Integration und Inklusion unterstützt werden oder ob einzelne Personen in der Hausaufgaben- oder Krankenbetreuung helfen – jedes Ehrenamt stiftet Zusammenhalt und belebt die Demokratie. Damit das Zusammenleben in unserem Land weiterhin gelingt, ist der Nachwuchs gefragt!

Foto: Steffen Kugler