Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

05.01.2018
Chilly im Interview

Von Sandra Cavallaro und Sherina Wenzl

Am 3. November wurde in der Neuen Gebläsehalle Neunkirchen zum siebten Mal der Günter Rohrbach Filmpreis verliehen, den der Oberbürgermeister der Kreisstadt, Jürgen Fried, 2011 ins Leben gerufen hat. Sein Namensgeber, aus Neunkirchen stammend, zählt zu einem der bedeutendsten Kino- und Fernsehproduzenten Deutschlands. Zu Günter Rohrbachs bekanntesten Filmen gehören „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“. Auch dieses Jahr durfte Jürgen Fried den fast 90-jährigen Filmschaffenden persönlich begrüßen, zur Auszeichnung der fünf Finalistenfilme, die sich mit dem Thema „Arbeitswelt und Gesellschaft“ auseinandersetzen.

Den mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis vergab die fünfköpfige Jury unter dem Vorsitz von Nicolette Krebitz, die im vergangenen Jahr beim Günter Rohrbach Filmpreis für ihren Film „Wild“ ausgezeichnet wurde, an „Western“. Die Dramödie über das Leben deutscher Bauarbeiter in der bulgarischen Provinz wurde am anderen Ende von Europa mit einem großen Ensemble an nicht professionellen Darstellern in fremder Sprache gedreht.

Kameramann Bernhard Keller ist es gelungen eine besondere, naturalistische Bildgestaltung zu finden, für die er den Preis der Saarland Medien GmbH erhielt.
Als beste Darsteller wurden die Hauptdarsteller zweier improvisierter Komödien ausgezeichnet: Lana Cooper, die in „Beat Beat Heart“ mit Sehnsucht, Liebe und Beziehungen zu kämpfen hat und Andreas Lust, der in „Casting“ einen erfolglosen Schauspieler verkörpert, der einen Job als „Anspielpartner“ als Comeback nutzt.

Der Preis des Saarländischen Rundfunks ging an den deutschen Filmstar Herbert Knaup, der sich im Drama „Toter Winkel“ auf berührende und zugleich verstörende Weise der Frage nähert, ob sein Sohn ein rechtsradikaler Terrorist ist.

Für das beste Drehbuch der Erfolgskomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ wurde Simon Verhoeven ausgezeichnet. Hauptdarsteller Eric Kabongo nahm den Preis des Oberbürgermeisters stellvertretend für den Autor und Regisseur entgegen.

Vor der Verleihung trafen wir den Schauspieler zum Interview – auf Englisch, denn Deutsch spricht er genauso wenig wie seine Rolle. Eric selbst kam jedoch nicht als Flüchtling nach Europa, der gebürtige Kongolese ist mit 13 Jahren nach Belgien gezogen, weil seine Mutter einen Belgier geheiratet hat. Dort wurde er als Hip-Hop-Musiker unter dem Namen Krazy-E bekannt. Sein Filmdebut hatte er 2015 mit „Black“, wofür er einen Song schrieb, genauso wie für „Willkommen bei den Hartmanns“. Der nigerianische Flüchtling Diallo war seine erste große Rolle.

Chilly: Zu Beginn würde uns interessieren, wie deine Karriere begonnen hat. Wolltest du schon immer Schauspieler werden?

Eric: Es war auf jeden Fall schon immer ein Kindheitstraum. Aber bevor ich Schauspieler wurde, war ich eher für meine Musik bekannt. Mittlerweile habe ich Musik und Film kombiniert, aber zuerst kannten mich die Leute eher durch meine Musik. Das änderte sich 2014 mit der Dokumentation über mich „What about Eric“, die war mein Sprungbrett zum Film.

Chilly: Du bist ja in Kinshasa (Kongo) geboren, wann bist du denn nach Belgien gekommen?

Eric: Nach Belgien bin ich im Winter 1997 gezogen. Ich erinnere mich noch daran, wie kalt es war. (lacht) Bevor ich nach Belgien kam, dachte ich, dort ist es wie im Paradies, immer warm und alle Leute sind nett und lustig. Nach meiner Ankunft habe ich gemerkt, dass es in Europa richtig kalt ist und dass deutlich weniger gelacht wird, als ich es mir vorgestellt habe. Aber das ist normal, weil wir hier in einer stressigen Gesellschaft leben.

Chilly: Waren es diese Erfahrungen in Europa, die du in deiner Dokumentation ausdrücken wolltest?

Eric: Eigentlich nicht. Ich sehe das so: Als Schauspieler will man einfach Geschichten erzählen, gute Geschichten, die erzählt werden müssen. Es kommt nicht darauf an, wessen Story es ist, ob es meine eigene ist, oder die eines anderen oder eine fiktive.
„What about Eric“ kann man nicht als Autobiographie bezeichnen, aber die Doku spiegelt auf jeden Teil einen kleinen Teil meines Lebens wider.

Chilly: Ein Thema darin ist das Heimatgefühl. Wie stehst du dazu, wo fühlst du dich zu Hause?

Eric: Hättest du mir diese Frage vor fünf Jahren gestellt, hätte ich definitiv geantwortet: Afrika ist mein Zuhause. Aber heute weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr, wo genau mein Zuhause ist. Auf der einen Seite bin ich hier nur ein schwarzer Mann in einer weißen Gesellschaft. Wenn ich allerdings nach Afrika komme, spüre ich, dass ich auch nicht mehr ganz so wie die Leute dort bin. Eigentlich bin ich ein Europäer geworden, meine Verhaltensweisen und meine Art zu denken hat sich völlig verändert. Deshalb fühle ich mich heutzutage überall wo ich gerade bin zu Hause, egal wo auf der Welt.

Chilly: Was sagen deine Verwandten zu deiner Karriere und deinen Filmen?

Eric: Sie haben die Filme gesehen und sehr gemocht. Aber was meine Karriere betrifft, war es mir schon immer egal, was andere darüber denken. Am Anfang war es für meiner Mutter ziemlich schwer, mich als heranwachsenden Schauspieler oder Künstler zu akzeptieren, aber heute ist sie glaube ich sehr stolz.

Chilly: In welchem Alter hat man dir deine künstlerische Ader denn angemerkt, wann hast du mit deiner Musik begonnen?

Eric: Ich habe wirklich früh angefangen Musik zu machen, begonnen habe ich im Kirchenchor zu singen und als erstes Instrument habe ich Djembé gespielt, eine afrikanische Trommelart. Mit Rap-Musik bin ich dann in Europa in Kontakt gekommen und mit der Zeit hat sich daraus eine immer größere Leidenschaft entwickelt.

Chilly: Wie kam es dazu, dass du für den belgischen Film „Black“ den Soundtrack geschrieben hast?

Eric: Mein künstlerisches Verständnis ist Musik zu machen, um Leute zu berühren. Aber ich habe mir nie vorgenommen deswegen keine Musik für Filme zu machen und ich habe dieses Angebot gerne angenommen, es war eine gute Chance mich als Musiker auch der Film-Szene bekannt zu machen.

Chilly: Hattest du deine zweite Rolle dann 2013 in „Mannenharten“ einem niederländischen Remake des deutschen Films „Männerherzen“?

Eric: Das war eigentlich keine wirkliche Rolle, ich war nur ein Komparse und habe den Film danach nie gesehen. Also keine Ahnung, ob ich überhaupt mal kurz im Bild bin, oder ob sie mich rausgeschnitten haben.

Chilly: Bist du dann gar nicht durch „Mannenharten“ in Kontakt mit Simon Verhoeven gekommen, der Autor und Regisseur von dem Orginal „Männerherzen“ und jetzt auch von „Willkommen bei den Hartmanns“ gewesen ist?

Eric: Nein, der Kontakt entstand durch die Casterin Daniela Tolkien, sie hat mich durch „What about Eric“ und „Black“ entdeckt und zum Casting von „Willkommen bei den Hartmanns“ eingeladen.

Chilly: Kannst du dich noch erinnern, welche Szene aus „Willkommen bei den Hartmanns“ du beim Casting spielen musstest?

Eric: Ja sehr gut, eine Castingszene war das Vorstellungsgespräch von Diallo mit Herr und Frau Hartmann, wo ich sagen musste ich bin wegen Manuel Neuer nach Deutschland gekommen. (lacht)

Chilly: Kanntest du von den deutschen Schauspielern vorher schon jemanden? Gerade Senta Berger ist ja auch international bekannt.

Eric: Nein, es tut mir leid, ich kannte absolut gar niemanden. (lacht). Aber jetzt bin ich sehr glücklich darüber, all diese tollen Leute zu kennen.

Chilly: Wie hat die Kommunikation am Set funktioniert? Habt ihr euch auf Englisch, Französisch, oder Deutsch unterhalten?

Eric: Zum Glück spricht ja in Deutschland fast jeder Englisch. Das hat es mir leichter gemacht, weil mein Deutsch wirklich schlecht ist. Im Film klingt es ganz in Ordnung, weil ich zuvor gezielt für die Rolle ein Sprachtraining hatte, aber ich spreche die Sprache eigentlich nicht.

Chilly: Ist es dann nicht umso schwieriger einen Text in einer fremden Sprache zu lernen?

Eric: Zuerst muss ich sagen, dass ich Sprachen allgemein liebe! Ich lerne wirklich gerne neue Sprachen und der Spaß daran hat es mir auf jeden Fall erleichtert. Außerdem hatte ich einen sehr guten Coach. Es ist nicht selbstverständlich, dass dich jeder Coach auf den richtigen Weg vorbereitet. Mit der Kombination aus gutem Coaching und netten Kollegen, die mir geholfen haben, hat es dann einfach funktioniert. Ich hoffe mein nächster Film wird auf Chinesisch sein. (lacht)

Chilly: War bei deinen Szenen in „Willkommen bei den Hartmanns“ dann überhaupt Improvisation möglich?

Eric: Improvisation auf Deutsch wäre für mich nicht möglich. Daher musste ich mich sehr genau an das Drehbuch halten. Wenn der Regisseur der Meinung war, man könnte manches auf einen anderen Weg besser ausdrücken, hat er den Text manchmal geändert und mir dann erklärt. Irgendwie habe ich es dann so hinbekommen.

Chilly: Würdest du sagen, dass in Deutschland anders als in Belgien gedreht wird, sind dir Unterschiede aufgefallen?

Eric: Da Diallo meine erste große Rolle ist, hatte ich vorher keine große Dreh-Erfahrung in Belgien. Danach habe ich eine erste große Rolle in einem belgischen Film bekommen. Das deutsche Kino ist einfach größer und erhält mehr Aufmerksamkeit, die Studios, wie die Bavaria Filmstudios, wo wir einige Szenen gefilmt haben sind größer, es wird auf jeden Fall anders gearbeitet. Aber ich könnte nicht sagen wo ich lieber drehe.

Chilly: Fallen dir zum Schauspielern Komödien oder Dramen leichter?

Eigentlich habe ich mich nie als Comedy-Schauspieler gesehen und dieser Film ist ja auch nicht nur lustig, er hat einen ernsten Hintergrund und eine Botschaft. Ich habe meine Figur und ihre Geschichte sehr ernsthaft gespielt und daraus entsteht dann auch die ein oder andere komische, lustige Situation. Ob das für mich schwieriger ist als reines Drama kann ich nicht sagen. Für mich ist jede neue Rolle eine neue Herausforderung. Ich bin immer hungrig nach neuen Herausforderungen, etwas zu machen, was ich noch nie vorher gemacht habe.

Chilly: Welche neuen Projekte standen denn jetzt nach „Willkommen bei den Hartmanns“ schon an?

Eric: Ein Film, der nächstes Jahr schon rauskommt ist „Troisièmes noces“, eine Koproduktion aus Belgien, Luxembourg und Kanada. Momentan bereite ich mich auf den nächsten Dreh Ende dieses Jahres vor. Für 2018 sieht es wirklich gut aus, es werden einige Filme rauskommen und Drehs stehen auch an. Mal schauen, was noch so kommt.

Chilly: Du bist dieses Jahr auch viel mit den Hartmanns unterwegs gewesen, von einer Preisverleihung zur nächsten gereist. Wie fühlst du dich auf solchen Events?

Eric: Für mich ist es immer eine große Freude und Ehre zu solchen Verleihungen eingeladen zu werden, weil sie zeigen, dass deine Arbeit geschätzt und anerkannt wird. Das einzige Blöde ist, dass ich nicht viel vom Geschehen verstehe. Manchmal langweile ich mich einfach nur, wenn alles auf Deutsch ist, ohne Übersetzung denke ich mir immer: „ Mann, wann ist es endlich rum, damit ich nach Hause gehen kann?“ Aber es ist natürlich auch immer ein schönes Gefühl wieder in Deutschland zu sein.

Chilly: Heute nimmst du ja den Günter Rohrbach Preis für das beste Drehbuch stellvertretend für Simon Verhoeven entgegen und hältst sicher auch eine Laudatio auf ihn. Fällt es dir leichter solch eine Rede für jemanden vorzubereiten oder eine Dankesrede zu halten?

Eric: Ich finde, im Leben sollte man fähig sein zu geben und zu nehmen, das gehört für mich beides zusammen. Ich liebe es jemandem etwas zu überreichen und zu schenken und wenn ich selbst etwas bekomme sage ich auch nicht nein, sondern bin einfach dankbar.

Chilly: Was denkst du ist das Erfolgsgeheimnis von „Willkommen bei den Hartmanns“, weshalb dieser Film schon so viele Preise gewonnen hat?

Eric: Ich glaube das Geheimnis liegt im Drehbuch, weil es alles Wichtige beinhaltet: Die Art wie die Geschichte erzählt wird, die verschiedenen Themen und die verschiedenen Ansichten der Charaktere, die aufgegriffen werden. Dem Drehbuch merkt man sofort an, dass es ein besonderer Film ist und ich bin sehr glücklich darüber, dass die Zuschauer ihn so lieben.

Chilly: Hast du noch Kontakt zu deinen Hartmanns – Kollegen?

Eric: Ja, ich stehe mit fast jedem in Kontakt.

Chilly: Wirst du dann auch zur Bambi-Verleihung am 16. November in Berlin vor Ort sein?

Eric: Wahrscheinlich ja.

Chilly: Das war Eric auch und gemeinsam mit Simon Verhoeven, Florian David Fitz und Palina Rojinski konnte er den Bambi für den besten Film national entgegennehmen. Wir gratulieren, auch zum Günter Rohrbach Preis und freuen uns sehr den Hauptdarsteller aus „Willkommen bei den Hartmanns“ interviewt haben zu können! Das englische Original könnt ihr euch auf unserem Youtube-Kanal „Chilly Magazin) anschauen.

Fotos: Redaktion