Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

12.11.2018
Gedenken, Erinnern und die Demokratie aktiv verteidigen!

Anläss­lich des 80. Jah­res­ta­ges der Reichs­po­grom­nacht hat die Lan­des­me­di­en­an­stalt Saar­land am 9. Novem­ber 2018 zu einer Fach­ver­an­stal­tung ein­ge­la­den.

Uwe Con­radt, Direk­tor der LMS, zog in sei­ner Begrü­ßung eine direk­te Linie vom 9. Novem­ber 1938 zu Arti­kel 5 des Grund­ge­set­zes und damit zum Auf­ga­ben­ge­biet der LMS: „Mei­nungs­frei­heit, Presse‐ und Rund­funk­frei­heit sind Eck­pfei­ler der Demo­kra­tie. Sie sind Kern­be­stand­teil unse­rer Ver­fas­sungs­ord­nung und die­se ist eine Ant­wort auf die Dik­ta­tur des Natio­nal­so­zia­lis­mus und den Holo­caust. In die­sem Sin­ne ist der 9. Novem­ber für uns Mah­nung und Auf­trag für die Zukunft.“

Als Ein­füh­rung in das Tagungs­the­ma stell­te Dr. Jörg Ukrow, stellv. Direk­tor der LMS, den 9. Novem­ber 1938 in einen grö­ße­ren his­to­ri­schen Zusam­men­hang. Er skiz­zier­te die Geschich­te des Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land von Luther über die Zeit der Indus­tria­li­sie­rung bis in das 19. Jahr­hun­dert, als ras­sis­ti­scher Anti­se­mi­tis­mus im Kai­ser­reich „kul­tur­fä­hig“ wur­de. Schon damals sei die Pres­se Anfein­dun­gen aus­ge­setzt gewe­sen, weil sie angeb­lich den nega­ti­ven Ein­fluss des Juden­tums auf das Schick­sal der Deut­schen tabui­siert habe. „Damit und mit der anschlie­ßend bis weit in das Bür­ger­tum gepfleg­ten ‚Dolch­stoß­le­gen­de‘ ist ein direk­ter Bezug zu heu­ti­gen Angrif­fen auf die Pres­se­frei­heit und Ver­zer­rung der Wahr­neh­mung his­to­ri­scher Tat­sa­chen gege­ben“, so Ukrow. In der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus kön­ne man eine wei­te­re Ana­lo­gie zur heu­ti­gen Situa­ti­on dar­in erken­nen, dass schon damals von staat­li­cher Sei­te eine Fil­ter­bla­se geschaf­fen wur­de.

Dr. Hel­mut Albert, Lei­ter der Abtei­lung Ver­fas­sungs­schutz im Minis­te­ri­um für Inne­res, Bau­en und Sport des Saar­lan­des, behan­del­te in sei­nem Fach­vor­trag das The­ma „Rechts­ex­tre­mis­mus und Medi­en – Zwi­schen Fil­ter­bla­sen und Mobi­li­sie­rung zu Gewalt­ak­ten“. Die­se Pro­ble­ma­tik sei im Kreis der Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den der­zeit hoch­ak­tu­ell. Merk­ma­le von Rechts­ex­tre­mis­mus sei­en Natio­na­lis­mus, Ras­sis­mus und völ­ki­scher Kol­lek­ti­vis­mus, bei dem die Exis­tenz eines soge­nann­ten Volks­wil­lens behaup­tet wer­de.  Die­se Denk­wei­se sei bei 10 — 15 % der Bevöl­ke­rung ver­brei­tet, wer­de aber erst dann zur Gefahr, wenn sie orga­ni­siert und gewalt­ori­en­tiert auf­tre­te. Hier kon­sta­tier­te Albert für das Jahr 2018 eine beson­ders besorg­nis­er­re­gen­de neue Ent­wick­lung: Bei den Demons­tra­tio­nen in Chem­nitz habe man eine ‚Ent­gren­zung des Rechts­ex­tre­mis­mus‘ beob­ach­tet. Maß­geb­lich für die Mobi­li­sie­rungs­fä­hig­keit unter­schied­li­cher rechts­ge­rich­te­ter Grup­pie­run­gen sei die Nut­zung sozia­ler Medi­en gewe­sen, so Albert. Als gefähr­lichs­te und pro­fes­sio­nells­te Orga­ni­sa­ti­on in die­sem Bereich bezeich­ne­te Albert die Iden­ti­tä­re Bewe­gung Deutsch­land (IBD). Mit ihren Bil­dern und Fil­men erreicht die IBD bei nur etwa 500 Mit­glie­dern über Twit­ter und You­tube regel­mä­ßig über 40.000 Nut­zer.

Juli­an Boll­höf­ner, Refe­rent für Rechts­ex­tre­mis­mus bei der Fach­stel­le Jugendschutz.net, behan­del­te in sei­nem Vor­trag „Anti­se­mi­tis­mus online als Her­aus­for­de­rung für den Jugend­me­di­en­schutz“. Anti­se­mi­tis­mus sei gesell­schaft­lich anschluss­fä­hig gewor­den, ins­be­son­de­re, wenn er indi­rekt geäu­ßert wer­de oder als Anti­zio­nis­mus auf­tre­te, stell­te Boll­höf­ner in sei­nen Recher­chen fest. In Ein­zel­bei­spie­len erläu­ter­te er Insze­nie­rungs­for­men und Wirk­me­cha­nis­men anti­se­mi­ti­scher Ange­bo­te sowie das zah­len­mä­ßi­ge Ver­hält­nis von Akteu­ren, Kom­men­ta­to­ren und Kon­su­men­ten von Hate Speech. Dem­nach stün­den einem Pro­zent Akteu­re nur neun Pro­zent Kom­men­ta­to­ren gegen­über, aber 90% Kon­su­men­ten. Des­halb, so Boll­höf­ner, sei es so wich­tig, Hass‐Postings nicht unwi­der­spro­chen zu las­sen.

Hate Speech – Umgang mit den nar­ra­ti­ven Stra­te­gi­en der ‚Neu­en Rech­ten‘“ war auch The­ma von Flo­ri­an Klein, ver­ant­wort­lich für den Bereich poli­ti­sche Bil­dung und Bera­tung beim Adolf‐Bender‐Zentrum e.V. In sei­ner medi­en­päd­ago­gi­schen Arbeit klärt er auf über nar­ra­ti­ve Stra­te­gi­en, Sprach‐ und Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter rech­ter Pro­pa­gan­da. Gän­gig sei­en vor allem die Nar­ra­ti­ve ‚Bedro­hung‘, ‚Unter­gang der Deut­schen‘, ‚Ver­schwö­rung‘, ‚Wider­stand‘ und ‚Opfer­si­tua­ti­on‘. An kon­kre­ten Bei­spie­len wur­den Stra­te­gi­en der ‚Neu­en Rech­ten‘ zur Ein­schüch­te­rung, Belei­di­gung, Des­in­for­ma­ti­on und Pro­pa­gan­da erläu­tert. Klein stell­te fest, dass die ‚Neue Rech­te‘ sub­ti­ler und gesell­schafts­fä­hi­ger als ihre Vor­läu­fer agiert, jedoch ideo­lo­gisch auf dem glei­chen völkisch‐nationalistischen und latent gewalt­be­rei­ten Boden steht.

Hin­wei­se zu Hate Speech, Anti­se­mi­tis­mus und ande­ren ras­sis­ti­schen Äuße­run­gen kön­nen an Jugendschutz.net, Programmbeschwerde.de oder an das Pro­jekt #Dop­pel­Ein­horn gemel­det wer­den.