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11.01.2018
Ein Bericht über Jugendarbeit im Saarland

Von Alisa Sterkel

Unsere Chilly-Reporterin unterhielt sich mit dem neugewählten Vorsitzenden des Landesjugendringes Saar, Tobias Wolfanger, über Probleme, Projekte und Perspektiven der Jugendarbeit im Saarland.

„Bildungspolitik kam beim Kanzler-Duell gar nicht zur Sprache“ oder „Jugendthemen wurden im Wahlkampf zu selten angesprochen.“ Solche und ähnliche Feststellungen konnten wir in der letzten Zeit vor der Bundestagswahl sowohl von den Politikern selbst als auch von Medien¬vertretern und aus der Bevölkerung hören. Minimaler Konsens, darauf konnte man sich einigen. Die Frage ist nur: Was folgern wir daraus? Was sollte eine neue Koalition in ihren ersten Amtshandlungen umsetzen?
Tobias Wolfanger, neu gewählter Vorsitzender des Landesjugendringes im Saarland, hätte da sofort einige konkrete Ideen zur Hand. Wolfanger ist 25 Jahre alt und arbeitet hauptberuflich beim DGB (Deutscher Gewerkschafts¬bund). Zum Landesjugendring kam er durch die Liebe zum Karneval, 2011 gründete er die Karnevalsjugend hier im Saarland mit. Bei Karneval denkt man normalerweise wohl nicht direkt an seriöse und fortschrittliche Jugendarbeit, sondern eher an Fastnachtsumzüge, Büttenreden und ausgefallene Kostüme, aber „zeitlich begrenzt ist nur das Feiern“, so Wolfanger. Die Karnevalsjugend umfasst über 170 Karnevalsvereine im Saarland und hat den ca. 12.000 Kindern und Jugendlichen ein breites Angebot zu bieten. Von Büttenrednerseminaren, in denen Rhetorik, Mimik und Gestik geschult werden, über Jugendleitercard-Schulungen (Juleica) mit Schwerpunkt Karneval. Das und vieles mehr findet über das gesamte Jahr verteilt statt und wird vom Vorstand, der ausschließlich aus Ehrenamtlichen besteht, organisiert. Mehr Unterstützung seitens der Politik wäre wünschenswert, doch seit der Gründung der Karnevalsjugend 2011 gab es im Saarland keine Anpassung der Jugend¬bildungsreferentenstellen, die das Land mit¬finanziert. Der neue Koalitionsvertrag beinhaltet nun endlich eine vom Landesjugendring schon länger geforderte Anpassung dieser Stellen. Ein großer Erfolg bleibt abzuwarten.

Über die Karnevalsjugend zum Landesjugendring
Nach zwei Jahren Engagement in der Karnevalsjugend bewarb sich Tobias Wolfanger 2013 zusätzlich erfolgreich um einen Posten im Vorstand des Landesjugendringes, welchem er seitdem angehört. Auf die Frage nach der Motivation für diese ehrenamtliche Arbeit antwortet er: „Ich sehe es als meine Berufung an, jugendpolitisch Themen zu setzen, denn Jugend hat eine kleine Lobby, beispielsweise im Vergleich zur Automobilindustrie oder zu den Senioren.“ Im Februar dieses Jahres wurde Wolfanger dann auf der einmal jährlich stattfindenden Vollversammlung des Landesjugendringes für zwei Jahre zum Vorsitzenden gewählt. Auf der Vollversammlung beraten und beschließen die 24 Mitgliedsverbände Positionen und Anträge für das bevorstehende Jahr. Neben der Vollversammlung gibt es aber auch noch die Hauptausschüsse, die vierteljährlich stattfinden und vor allem dazu dienen, sich über aktuelle Themen und Projekte auszutauschen.
In den Projekten des Landesjugendringes wird unter anderem die politische Teilhabe der Jugend gefördert. In der Zeit des Wahlkampfes für die Bundestagswahl waren sie daher mit dem „Wahl-o-Mat on Tour“ (ein Kooperationsangebot der Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes, der Arbeitskammer des Saarlandes und des Landesjugendringes) in Berufs- und Bildungszentren, Jugendclubs und Schulen unterwegs, um gemeinsam mit den Jugendlichen und Vertretern der Parteien über die verschiedenen Thesen des Wahl-O-Mats zu diskutieren. Dazu passt ihre Forderung der Herabsenkung des Wahlalters auf 16 Jahre und eine Änderung des Paragraphen 49a des kommunalen Selbstverwaltungsgesetz (KSVG), in dem bis jetzt Folgendes festgehalten ist: „Die Gemeinden können bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise beteiligen.“ Der Landesjugendring fordert eine verbindliche rechtliche Grundlage für die Einbeziehung der Jugendlichen. Dadurch würde diesen ermöglicht, eine Beteiligung an kommunalen Entscheidungen gegebenenfalls einzuklagen.
Des Weiteren fördert der Landesjugendring in seinen Verbänden Projekte gegen Rechtsextremismus, zum Beispiel als Unterstützer des Aktions¬bündnisses „Bunt statt Braun“ oder über die Mitwirkung an der Initiative „Demokratie? Ei Jo! JugendMischtAuf“, durch die das vielfältige soziale und demokratiestärkende Engagement der ehrenamtlichen Jugendarbeit noch stärker als bisher in die Öffentlichkeit gerückt sowie der Austausch der Akteure untereinander gefördert werden soll.
Das Thema Integration und gesellschaftliche Vielfalt ist dem Landesjugendring ebenfalls sehr wichtig. So gab es z.B. im September 2017 eine Fachtagung „Angekommen im Saarland“, bei der Ehrenamtliche Anregungen für die eigene Arbeit mit Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund bekommen konnten.
Dass der Landesjugendring die saarländische Jugend auf den ver¬schiedensten Ebenen hartnäckig vertritt, z.B. auch in direkten Gesprächen mit Landespolitikern, zeigt auch das Beispiel des Halberg Open Airs. In Zusammenarbeit mit den Jugendparteien wurde hier für einen Erhalt des Schülerfestivals gestritten, und das zeigte letztendlich auch Erfolg. Das Halberg Open Air-Nachfolge-Festival soll zukünftig nun in St. Wendel veranstaltet werden.

„Jugendverbände sind Werkstätten der Demokratie“
Finanziert wird der Landesjugendring durch eine institutionelle Förderung vom Land. Eine Erhöhung dieses Betrages, z.B. zur Finanzierung einer zusätzlichen Stelle, wäre allerdings eine große Entlastung, gerade auch für die hauptamtlichen Mitarbeiter, derzeit ein Geschäftsführer und eine Sachbearbeiterin. „Jugendverbände sind Werkstätten der Demokratie, du lernst in deinem Jugendverband schon früh, was Mitbestimmung heißt, im Gegensatz zur Schule“, so Tobias Wolfanger. Gerade, weil die Jugend¬verbände damit eine so wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft übernehmen, fordert Wolfanger dringend, dass mehr Geld auch für die Projekte bereitgestellt wird. Damit könnte beispielsweise der „Wahl-o-Mat on Tour“ institutionalisiert werden, damit „die Jugendlichen nicht nach der Zeit des Wahlkampfes wieder fünf Jahre keinen Politiker sehen.“

Wer jetzt neugierig geworden ist und sich weiter informieren und/oder engagieren möchte, sollte auf der Internetseite des Landesjugendringes (www.landesjugendring-saar.de) vorbeischauen oder das mehrmals jährlich erscheinende Magazin des Landesjugendringes „Info-aktuell“ durchlesen.

Infokasten:
Der Landesjugendring Saar e.V. ist die Arbeitsgemeinschaft von 24 Kinder- und Jugendverbänden im Saarland. Er ist anerkannter Träger der Jugendhilfe im Saarland und gemein¬nützig. Die Mitglieds-verbände sind konfessionell, gewerk-schaftlich, sozial, ökologisch oder musisch-kulturell orientiert. Aufgabe des Landes-jugendrings ist es, u.a. die gemeinsamen Interessen der Kinder- und Jugendverbände und ihrer Mitglieder in Politik und Gesellschaft zu vertreten und öffentlich zu machen.

Foto: Landesjugendring Saar e.V.