Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

13.01.2018
Terror, der um die Welt geht

Von Sebastian Klein

Charlie Hebdo am 7. Januar in Paris. Ein Ereignis, mit dem scheinbar urplötzlich die Terrorgefahr nah zu sein gewesen schien und seither auch ist. Sicherlich, wenn wir nur vom (selbst ernannten) „Islamischen Staat“ ausgehen, so mag dies stimmen. Seit der Ausrufung des Kalifats im Juni 2014 ist der IS präsenter denn je. Entstanden ist er dabei aber tatsächlich schon 2003 und geht auf den irakischen Widerstand (bewaffnete Gruppierungen, die gegen die Besetzung des Iraks durch die USA (Irakkrieg) kämpften) zurück. Ab 2004 operierte die Organisation als „al-Qaida im Irak“, 2007 als „Islamischer Staat“ im Irak, und 2011 als „Islamischer Staat“ im Irak und in Syrien. Mit der Ausrufung des Kalifats und der einhergehenden Umbenennung in „Islamischer Staat“ versuchte sich die Gruppe international zu profilieren. Das Kalifat stellt dabei aber auch einen richtigen Staat mit eigenen Gesetzen und Regierung dar. Sie regulieren das Leben der Bevölkerung aufs Äußerste, jede Zuwiderhandlung kann die öffentliche Hinrichtung zur Folge haben. Dies hat natürlich zum größten Teil ungebrochener Gehorsam zur Folge.

Der erste definitiv dem IS zuzuordnende Anschlag war am 23. September 2014 in Australien mit zwei verletzten Polizisten. Einen Tag darauf wurde in Algerien ein französischer Tourist enthauptet. Bis Ende des Jahres wurden in sechs verschiedenen Ländern (inklusive Frankreich) insgesamt sieben Menschen getötet und 35 verletzt. Dementsprechend, und da es einen sichtbaren politischen Hintergrund hatte sowie mit Paris eine Weltstadt in unserer Nähe traf, hat der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo mit anschließender Verfolgungsjagd und zwei Tage späterer Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt durch dieselben Täter das Sicherheitsgefühl stark beschädigt. Und die nachfolgenden Monate haben dieses keinesfalls verbessert:

29. Januar 2015, Ägypten: 44 Menschen starben bei mehreren Bombenanschlägen.
20. Februar, Libyen: 40 Menschen starben durch insgesamt drei Autobomben.
18. März, Tunesien: Zwei Attentäter schossen im Nationalmuseum von Bardo um sich und töteten 24 Menschen, 50 wurden verletzt.
20. März, Jemen: Vier Attentäter sprengten sich in Moscheen in die Luft und töteten 142 Menschen, 345 wurden zum Teil schwer verletzt. Er gehört bis heute zu den gravierendsten Anschlägen des IS.

Am 26. Juni versuchte ein Attentäter eine Produktionsanlage für Industriegase nahe Lyon in die Luft zu sprengen. Zuvor hatte er seinen Vorgesetzten enthauptet und den Kopf am Zaun aufgespießt. Glücklicherweise wurde er am Tatort von Feuerwehrleuten überwältigt, bevor er sein Ziel erreichen konnte und somit blieb es bei diesem einen, dennoch sehr schrecklichen Mord, der die allgemeine Meinung der Bevölkerung über den IS und sein Gefahrenpotenzial sowie dem Islam allgemein auf eine neue Stufe hob.

Am 10. Oktober mischten sich zwei Selbstmordattentäter unter demonstrierende Menschen in Ankara. 102 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.
Am 31. Oktober stürzte eine russische Passagiermaschine mit 224 Menschen an Bord über der Sinai-Halbinsel in Ägypten ab. Bis heute ist der Absturz nicht abschließend geklärt, Russland spricht aber von einer Bombe und somit einem terroristischen Anschlag. Der IS hat diesen für sich reklamiert. Alle 224 Passagiere kamen ums Leben.

Am 13. November 2015 fanden an fünf verschiedenen Orten in Paris gleichzeitig Anschläge durch insgesamt 13 Attentätern statt. Während des Freundschaftsspiels zwischen Frankreich und Deutschland im Stade de France versuchte ein Selbstmordattentäter einige Minuten nach Spielbeginn ins Stadion zu gelangen. Bei der Sicherheitskontrolle entdeckte der Beamte die Sprengstoffweste, woraufhin der Attentäter flüchtete, den Sprengsatz kurz darauf auf der Straße zündete und einen Passanten mit in den Tod riss. Ein zweiter Attentäter versuchte dasselbe an einem anderen Eingang, er kam ebenfalls nicht rein und sprengte sich außerhalb in die Luft. Ein Dritter stand an einem Fast-Food-Restaurant und zündete seinen Sprengstoffgürtel kurz vor 22 Uhr. Alle drei Detonationen waren im Stadium zu hören, wurden aber mit Feuerwerkskörpern erklärt. Durch diese besonnene Reaktion der Sicherheitskräfte, keine Spielunterbrechung und Absperrung des Stadions während der zweiten Halbzeit, konnte eine Massenpanik verhindert werden. Dadurch starb insgesamt, neben den drei Attentätern, nur eine weitere Person.
Zeitgleich wurde im 10. Arrondissement, wenige Kilometer vom Stadion entfernt, aus einem Auto heraus auf Restaurantbesucher geschossen. 15 Menschen starben. Weniger hundert Meter weiter schossen sie erneut wahllos auf Menschen in Autos und Geschäften. Fünf weitere Menschen kamen ums Leben. Als der Attentäter einzelne Personen vor einem Restaurant erschießen wollte, hatte er Probleme mit seiner Waffe, was wohl Dutzenden das Leben rettete. Er stieg erneut ins Auto und erschoss während der Fahrt eine weitere Person. Nur wenige Augenblicke später zielten die Angreifer erneut aus ihrem Fahrzeug wahllos auf Menschen in einem Lokal, 19 starben.
Ein weiterer Attentäter wollte sich in einem Café in die Luft sprengen, die Bombe detonierte aber unvollständig und hatte keine Todesopfer, außer dem Angreifer, zur Folge.
Die meisten Todesopfer gab es im „Bataclan“, einem Theater im 11. Arrondissement, zu beklagen. Drei mit Kalaschnikow-Sturmgewehren bewaffnete Attentäter stürmten das Theater, wo an jenem Abend die „Eagles of Death Metal“ vor etwa 1500 Konzertbesuchern spielten. Die Attentäter schossen zehn Minuten lang wild ins Publikum und warfen Handgranaten. Sie töteten insgesamt 90 Menschen, Dutzende wurden zum Teil schwer verletzt.
Insgesamt verloren an jenem Abend 130 Menschen ihr Leben, 350 wurden verletzt und 97 davon schwer.

Der erste, zumindest islamistisch motivierte Anschlag, eine „Märtyreroperation für den IS“, wie dem damals 15-jährigen Safia aus Hannover von der Bundesanwaltschaft vorgeworfen wurde, fand am 29. Februar 2016 statt. Dieser provozierte demnach eine Personenkontrolle, um dann mit einem Gemüsemesser auf die Beamten einzustechen. Ein Polizist wurde dabei lebensgefährlich verletzt.

Am 22. März sprengten sich zwei Attentäter am Flughafen Brüssel-Zaventem am Check-In-Schalter in die Luft, ein weiterer im U-Bahnhof Maalbeek. Insgesamt starben 32 Menschen, über 300 wurden verletzt.

Am 12. Juni hat ein Terrorist, der mit dem IS sympathisierte, in einem Nachtclub in Orlando mit mehreren Waffen um sich geschossen und dabei 49 Menschen getötet, 53 verletzt. Er selbst wurde von der Polizei erschossen. Es handelte sich um das folgenschwerste Attentat in den USA seit dem 11. September.

Am 14. Juli fuhr ein Attentäter mit einem LKW auf der „Promenade de Anglais“ in Nizza erst in eine Menschenmenge und dann auf der für den Verkehr gesperrten Strandpromenade etwa zwei Kilometer gezielt Menschen um. Daraufhin schoss er auf drei Polizisten, die das Feuer erwiderten und ihn töten. Es starben insgesamt 86 Menschen, 303 wurden zum Teil schwer verletzt. Unter den Opfern sind auch Schüler und eine Lehrerin einer Berliner Schule, die auf Klassenfahrt gewesen waren.

Nur vier Tage später, am 18. Juli, verletzte ein registrierter Flüchtling fünf Menschen mit einem Beil und einem Messer, vier davon schwer, in einer Regionalbahn bei Würzburg. Der Attentäter versuchte noch zu flüchten, 500 Meter vom Zug entfernt fanden ihn Polizisten. Als er diese ebenfalls angreifen wollte, erschossen sie ihn.

Am 23. Juli sprengten sich zwei Selbstmordattentäter in Kabul während einer Demonstration gegen den Bau einer Stromleitung in die Luft. Ein Dritter konnte noch rechtzeitig erschossen werden. Es starben insgesamt 80 Menschen, 230 wurden verletzt.
Am 24. Juli versuchte ein IS-Sympathisant auf das Gelände des Musikfestivals „Ansbach Open“ zu gelangen. Plan war wohl, die Bombe in seinem Rucksack auf dem Gelände zur Explosion zu bringen. Da er aber kein Ticket für das Festival hatte, wurde ihm der Zutritt verweigert. Kurz darauf explodierte der Sprengsatz, dem Chatprotokoll mit seinem Kontaktmann nach zu urteilen versehentlich, in einer Weinstube. 15 Menschen wurden verletzt, vier schwer und der Attentäter erlag seinen Verletzungen.

Das jüngste deutsche Attentat fand auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember statt. Der Attentäter erschoss einen polnischen Speditionsfahrer, stahl seinen LKW und fuhr mit jenem in eine Menschenmenge. Elf Besucher starben, 55 wurden verletzt, zum Teil lebensgefährlich. Der Attentäter floh daraufhin und kam bis nach Italien, wo er an einer Kontrolle das Feuer auf Polizisten eröffnete, die ihn daraufhin erschossen.

Am Neujahrstag 2017 drang ein Attentäter in einen Nachtclub in Istanbul ein und erschoss dort insgesamt 39 Personen. Der Attentäter entkam, ein Verdächtiger wurde zwei Wochen später festgenommen und gestand die Tat.

Am 22. Mai 2017 sprengte sich ein Selbstmordattentäter kurz nachdem Popstar „Ariana Grande“ ihr Konzert in Manchester beendet hatte, im Foyer der Manchester Arena in die Luft. Insgesamt starben 23 Personen, mehr als 120 wurden verletzt. Besonders perfide war dieser Anschlag aber, weil sich hauptsächlich Kinder und Jugendliche zu diesem Konzert eingefunden hatten. Zwölf der Verletzten waren jünger als 16, das jüngste Todesopfer war gerade mal acht Jahre alt.
Nur wenige Tage darauf, am 3. Juni, überfuhren drei Attentäter mit einem SUV Menschen auf der London Bridge. Drei Menschen starben. Kurz darauf rannten sie mit Messern auf einem nahe gelegenen Markt umher und erstachen fünf weitere Menschen, insgesamt wurden 48 verletzt.

Die neusten Anschläge fanden zwischen dem 16. und 18. August in Spanien statt. Am 16. August explodierte ein Wohnhaus, bei der eine Frau starb, die Polizei fand 20 Kanister mit Butan- und Propangas und bestätigte Verbindungen zum Anschlag in Barcelona am 17. August.
Am Nachmittag fuhr ein Lieferwagen auf der Promenade „Las Ramblas“, einer gut ein Kilometer langen, beliebten Flaniermeile durch eine Menschenmenge. Dabei wurden 15 Menschen getötet, 131 verletzt.
Am 18. August wurden in Cambrils, etwa 100 Kilometer südlich von Barcelona, fünf mutmaßliche Terroristen erschossen. Polizisten wurden auf ihr Fahrzeug aufmerksam, als sie versuchten, auf der Strandpromenade Passanten zu überfahren. Beim darauffolgenden Schusswechsel wurden alle Terroristen getötet, sechs Passanten und ein Polizist wurden verletzt.
Am selben Tag hatte ein Flüchtling aus Marokko in der finnischen Stadt Turku gezielt auf Frauen eingestochen. Zwei starben und acht weitere wurden verletzt. Es war der erste terroristische Anschlag in Finnland.

Dies sind natürlich bei weitem nicht alle Anschläge, die der IS für sich beansprucht, aber zumindest die wichtigsten und schwerwiegendsten.
Dabei ist die Frage, ob sich die Anschläge häufen, aber nicht so einfach zu klären. Denn Anschläge gab es immer, nicht nur in Amerika. Auch Europa wurde in den vergangen Jahren oft Opfer verschiedenster Anschläge.

Madrid 2004: Bomben explodierten in Pendlerzügen, 191 starben, 1500 wurden verletzt.
London 2005: Bomben explodierten in der U-Bahn und einem Bus. 56 starben, 700 Verletzte.
Moskau 2010: Zwei Attentäterinnen jagten Sprengsätze in U-Bahn-Stationen hoch. 37 starben, 70 wurden verletzt.
Moskau 2011: Im Flughafen Moskau Domodedowo sprengte sich ein Attentäter in die Luft. 37 starben, mindestens 100 wurden verletzt.

Und das sind nur die bekanntesten und größten Anschläge. Definitiv kann man sagen, dass, seit der IS versucht sich zu profilieren, sich Anschläge häufen. Allerdings steigt nicht nur das Anschlagsrisiko. Viele werden auch vereitelt, siehe zuletzt in Cambrils. Und wer weiß, wie viele Anschläge verhindert worden sind, von denen die Bevölkerung nichts mitbekommen soll, um keine Panik zu verursachen. Denn im Endeffekt ist genau das das Ziel der Terroristen: Panik. Davon leben al-Qaida und der IS. Sie schüren Angst vor Flüchtlingen, Regierungen und Religionen. Es ist ein Teufelskreis.

Um diesen zu unterbrechen, reicht es nicht einfach nur, den IS mit militärischen Mitteln zu bekämpfen. Flüchtlinge, die, um ihr Leben zu retten, zu uns gekommen sind zu vertreiben oder gar den Islam als Religion aus Deutschland zu verbannen, würde das Problem nicht lösen.

Der radikale Islam ist seit langem Teil unserer Gesellschaft. Dutzende Jugendliche sind von Deutschland aus nach Syrien gereist, um in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen. Vor allem junge Menschen, die auf Identitätssuche sind, sind extrem beeinflussbar und manipulierbar. Diese Orientierungslosigkeit, begleitet von Frustrationserfahrungen, sowie eine gewisse Gewaltbereitschaft der Jugendlichen, haben zur Folge, dass zahlreiche als IS-Kämpfer nach Syrien reisen. Der IS scheint den jungen Rekruten das Gefühl zu geben, etwas wert zu sein, er bietet ihnen einen scheinbaren Ausweg und fungiert als Ventil, um ihrer Frustration und Aggression Platz zu verschaffen. Die Religion ist hierbei nur Mittel zum Zweck und dient der Legitimation.

Es gibt viele Baustellen, die es zu beheben gilt, um dem radikalen Islamismus keinen weiteren Nährboden zu liefern, sondern vor allem jungen Menschen eine bessere Perspektive in unserer freien demokratischen Gesellschaft zu bieten.