Neue "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

02.11.2017
Geschichte einer deutschen Terrororganisation

Seit den späten 1960er Jahren veränderte sich die Bundesrepublik Deutschland in rasantem Tempo. Die junge Nachkriegsgeneration entfremdete sich zunehmend den Lebensgewohnheiten und Wertvorstellungen ihrer Eltern bzw. Großeltern. Auf der Suche nach demokratischer Mitbestimmung und Selbstverwirklichung stellten sie einerseits kritische Fragen zur Rolle der älteren Generation im Nationalsozialismus. Andererseits setzten sie sich unter anderem für Solidarität mit der Dritten Welt und soziale Gerechtigkeit in Deutschland ein, indem sie sich in Bürgerinitiativen und neuen Bewegungen zusammenschlossen.

Der soziale Wandel brachte auch die zunächst friedlichen Studentenbewegungen der 1960er-Jahre bzw. die 68-Bewegung hervor: Die Proteste richteten sich gegen starre Lehrmethoden an Schulen und Universitäten, vor allem aber gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem in Westdeutschland. Die „linken Rebellen“ vertraten die politische Auffassung, dass der Besitz ungerecht verteilt sei, die Macht in erster Linie nur den reichen Menschen sowie Staaten gehöre, die aufgrund dessen Herrschaftsansprüche stellen und die Ärmeren unterdrücken. Außerdem warfen sie dem Großteil der Gesellschaft vor, lediglich auf ihren persönlichen Vorteil bedacht zu sein und zu wenig auf die Gemeinschaft und die Umwelt zu achten. Aus ihrer Sicht zwang der „Staat“, zu dem Politiker, Polizisten, Richter usw. zählten, der Gesellschaft ein autoritäres, unterdrückendes System auf.

Man verurteilte alle Anhänger der Studentenvereinigung gewaltbereit und radikal zu sein, weshalb Protestaktionen von der Polizei gewaltsam beendet wurden. Trauriger Höhepunkt und zugleich Wendepunkt der Proteste zwischen Studenten und Staat war der Tod des friedlichen Demonstranten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in Berlin durch die Waffe eines Polizisten. Die Konfrontation zwischen Studentenbewegung und Polizei versetzte Berlin monatelang in eine Art Ausnahmezustand und führte nach längeren Auseinandersetzungen unter anderem zum Rücktritt des Polizeipräsidenten, des Innensenators und Regierenden Bürgermeisters. Seit Ende 1967 richteten sich studentische Aktionen verstärkt gegen den Springer-Konzern, in dem Tageszeitungen wie „Die Welt“ und „Bild“ erschienen. Der Springer-Presse wurde vorgeworfen, eine Hetzkampagne gegen Studenten und „Linke“ zu führen, indem sie verfälscht über die Studentenbewegung berichtete und Wortführer wie den Soziologie-Studenten Rudi Dutschke als Staatsfeinde verteufelte.

 

Ab diesem Zeitpunkt spalteten sich extreme Gruppierungen von den mehrheitlich friedlichen Protestlern ab, die ihren überzeugten Kampf gegen das System mit allen Mitteln führen wollten. Die radikale, gewaltbereite Einstellung der RAF-Mitglieder fand hier ihren Nährboden, da sie nach denselben Zielen strebten, aber mit einem ganz entscheidenden Unterschied: Sie hielten sich nicht an die Regeln des demokratischen Staates und versuchten ihre Ziele mit Mord, Erpressung und Gewaltanschlägen durchzusetzen. Die „Rote Armee Fraktion“ wird deshalb – im Gegensatz zu friedlichen linken Gruppierungen – als „linksextremistische Terrororganisation“ bezeichnet.

Als erste Generation bezeichnet man die Gruppe deutscher Terroristen, die sich seit Anfang der 1970er Jahre um die zentralen Figuren Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof bildete und bis Ende 1974 zahlreiche Banküberfälle sowie Bombenanschläge verübte.

Um gegen das „imperialistische System“ zu protestieren, legten Ensslin und Baader am 2. April 1968 mit weiteren Verbündeten Brände in zwei Frankfurter Kaufhäusern. Am 14. Mai 1970 wurde dem inhaftierten Andreas Baader ein Besuch der Bibliothek des „Zentralinstituts für soziale Fragen“ in Berlin zugestanden. Die populäre Journalistin Ulrike Meinhof sollte dort mit ihm an einem Buch arbeiten. Meinhof verbündete sich mit der RAF und verhalf Baader mit bewaffneten Gleichgesinnten zur Flucht. Dieser medienwirksamer Coup wird heute als Geburtsstunde der RAF angesehen, weil sich die führenden Köpfe nun gefunden hatten: Baader, Meinhof, Ensslin und der Anwalt Horst Mahler. Die Gruppe setzte sich nach Jordanien ab, um dem Fahndungsdruck in Deutschland zu entgehen und eine militärische Ausbildung zu absolvieren. Nach ihrer Rückkehr im August 1970 überfielen sie mehrere Banken, stahlen Fahrzeuge und Dokumente, um Wohnungen, Autos und Waffen zu beschaffen und ihr Leben im Untergrund zu finanzieren. Dabei kamen in den Folgejahren auch viele unschuldige und unbeteiligte Menschen zu Tode.

Tatsächlich war die „Baader-Meinhof-Bande“ zu diesem Zeitpunkt noch namenlos. Der Begriff Rote Armee Fraktion erschien erstmals 1971 in dem von Ulrike Meinhof verfassten Strategiepapier „Das Konzept Stadtguerilla“, das ursprünglich aus Lateinamerika stammt, worin sie die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes propagierte. Hier erschien zum ersten Mal das Symbol der Roten Armee Fraktion: der rote Stern mit Maschinenpistole.

Der Terror beginnt mit dem Tod eines Hamburger Polizisten während einer Verfolgungsaktion im Oktober 1971. Im Mai 1972 begann die sogenannte „Mai-Offensive“: Um gegen den Vietnam-Krieg zu protestieren, verübte die RAF eine Serie von Bombenanschlägen, unter anderem auf die Hauptquartiere der US-Armee in Heidelberg und Frankfurt. Es folgten in kurzen Abständen Bombenanschläge auf die Augsburger Polizeidirektion, das Landeskriminalamt München, den Wagen eines ermittelnden Bundesrichters und das Axel-Springer-Haus in Hamburg.                              Die daraufhin ausgelöste Großfahndung führte innerhalb eines Monats zur Festnahme der meisten RAF-Mitglieder: Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe am 1. Juni 1972, Gudrun Ensslin am 7. Juni 1972, Brigitte Mohnhaupt und Bernhard Braun am 9. Juni 1972, Ulrike Meinhof und Gerhard Müller am 15. Juni 1972, Klaus Jünschke und Irmgard Möller am 7. Juli 1972. Die Verhaftungen von Helmut Pohl, Margrit Schiller, Wolfgang Beer, Christian Eckes, Ilse Stachowiak und Eberhard Becker erfolgten am 4. Februar 1974.

Die erste Generation der RAF musste sich ab dem 21. Mai 1975 im Stammheim-Prozess in Stuttgart für vier Mordfälle und 54 versuchte Mordfälle verantworten. Für den Prozess wurde die Strafprozessordnung in mehreren Punkten geändert. Im Rahmen der Abhöraffäre von Stammheim wurden zudem Gespräche zwischen den Angeklagten und deren Verteidigern verfassungswidrig durch das Bundesamt für Verfassungsschutz abgehört. Außerdem wurden zahlreiche Befangenheitsanträge gestellt. Der Prozess war einer der aufwändigsten und längsten der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte und endete am 28. April 1977 mit dem Urteil einer lebenslangen Freiheitsstrafe für die Angeklagten. Das Urteil wurde nicht rechtskräftig, da sich die letzten drei Angeklagten Baader, Ensslin und Raspe – Holger Meins starb noch vor Prozessbeginn, Ulrike Meinhof beging im Mai 1976 Selbstmord – in der „Todesnacht von Stammheim“ am 18. Oktober 1977 das Leben genommen hatten. Das Ereignis war der Schlusspunkt des „Deutschen Herbstes“, in dem die zweite Generation der RAF versuchte, die inhaftierten Terroristen freizupressen. Als Reaktion wurde am selben Tag der entführte Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ermordet.

Den Kern der zweiten RAF-Generation bildeten anfangs Baaders Anwalt Siegfried Haag, nach dessen Verhaftung Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar. Mohnhaupt hatte schon zur ersten Generation der RAF gehört. Sie hatte mit Baader eine Haftstrafe verbüßt und handelte als sein verlängerter „freier“ Arm. Am 24. April 1975 überfielen sechs RAF-Mitglieder die deutsche Botschaft in Stockholm. Sie forderten die Freilassung von 26 Gefangenen, darunter die RAF-Spitze. Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt lehnte einen Gefangenenaustausch ab. Es folgte die Hinrichtung von zwei Diplomaten, allerdings starben auch zwei Geiselnehmer bei der Bombenexplosion.                                                                                                                                              Die Brutalität der zweiten RAF-Generation löste in der BRD Terrorangst aus, wohingegen die erste Generation noch Sympathisanten in der Bevölkerung hatte. Mit der „Offensive ’77“ erreicht der Terror der RAF im Jahr 1977 seinen Höhepunkt: im April verübt sie einen Mordanschlag auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback und dessen Fahrer. Es folgte ein misslungener Entführungsversuch im Juli, bei dem RAF-Mitglieder den Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto erschossen. Die Situation spitzte sich weiterhin zu, als am 13. Oktober 1977 palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine „Landshut“ auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt entführten, um die RAF-Anführer in Gefängnis Stammheim freizupressen. Die Befreiung der Flugzeuginsassen im somalischen Mogadischu wurde der erste Einsatz für die GSG 9, die Eliteeinheit des Bundesgrenzschutzes. Am 18. Oktober wurden drei der vier Entführer getötet und alle Geiseln befreit. Die Reaktion war die Todesnacht von Stammheim und die Ermordung von Schleyer, das elfte Opfer der RAF im Terrorjahr 1977.

Ab diesem Zeitpunkt zeigten sich erste Auflösungserscheinungen. Anfang der 1980er Jahre tauchten viele RAF-Mitglieder in der DDR unter. Zwar wurden weiterhin Morde im Namen der RAF begangen, doch die Intensität des Terrors nahm ab und mit ihr die Angst. Die Auseinandersetzung zwischen der RAF und dem Staat kostete 61 Menschen das Leben. 34 wurden durch die Rote Armee Fraktion ermordet, 27 starben in den Reihen der RAF. Am 20. April 1998 löste sich die RAF selbst auf: In einem achtseitigen Schreiben an verschiedene Presseagenturen verkündete sie: „Vor 28 Jahren am 14. Mai 1970 entstand aus einer Befreiungsaktion die RAF. Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte.“

Das Kapitel RAF ist eine Ausnahme und zugleich größte Herausforderung der innenpolitischen Ordnung in der deutschen Geschichte gewesen. Für die Bundesrepublik war der Kampf gegen die Terroristen eine harte Belastungsprobe, die sie bis heute prägt. Noch immer sorgt die Rote Armee Fraktion für kontroverse Debatten, etwa um vorzeitige Haftentlassungen ehemaliger RAF-Terroristen oder der Inanspruchnahme der RAF durch die Kunst und Pop-Kultur. So verglich der Theaterdirektor Claus Peymann, bis Sommer 2017 Intendant des Berliner Ensembles, in einem Spiegel Interview (15/2017, Seite 120) die RAF Terroristen mit „Soldaten“.

Foto: Privates Foto, aus der Sammlung Bettina Röhls, der Tochter Ulrike Meinhofs / Ulrike Meinhof, deutsche Journalistin und RAF-Mitglied, wikipedia.de