Letzte "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

16.08.2018
Allein mit seiner Gitarre füllt er zweimal das Olympiastadion

Von Sandra Cavallaro

Vorfreude im Olympiapark! Pop-Superstar Ed Sheeran ist in München und Hunderte Fans trotzten am 29. und 30. Juli schon ab dem frühen Nachmittag der brütenden Hitze. Die ersten 500 Wartenden durften eine halbe Stunde vor den anderen Besuchern ins Olympiastadion, um sich die besten Plätze vor der Bühne zu sichern.
Nach den Auftritten von Jamie Lawson und Anne-Marie betrat Ed Sheeran um Punkt 20:45 Uhr die Bühne. Euphorie noch vor dem ersten Ton, der wie immer aus einer akustischen Gitarre kommt. Alles handgemacht und live gespielt. Allein durch die technische Vermehrung in seiner Loopstation am Boden, an die ein zweites Gesangsmikrofon angeschlossen ist, werden Hits und Balladen stark klingenden Songs. Um das zu unterstreichen, legt Sheeran mit rhythmischen Sounds vom Gitarrenkorpus, aber ohne doppelten Playback-Boden los. Magisch, wie entspannt und konzentriert er seine Pedale und Knöpfe mit den Füßen bedient. Sheeran hat alles im Griff. Er ist dort, wo er immer sein wollte, füllt weltweit Stadien, das Münchner Olympiastadion an zwei Abenden zweimal mit rund 120 000 Menschen.
Abgekürzt kann Ed Sheerans Erfolgs¬geschichte in 160 Millionen verkaufte Tonträger zusammengefasst werden. Der erste Durchbruch erfolgte, als sein -Debütalbum „+“ binnen drei Monaten zum historisch zweitmeistverkauften Album seiner britischen Heimat wurde. Mit dem dritten, aktuellen Album widersetzte sich der 27-jährige aus Framlingham, 170 Kilometer südwestlich von London, abermals dem Branchendiktat: Er veröffentlichte zwei Singles gleichzeitig und belegte damit in 35 Ländern gleich Platz eins und Platz zwei der Charts. Der Brite ist kein über die Nacht erfundener Star, sondern ein überlegter, durch harte Schule erprobter Musikarbeiter. Als der Erfolg ihn einholte, war er darauf vorbereitet. Er war für ihn die logische Folge jahrelangen Trainings: das Talent für perfekte Popmelodien seit dem 13. Lebensjahr an der Gitarre geschult, ab dem 17. Geburtstag als Straße- und Pubsänger gestählt. Einblick in die menschliche Seele und all ihre Abgründe gewonnen, woraus er seine Texte webte, Geschichten über die großen und kleinen Gefühle, die jedem Zuhörer vertraut sind. Als 2010 Schauspieler Jamie Foxx und Musikgröße Elton John auf Shee¬ran aufmerksam wurden, verhalfen sie ihm bloß zum Karriereschub, der vermutlich ohnehin bald gekommen wäre.
Sein verschmitztes, jungenhaftes Lächeln, sein Herumspringen auf der Bühne, das mit Tanz so gar nichts zu tun hat, seine Ansagen, die ihn so nahbar machen, wenn er von seinem Lampenfieber erzählt, den ersten Konzerten, seiner Liebe fürs deutsche Publikum… Alles an Ed Sheeran scheint echt zu sein und vor allem sympathisch. Vielleicht gerade, da er nicht dem herkömmlichen Popstar-Ideal entspricht und oberflächlich betrachtet eher wie der bunt tätowierte Klassenclown wirkt, der es mit viel Liedermacher-Fleiß vom Straßenmusiker zum Musikmillionär gebracht hat. Wie das gelingen konnte, erzählt sich beim Konzert im Olympiastadion in einem Smartphone-Lichtermeer wie von selbst: seine wirklich unglaublich starke Stimme – das sanfte „Tenerife Sea“ wird gerade in den Höhen zum reinen Genuss –, das souveräne Gitarrenspiel, die ideale Song-Folge, die kumpelhaften Ansagen. „Perfect“ – und live noch besser. Alles pur, alles happy oder gar noch „Happier“, mit „The A Team“ genauso wie mit dem folkig-mitreißenden „Galway Girl“. Es wird gesungen, gejubelt, vor Freude geweint. Sheeran wünscht sich Schreie, er bekommt sie. Er erbittet sich ein kollektives Armschwenken wie bei HipHop-Konzerten, auch das läuft – wie alles an diesem Sommermärchen-Abend.
„Wenn ihr den nicht kennt, könnte es sein, dass ihr auf dem falschen Konzert seid“, sagt der Sänger vor „Thinking Out Loud“ schmunzelnd und läutet das Finale ein. „Sing“, das letzte Stück nach gut anderthalb Stunden, wird so lange gesungen, bis Sheeran für Zugaben auf die Bühne zurückkehrt. Mit Regenbogenfahne und im Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft, mit dem Megahit „Shape of You“. Nun kommt, wie dann auch bei „You Need Me, I Don’t Need You“ doch noch Zusatzsound aus dem Off. Anders sind die Emotionen im Stadion wohl auch nicht mehr zu beherrschen. Ed Sheeran, der jede Menge Soul in der Stimme hat, rappt gekonnt, legt nach, feuert an. Wer braucht da noch ein finales Feuerwerk? Niemand.

Foto: Eva Rinaldi | wikipedia.de