Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

28.05.2015
Der Weg zu einem vereinten Europa

Flag_of_EuropeIn diesem Jahr feiert Europa zum 70. Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee und das Ende des Zweiten Weltkrieges. Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Jener Krieg warf einen dunklen Schatten über die deutsche und europäische Geschichte. Er brachte unermessliches Leid, Tod und Elend über große Teile Europas. 55 Millionen Menschen starben, davon 5,5 Millionen Deutsche, etwa sechs Millionen Juden und Bürger zahlreicher anderer Staaten. Zu jener Zeit stand Europa politisch und moralisch am Abgrund. Die Europäer waren mit gutem Grund erschöpft und hoffnungslos.

70 Jahre später leben wir in einem vereinten Europa. In einem Europa, in dem uns Frieden und Menschenrechte völlig normal erscheinen. Ein Europa ohne Grenzen und einer gemeinsamen übergeordneten Rechtsordnung. Ein gemeinsames Europa. Doch wie konnte sich der zerstörte Kontinent so rasch erholen?

Nach den katastrophalen Folgen des Zweiten Weltkrieges und des sich anbahnenden Ost-West-Konfliktes gab es Bestrebungen Europa durch neue institutionelle Strukturen zu einer dauerhaften Friedensordnung zu verhelfen. Ein erster Schritt hierzu war die „Züricher Rede“ Winston Churchills vom 19.09.1946. In seiner Rede forderte Churchill die Schaffung einer Art „Vereinigter Staaten von Europa“.

(…)It is to recreate the European Family, or as much of it as we can, and to provide it with a structure under which it can dwell in peace, in safety and in freedom. We must build a kind of United States of Europe. In this way only will hundreds of millions of toilers be able to regain the simple joys and hopes which make life worth living (…)

Hierbei sollten Deutschland und Frankreich die Grundpfeiler bilden, während sich die Briten als außen stehender Partner verstanden. Auch der “Marshall-Plan” von 1947 trug zu Bestrebungen bei, europäische Institutionen zu schaffen, die über Verteidigungszwecke hinausgehen sollten(WEU, Europarat). Zu einem einschneidenden Ereignis der europäischen Integration kam es im Jahr 1950. Jean Monnet, Leiter des französischen Planungsamtes, fertigte für den französischen Außenminister Robert Schuman ein Arbeitspapier (Schuman-Plan)aus, das vorsah, die französische und deutsche Schwerindustrie – nämlich Kohle und Stahl, einer gemeinsamen Aufsichtsbehörde zu unterstellen. Mit der gegenseitigen Kontrolle der Kohle- und Stahlproduktion durch eine gemeinsame Behörde sollte der Grundstein für eine Friedensordnung gelegt werden. Hierbei sollten neben Deutschland und Frankreich auch Italien sowie die Benelux-Staaten Hoheitsrechte auf ein gemeinsames Organ abtreten. Weiteren europäischen Staaten sollte ebenfalls die freiwillige Teilnahme ermöglicht werden.

(…) Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen. (…) Die französische Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen, in einer Organisation, die anderen europäischen Ländern zum Beitritt offen steht. (…)

Der Vorschlag wurde von Deutschland, Italien und den Benelux-Staaten angenommen. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) wurde ins Leben gerufen und trat am 23.06.1952 in Kraft. Die Zusammenarbeit der beteiligten Staaten erstreckte sich jedoch zunächst nur auf den wirtschaftlichen Bereich. So scheiterte der Aufbau einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft(EVG) an der französischen Nationalversammlung, die nicht dazu bereit war ihre staatliche Souveränität weiter einzuschränken.

1957 wurde mit den „Römischen Verträgen“ ein weiterer Grundstein für die europäische Integration gelegt. Die Europäische Atomgemeinschaft(EURATOM) und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft(EWG) wurden begründet. Sie ähnelten strukturell der EGKS und umfassten die sechs Gründungsmitglieder. Nach der Einrichtung dieser Gemeinschaften folgte eine Zeit des politischen Stillstands. In den sechziger Jahren kam es zu einem Grundsatzstreit zwischen Frankreich und der restlichen Gemeinschaft hinsichtlich der Weiterentwicklung der europäischen Integration. So wehrte sich Frankreich unter de Gaulle vehement gegen die Abtretung weiterer Hoheitsrechte. Dies führte zur französischen „Politik des leeren Stuhls“, die sich dadurch kennzeichnete, dass die französische Regierung den Sitzungen der EWG fernblieb. Beiseitegelegt wurde diese Streitigkeit durch den sog. „Luxemburger Kompromiss“. Er sah vor, dass über die für die Mitgliedstaaten wesentlichen Angelegenheiten nur einvernehmlich entscheiden werden durfte. 1973 folgte die „Norderweiterung“. Großbritannien, Irland und Dänemark wurden Mitglieder der Gemeinschaften. 1981 und 1986 wurden Griechenland(1981) sowie Spanien und Portugal(1986) im Rahmen der „Süderweiterung“ in die Gemeinschaft aufgenommen. 1995 folgten Schweden, Österreich und Finnland. Erheblich vergrößert wurde die europäische Gemeinschaft am 01.05.2004 durch die „Osterweiterung“. Polen, Estland, Lettland, Litauen, die Tschechische Republik, die Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und Zypern(griechischer Teil) werden Mitgliedstaaten. 2007 erlangen Bulgarien und Rumänien den Status eines Mitgliedstaates. 2013 trat Kroatien als 28. Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaft bei.

Der Weg zu einem gemeinsamen Europa war ein langer und beschwerlicher Weg. Viele Anstrengungen wurden unternommen und Kompromisse eingegangen um dieses Europa zu ermöglichen. Man mag es kaum glauben, denkt man an 1945 zurück. Heute – in Zeiten, in denen Europa in einer Krise steckt und rechtspopulistische Parteien immer stärker werden, sollten wir an die Mühen der letzten 70 Jahre denken. Wir dürfen nicht vergessen wieso diese Europäische Gemeinschaft zusammengewachsen ist. Umso wichtiger ist es, für sie einzustehen. Es ist nun an uns für ein gemeinsames Europa zu kämpfen. Der Grundstein hierfür wurde gelegt.

Foto: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flag_of_Europe.svg