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22.11.2018
Meister der Erinnerung

Am 05. Juli 2018 ist der französische Filmemacher und Schriftsteller Claude Lanzmann im Alter von 92 Jahren in Paris gestorben. Der Meister der Erinnerung, der sein Leben lang gegen das Vergessen gekämpft hat, verlässt die Bühne. Weltberühmt wurde der französische Jude durch sein Opus Magnum Shoah, ein Meilenstein der Filmgeschichte. Selten wurde die Filmgeschichte dermaßen revolutioniert. Shoah ist ein hebräisches Wort. Es bedeutet: großes Unheil, Katastrophe. Ein fast zehnstündiger Dokumentarfilm, der das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte aufarbeitet, den Holocaust. Claude Lanzmanns Filmwerk erzählt von Leben und den Tod in deutschen Konzentrationslagern.
Der 1925 in Paris geborene Claude Lanzmann wurde schon in jungem Alter mit Antisemitismus konfrontiert. Er musste mit ansehen, wie Mitschüler auf Grund des jüdischen Glaubens und ihrer Herkunft verprügelt und beschimpft wurden. Um seinerseits einer Tracht Prügel zu entgehen, leugnete er einmal seine jüdische Herkunft. Dies sollte das letzte Mal sein, schwor er sich damals. „Das hat mich sicher geprägt. Man muss nicht die jüdische Religion studieren, um tief in seinen Eingeweiden, ganz im Innersten, jüdisch zu sein.“ Lanzmann schloss sich im jungen Erwachsenenalter im besetzten Frankreich einer Jugendorganisation der französischen Kommunisten an und wurde Mitglied der Résistance. Mehrmals konnte er nur knapp den Razzien der Gestapo und somit dem Tod entkommen.
Nach dem Krieg studierte Lanzmann ab 1947 Philosophie in Tübingen und war 1948/49 an der Freien Universität Berlin als Lektor tätig. Als er nach Paris zurückkehrt, werden einige seiner Artikel über Das Leben hinter dem Eisernen Vorhang in der Tageszeitung Le Monde abgedruckt. Danach lud ihn Jean-Paul Sartre zu gemeinsamer Arbeit an Les Temps modernes, einer einflussreichen literarisch-politischen Zeitschrift, ein. Bis in die siebziger Jahre widmete sich Claude Lanzmann hauptsächlich seinem Journalistendasein sowie der Arbeit bei Les Temps modernes.
Danach befasste sich Lanzmann intensiv mit seiner Tätigkeit als Filmemacher. Sein erstes Werk Pourquoi Israel aus dem Jahr 1973 befasste sich mit seiner jüdischen Identität und der Existenzberechtigung des Staates Israel. Schon immer hatte er Israel gegen jeden und alles verteidigt. Premiere feierte der Film in New York einige Stunden vor Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges. Im Anschluss begann er an dem Dokumentarfilm Shoah zu arbeiten.
Fast zwölf Jahre lang dauerte es bis das filmische Meisterwerk vollendet war. Claude Lanzmann hat die Zeugen der Shoah aufgespürt und ihnen Fragen gestellt. Er wollte wissen, was sie erlebt, gesehen und gehört haben. Klar war von Anfang an- es ist nicht einfach über die Verbrechen zu sprechen. Etwa 350 Interviewstunden von Opfern und Tätern des Völkermords hat Claude Lanzmann aufgezeichnet. Unzählige Stunden verbrachte er im Schnittraum, um das fast Unmögliche und Aussichtslose zu schaffen. Oft konnten die Dreharbeiten nicht fortgesetzt werden, weil das Geld fehlte. „Ich wusste, dass ich an diesem Film lange arbeiten würde. Aber dass es dann zwölf Jahre wurden, das hätte ich nicht gedacht“, so Lanzmann. Mit versteckter Kamera und verstecktem Mikrofon sprach er mit KZ-Wächtern und denjenigen, die nicht mit ihm sprechen wollten. Keine leichte Aufgabe. Manchmal kam es sogar zu Angriffen der alten Täter. Die Arbeitsbedingungen waren alles andere als einfach.
Der Filmemacher selbst sieht sich jedoch nicht als Jäger der Nationalsozialisten. „Ich verstehe mich nicht als Nazi-Jäger, ich glaube nur an die Wichtigkeit ihrer Aussagen, man muss sie zum Sprechen bringen. Gearbeitet habe ich wie ein Archäologe und aus den Aussagen – da kann man noch viel lernen“. Die Aussagen, die Lanzmann so dringend braucht, um das Geschehene zu erzählen. Dabei benutzt er kein einziges Mal Archivmaterial. Dies tut der ganz bewusst nicht. Das einzige das er braucht, sind die Erinnerungen der Überlebenden. „Um zu erzählen, was sie gesehen und erlebt hatten, mussten die Leute den höchsten Preis bezahlen: revivre – nochmals erleben… Dies ist der Preis der Wahrheit. Und diese Freiheit wollte ich ergründen und weitergeben“, sagt Claude Lanzmann. Für ihn ist eine akkurate und wertfreie Beschreibung des Holocaust essentiell. So fragt er nach technischen Abläufen und Details in den Konzentrationslagern, nach der Witterung, nach konkreten Sachen. Einzig die Erinnerung zählt. Gefühle will er nicht zulassen, auch wenn dies meist sehr schwierig ist. In seinem Gespräch mit dem Henker des Konzentrationslagers Treblinka entgegnet ihm dieser: „Treblinka war ein zwar primitives, aber gut funktionierendes Fließband des Todes. Man war mit 3000 Menschen in zwei Stunden fertig.“ Claude Lanzmann sagte, dass es in all den Jahren, in denen er an Shoah gearbeitet hatte, seine eiserne Regel gewesen sei, nicht zu verstehen. Achtsam zu sein, Scheuklappen zu tragen und diese Blindheit selbst waren die Grundvoraussetzungen dafür, den Film drehen zu können, so Lanzmann. In diesem Fall heißt Blindheit klar sehen zu können. Blindheit als Scharfsichtigkeit – so beschreibt es der Filmemacher. Diese Scharfsichtigkeit erlaubt es ihm, das Geschehene festzuhalten ohne nach dem Warum zu fragen. Nach dem Warum fragen ergibt keinen Sinn. Die Gräueltaten des nationalsozialistischen Regimes kann man nicht begreifen. Lanzmann sieht sich in der Verantwortung der Überlieferung der Ereignisse. Und um eine wertfreie Überlieferung zu gewährleisten, darf es keinen Platz für die Frage nach dem Warum geben. „Die Überlieferung selbst ist die Erkenntnis“, so der Regisseur.
Die fast zehnstündige Dokumentation der Geschehnisse ist keine leichte Kost. Allerdings ist sie maßgeblich für die Erinnerungskultur. Das hat Lanzmann immer wieder betont. Zu Recht also gilt Shoah als die grundlegende filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust.
Wieso ist der Film so wichtig? So gab es doch nach dem Krieg unzählige Zeitzeugen, die bereits über die Grausamkeiten der Nazis in den Konzentrationslagern eindringlich berichtet hatten. Wieso wagte sich Lanzmann an dieses Mammutprojekt? Die langjährige Lebensgefährtin von Lanzmann, Simone de Beauvoir hat es mit den folgenden Worten beschrieben: „Doch wenn wir heute den außergewöhnlichen Film von Claude Lanzmann sehen, wird uns klar, dass wir nichts wussten. Trotz all unserer Kenntnisse war uns das grauenhafte Geschehen fremd geblieben. Jetzt erfahren wir es zum ersten Mal an uns selbst – in unseren Köpfen, in unseren Herzen, am eigenen Leib. Es wird zu unserer eigenen Erfahrung“. Diese Erfahrung lässt aus der Vergangenheit Gegenwart werden. Die Vergangenheit und Gegenwart sind eins. Diese Verschmelzung ist das Besondere an Lanzmanns epischen Meisterwerk Shoah. Das ist die Magie des Films.
2013 wurde Claude Lanzmann auf der Berlinale mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Werke von Claude Lanzmann:
1973: Warum Israel (Pourquoi Israël)
1985: Shoah (Shoah)
1994: Tsahal (Tsahal)
1997: Ein Lebender geht vorbei (Un vivant qui passe)
2001: Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr (Sobibor, 14 octobre 1943, 16 heures)
2010: Der Karski-Bericht (erschienen in der Claude-Lanzmann-Gesamtausgabe)
2013: Der letzte der Ungerechten (Le Dernier des injustes)
2017: Vier Schwestern (Les Quatre Sœurs)

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