Neue "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

09.06.2018
Wie die Karriere des Regisseurs in St. Ingbert begann|TEIL II

Von Sandra Cavallaro

Chilly: Jetzt war mit „Vielmachglas“ dein erster Spielfilm gleich ein Roadmovie. Sind solche Filme nach deinen Erfahrungen, auch aus anderen Produktionen, die aufwändigsten?
Florian: Es ist auf jeden Fall sehr kompliziert einen Road-Movie zu drehen. „Vielmachglas“ ist ja eigentlich ein Sommerfilm und es sieht im Film auch so aus als würde ständig die Sonne scheinen, es hat aber eigentlich nie die Sonne geschienen. Das Wetter war wirklich ein großes Problem, wir haben auch zweimal abbrechen müssen wegen Gewitter. Das sind natürlich alles Gegebenheiten, die einem nur bei einem Road-Movie widerfahren können, bei einem Kammerspiel in einem Studio ist man da natürlich wetterunabhängig. Wir haben eben auch versucht möglichst viele Szenen wetterunabhängig zu drehen, die Fahrten die man sieht mit dem Omnibus, oder Matthias und Jella im Auto, das sind alles Szenen, die wir im Studio gedreht haben. Das wird alles im Vorhinein überlegt, dreht man es auf echter Straße oder im Studio mit Hintergrund? Bei den Omas haben wir uns z.B. gegen die echte Straße entschieden, weil das viel komplizierter ist. Man muss die Straße sperren, wenn es heiß wird muss man den Bus kühlen können, dann darf die Kühlung aber nicht laufen, wenn gedreht wird, weil das zu laut ist. Dann hat man da alte Damen im Bus, denen das natürlich körperlich zu anstrengend wird, man muss irgendwie stoppen können um Getränke zu reichen. Deswegen haben wir uns da wirklich für’s Studio entschieden, das sieht mittlerweile durch die Rück- und Seitenprojektion und durch die Monitore, die man an die Scheiben stellt, ganz gut aus. Man sieht nicht, dass das im Studio ist, sondern hat wirklch das Gefühl die fahren durch’s Land.

Chilly: In welchen Städten außer Köln und Hamburg wurde denn noch gedreht?
Florian: Wir haben ja nur Förderung aus Nordrhein-Westfalen bekommen, deswegen war sicher, dass wir von den 28 Drehtagen 25 in NRW drehen müssen. Das ist so eine Regelung, die man von der Filmförderung aufgelegt bekommt und deshalb mussten wir ziemlich viele Locations um Köln suchen. Und da ist es halt auch so, dass man eingeschränkt ist auf die Fahrtzeit. Die Arbeitszeiten werden berechnet nach der Stadt wo hauptsächlich gedreht wird und das war bei uns Köln. D.h., je weiter man sich von Köln wegbewegt, desto mehr Arbeitszeit geht für die Fahrtzeit des Teams drauf. Damit nicht so viel Zeit für die Logistik verloren geht, hat man versucht möglichst viele Locations um Köln rum zu finden. Und wir waren überrascht, wie verschieden Köln wirken kann.
Der Marktplatz war z.B. in Wuppertal, das ist dann gerade noch in Ordnung von der Entfernung her, bei Gräfrath, einer ganz alten Stadt, in den haben wir uns total verliebt. Für den Wald, wo das Baumhaushotel stehen könnte, haben wir sehr lange gesucht, das ist dann digital reingesetzt worden, aber der Wald an sich ist schon fast in Rheinland-Pfalz. Diese alte Tankstelle, wo Marleen auf den LKW-Fahrer trifft, das ist so eine klassische Film-Tankstelle am Kölner Stadtrand, die ist sehr bekannt, so eine alte 60er Jahre Tankstelle ist sehr filmisch. Dann haben wir auch ganz in der Nähe meiner Filmhochschule gedreht, auf dem schönen Busbahnhof. Also wir haben schon schöne kleine Locations um Köln rum gefunden und die Straße, wo Marleen wohnt, das ist in Wuppertal gedreht. Das ist eine der wenigen Städte in NRW wo man noch so alte Häuserzüge hat, weil Wuppertal zum Glück im 2. Weltkrieg nicht so zerbombt wurde wie Köln. Das ist wirklich eine sehr filmische Stadt, die gerade für unseren märchenhaften Erzähllook sehr schön war.

Chilly: Wie weit im Vorhinein muss denn die Location-Planung beginnen?
Florian: Angefangen haben wir im März 2017, so drei Monate vor dem Dreh, erstmal mit Locations anfragen. Dafür gibt es einen Location-Scout, der dann z.B. nach Räumen sucht, wie sie im Drehbuch beschrieben sind. Hier brauchte man für das Haus der Familie Ruge das Esszimmer und vor allem das Zimmer von Marleen. In unserem Fall wurden die Innen- und Außenszenen auf zwei Orte aufgeteilt. Denn die Straße in Wuppertal hat uns sehr gut gefallen, aber die Häuser dort waren nicht perfekt, um darin zu drehen. Das sind solche Entscheidungen, die man bei der Location-Suche treffen muss. Sehr lange haben wir auch nach einem Motel gesucht, das ist ja auch ganz speziell mit der Karaoke-Bar, das haben wir dann in Wettmar gefunden.
Location-Suche ist schon etwas sehr Aufwändiges. Man muss viel rumfahren, um sich Sachen anzuschauen, die auf Fotos ganz schön aussehen, aber wenn man da hin kommt ist es oft anders, als man sich es vorstellt. Und wenn es dann passt, muss es aber auch noch logistisch machbar sein, man muss dort ein Team von 80 Leuten unter bekommen, man muss die Wagen für die Schauspieler, Kostüme, Maske und das Catering irgendwo hinstellen können. Es muss ja noch ein riesiger Fuhrpark an Autos in der Nähe untergebracht werden. So gibt es manchmal auch Drehorte, die sehr schön sind, die aber aus logistischen Gründen nicht machbar sind.
Chilly: Mit dem Drehbuchautor Finn Christoph Stroeks hast du ja schon während deinem Studium viel zusammengearbeitet. Habt ihr das Drehbuch zu „Vielmachglas“ gemeinsam geschrieben?
Florian: Wir haben das Buch zusammen entwickelt. 2016 habe ich bei ihm in Berlin dann auch gewohnt. Tagsüber habe ich am Set von Pantaleon-Produktionen gearbeitet, wofür ich die Making-Ofs gemacht habe und er hat in der Zeit schon geschrieben. Am nächsten Tag oder in der Nacht haben wir dann zusammen am Buch weitergearbeitet. So haben wir das Buch vorangetrieben und so entsteht dann auch eine Vision, für den Film, der rauskommen soll. Mit dieser ersten Fassung geht man dann in die Vorproduktion und versucht allen anderen, die an dem Film beteiligt sind diese Vision mitzugeben.

Chilly: Kam die inhaltliche Idee dann ganz von euch? Manchmal werden Autoren ja auch von der Produktionsfirma mit einem Projekt beauftragt.
Florian: Das Buch und die Idee, das kam alles von uns. Natürlich ist es so, wenn Warner Brothers als großer Verleih miteinsteigt, dass die das nochmal auf Herz und Nieren überprüfen. Für gewisse Stellen gibt es dann von deren Seite ein Feedback wie „Da glauben wir der Figur noch nicht ganz“, oder „Das ist uns noch nicht präzise genug“ und dann arbeitet man an dem Buch weiter. Viele Bemerkungen sind sehr hilfreich, weil man beim Schreiben ja auch ein bisschen den „Erstleserblick“ verliert. Manchmal ist man in der Geschichte so drinnen, dass man sich manche Fragen gar nicht mehr stellt, wie jemand, der das Buch frisch liest und manche Dinge gar nicht versteht. In solchen Fällen muss dann noch präzisiert werden, weil man den Zuschauer sonst nicht mitführen kann durch die Geschichte. Da wurden uns viele Tipps gegeben und auch neue Ideen, wovon wir manches eingearbeitet haben, bei manchem haben wir uns aber auch durchgesetzt und gesagt: „Wir würden das aber gerne weiterhin so erzählen, das gefällt uns so besser“, was uns dann auch zugestanden wurde.

Chilly: Wann beginnt denn dann die Schauspielersuche? Oder standen die Hauptrollen schon zu Beginn des Drehbuchs fest?
Florian: Matthias stand bereits fest, er hatte mir schon vor ein paar Jahren versprochen, dass er mitspielt, wenn ich meinen Debütfilm wirklich machen darf und wir so weit sind, was ich total cool von ihm fand. Es war aber immer klar, dass er nur eine Nebenrolle spielt, eine Hauptrolle wäre auch gar nicht möglich gewesen, weil er ja an andere Produktionen gebunden ist. Matthias ist natürlich über fast ein Jahr schon verplant. Bei uns konnte er auf jeden Fall mitmachen, weil er nur vier Drehtage hatte. So waren wir auch freier in der Planung.
Bei Jella war es so, dass sie das Buch gelesen hat und die Figur total spannend fand. Dann haben wir uns zwei Mal mit ihr getroffen und besprochen wie sie die Figur sieht und was sie aus ihrer Sicht als Schauspielerin gerne noch dazu geben würde. Dabei haben wir gemerkt, dass sie in genau die gleiche Richtung denkt wie wir und dem Produzenten gesagt, dass Jella Haase die perfekte Besetzung für uns ist. Nachdem sie feststand, haben wir dann nach allen weiteren Rollen gesucht. Schauspieler anfragen tut man immer erst, wenn das Drehbuch steht, damit die Schauspieler es lesen können. Die meisten entscheiden dann wirklich auch nach den Rollen. Juliane Köhler, in der Rolle der Mutter, ist ja z.B. auch eine ganz gestandene Schauspielerin. Sie hat im Vorhinein mit mir auch ein langes Gespräch geführt, wir haben uns mit der Familie auseinandergesetzt und sie hat dann auch sehr schnell zugesagt, weil ihr das Buch gefallen hat und sie auch mal mit Jella spielen wollte. Das war ein großes Glück für uns, so viele gute Schauspieler gewinnen zu können.

Chilly: Gab es für die anderen Rollen ein größeres Casting? …

Teil III des Interviews folgt morgen.

Foto: Warner Bros