Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

24.08.2017
Teil II

©Filmfest München/Kurt Krieger

Chilly: Wie kam es dazu, dass du bereits 2003, vor deinem Studium, eine eigene Produktionsfirma „süsssauer Film“ gegründet hast?

Nico: Ich hatte ja vor dem Studium schon Filme gemacht und hielt es für nötig die unter einem Dach zu produzieren. Wenn man Filme macht hat man eigentlich automatisch eine Firma, steuerlich betrachtet und dann kann man der Sache gleich auch einen Namen geben. Das habe ich getan, weil ich den Namen auch so schön fand. Dieses „süß“ und dieses „sauer“ spiegelt genau das wieder, was Mockumentaries wiederspiegeln, diese zwei Seiten, dieses polarisierende zwischen zwei Polen stehen, auch das, was normale, konventionelle Filme haben, Drama und Komödie, Süßes und Saures. Deswegen fand ich den Namen perfekt und war glücklich, dass den in Deutschland noch niemand hatte.

Chilly: Wie schwer ist es denn als junger Filmemacher unabhängig zu produzieren?

Nico: Das ist nicht so einfach. Ich mag die Unabhängigkeit, möchte quasi nicht in Abhängigkeiten kommen, aber gleichzeitig weiß ich, dass man Filme nicht ohne Geld produzieren kann. Aber ich habe mich schon in meinem Studium damit auseinandergesetzt, dass man auch günstig Filme drehen kann,

Filme müsse nicht 200 Millionen kosten. Und dennoch wollen Leute bezahlt werden, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Und es ist mir schon wichtig, dass es in Zukunft auch diesen Weg einschlägt. Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Denn diese Unabhängigkeit hat den Vorteil, dass man schnell mit viel Energie einen Film machen kann. Wenn man Filme mit viel Geld macht, ist die Finanzierungsphase immer lange, manchmal sogar länger als ein Jahr. Und das verringert die Energie, die man für ein Projekt aufwendet. Man kann nicht länger als ein Jahr eine bestimmte Energie oben halten, weder künstlerisch noch menschlich glaube ich. Das ist der Hintergrund, warum ich gerne unabhängig Filme machen würde, das geht aber nicht, weil man Geld braucht. Deswegen ist das auf Dauer kein Prinzip was ich empfehle.

Chilly: Hast du zu deinen Filmen auch alle Drehbücher selbst geschrieben?

Nico: Bisher schon, ich war zumindest immer irgendwie am Drehbuch beteiligt. Ich wünsche mir aber auch, dass ich mal ein fremdes Drehbuch verfilmen darf.

v.l.n.r. Kai Wiesinger, Annette Frier, Peter Trabner. Copyright by Sandra Cavallaro

Chilly: Ist es nicht ein Vorteil Regisseur und Autor in Personalunion zu sein? Dann hat man ja schon beim Schreiben eine Inszenierung im Kopf.

Nico: Genau, es ist aber auch ein Problem, dass man nicht mehr frisch drauf gucken kann auf das, was man geschrieben hat, weil man keine Distanz hat. Ich glaube, dass es einfacher ist ein fremdes Drehbuch zu verfilmen, weil man relativ klar Potentiale sehen kann, sowohl Schwierigkeiten als auch gute Sachen. So kann man mit mehr Klarheit, strukturierter arbeiten und ist nicht verwirrt von eventuell eigenen Befindlichkeiten über sein eigenes Drehbuch.

Chilly: Was du ja auch öfters ausprobiert hast war über die Drehbuchvorlage hinaus am Set zu improvisieren. Wie viel wurde bei deinem neuen Kinofilm „Lucky Loser“ improvisiert?

Nico: „Lucky Loser“ hat ein ganz klassisches Drehbuch zur Grundlage mit ausgeschriebenen Dialogen, aber wir haben auch improvisiert, also jede Gelegenheit die sich dazu geboten hat versucht zu nutzen, mal in kleinerem und mal in größerem Maße. Aber der Film wurde so straff gedreht, dass wir nicht viele Gelegenheiten hatten, deswegen wurde viel vom Drehbuch umgesetzt. Hier und da gibt es improvisierte Dialogstellen, die kann ich aber nicht mehr genau nennen. Aber jeder der Schauspieler konnte Gelegenheiten und Freiheiten, die ich gegeben habe, jederzeit für sich und die Figur nutzen. „Lucky Loser“ ist definitiv anders als meine beiden vorherigen Spielfilme „Silvi“ und „Familienfieber“.

Chilly: Wie war es bei „Familienfieber“, deinem letzten Spielfilm?

Nico: Da gab es gar keine ausgeschriebenen Dialoge, nur drei Seiten an Text und dann haben wir spontan losgelegt zu drehen. Dadurch, dass jeder wusste was passiert, war dann auch grob klar, was jeder zu sagen hat, aber es ist natürlich ein großer Unterschied zu „Lucky Loser“, der auf einem 105 seitigem Drehbuch basiert.

Chilly: „Familienfieber“ wurde an nur sieben Tagen gedreht. Ist das nicht sehr knapp für einen gänzlich improvisierten Film? Da braucht man doch sicher viel Zeit zum Ausprobieren.

Nico: Ja, da gebe ich dir Recht. Dieser Film war aber nochmal sehr speziell, weil wir sozusagen ein Kammerspiel hatten, d.h. ein sehr kleines Team an einem Ort waren. So kann man viel effektiver Filmmaterial herstellen und ist viel flexibler, als bei einem Film wie „Lucky Loser“ mit wahnsinnig vielen Locations. „Familienfieber“ z.B. kann man selbstverständlich auch in zwei bis vier Wochen drehen, die sieben Tage waren damals eine Budget-Entscheidung. „Familienfieber“ war definitiv ein riesiger Ritt. Bei „Lucky Loser“ muss man alleine schon viel Zeit einplanen, um mit so einem großen Team zu einem anderen Motiv zu fahren. Das würde nie in sieben Tagen gehen.

Chilly: Mit „Familienfieber“ hast du ja 2014 den Max Ophüls Preis gewonnen. Inwieweit war dieser Preis besonders für dich und hat dir weiterverholfen?

Nico: Genau, das war genauer gesagt der Preis der saarländischen Ministerpräsidentin für die beste Uraufführung des Wettbewerbs, anicht der offizielle Max-Ophüls-Preis, bei dem spielt es nämlich keine Rolle, ob es eine Uraufführung ist. Das ist aber mittlerweile auch wieder geändert worden, was ich gutheiße.

Als Filmemacher ist es immer toll, wenn die Filme auf irgendeine Art gewürdigt werden, wenn man das schafft und das Glück dazu hat. Zu dieser Zeit war besonders, dass ich ein Jahr vor „Familienfieber“ noch „Silvi“ gedreht habe. Das kann man in dieser Schnelligkeit im normalen Markt eigentlich nicht schaffen, es sei denn zwei Projekte überlappen sich. Wenn man einen Film hat, der einen Preis gewinnt und ein Jahr später mit dem nächsten schon wieder einen, hat das natürlich einen großen Effekt darauf, wie man den Regisseur, der auch selber produziert hat, wahrnimmt. Das ist natürlich ein Vorteil, hat aber auch den Nachteil, dass man nonstop mit der Bearbeitung des Films zu tun hat, man hat gar keine Luft dazwischen und kann sich gar nicht auf ein anderes Projekt vorbereiten, geschweige denn Geld besorgen.

Weiter geht es morgen mit dem letzten Teil des Interviews ….