Neue "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

22.09.2018
Oscar-Regisseur Jochen Alexander Freydank im Interview

Von Sandra Cavallaro

Chilly: In welchem Alter haben Sie Ihr Interesse für den Film entdeckt?

Jochen Alexander Freydank: Das war früh, so mit 8-10 Jahren. Zum Berufswunsch wurde es erst mit 15-16, glaube ich.
Chilly: Haben Sie in diesem Alter bereits eigene Kurzfilme produziert?
Jochen Alexander Freydank: Die kamen später. In meiner Kindheit und Jugend habe ich aber viel Theater gemacht.
Chilly: Wie kam es dazu, dass Sie bereits für Ihren ersten Kurzfilm eine eigene Produktionsfirma gegründet haben?
Jochen Alexander Freydank: Die Entscheidung selbst Filme zu produzieren ist eher aus der Not geboren. Nach 6 Ablehnungen an Filmhochschulen habe ich mich entschlossen, meine eigenen Sachen zu machen. Die Voraussetzung, um dafür Förderungen zu bekommen war, eine eigene Firma zu gründen – und da habe ich eben eine Firma gegründet. Dass ich mit dieser Firma später auch längere Filme mache, war damals nicht geplant. Und ich produziere auch nur „zur Not“ selbst.

Chilly: Einer Ihrer Kurzfilme, das Drama „Spielzeugland“, bekam viele internationale Preise und schließlich einen Oscar. Warum denken Sie, hat dieser Film international mehr Aufmerksamkeit bekommen als in Deutschland?
Freydank: „Spielzeugland“ hatte wirklich sehr schnell im Ausland Erfolg, vor dem Oscar hatte er ca. 40 internationale Preise bekommen. Parallel dazu hatten wir ihn auch immer wieder auf deutschen Festivals eingereicht, wo er jedoch meist abgelehnt wurde. Woran das liegt ist schwer zu sagen. Ich glaube, in Deutschland gibt es gerade bei Festivals einen eigenen Kunst- und Kulturbegriff und es werden viele Filme genommen, die eher noch unfertig sind, denen man noch helfen muss. „Spielzeugland“ war einfach schon so professionell und emotional und brauchte diese Hilfe nicht. Vielleicht sind deswegen die Nominierungen ein bisschen an Deutschland vorbei gegangen.
Chilly: Wie sind Sie Mitglied der für die Oscar-Verleihung zuständigen Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) geworden?
Freydank: Soweit ich weiß bekommen alle Oscar-Gewinner eine Einladung Mitglied zu werden, was ich natürlich gerne geworden bin. Und na klar, ich stimme auch mit ab. Wenn man selber erlebt hat, wie toll es für einen Film ist einen Oscar zu gewinnen und wie es das Leben verändern kann, hat man ein gewisses Verantwortungsgefühl dafür.
Chilly: Was schätzen Sie an großen internationalen Festivals und was an kleineren wie dem Filmfestival Max Ophüls Preis, was sie schon öfters besucht haben?
Freydank: Das Max Ophüls Festival war eins der ersten in Deutschland, das meine Kurzfilme akzeptiert und in den Wettbewerb genommen hat. Komischerweise war es auch bei meinen anderen Kurzfilmen so, dass ich mit ihnen z.B. in Italien oder Montreal war und die deutschen Festivals eher zurückhaltend waren. Mitunter liegt es bei Kurzfilm-Nominierungen auf Filmfesten auch daran, dass die Einreichungen von Filmhochschulen bevorzugt werden, da gibt es fast schon ein Zuteilungsprinzip. Gerade deswegen bin ich dem Max Ophüls Festival sehr dankbar dafür, dass damals auch freien Produktionen eine Chance geboten wurde. Das schöne an diesem Festival ist, das man einen guten Überblick über den deutschen Nachwuchs bekommt und im Vergleich zu den riesigen Festivals, kann man dort entspannter Kontakte knüpfen, die Leute sind weniger angestrengt und gehetzt. Deswegen sind mir die mittleren Festivals, wie der Max Ophüls Preis auch manchmal lieber.

Chilly: Wie kam es dazu, dass Sie Ihren ersten Tatort „Heimatfront“ 2010 im Saarland gedreht haben?
Freydank: Gregor Weber, einer der damaligen Tatort-Kommissare, hatte mich dem SR-Redakteur Christian Bauer vorgestellt. Damals gab es den Wunsch mit Regisseuren zusammenzuarbeiten, die noch nicht 30 Tatorte gemacht haben. Insofern waren wir auch schon vor meinem Oscar darüber im Gespräch und kurz nach meinem Oscar habe ich diesen Saarbrücker Tatort dann gedreht.
Chilly: War zum Zeitpunkt des Tatort-Drehs auch schon in Planung, dass der Film „Kafkas Der Bau“ im Saarland gedreht werden soll?
Freydank: „Kafkas Der Bau“ ist ein Projekt, an dem ich zu diesem Zeitpunkt bereits über 10 Jahre dran war, insofern war er damals schon im Gespräch. Aber der Film schien zuerst trotz Oscar fast unfinanzierbar. Daher bin ich sehr froh, den SR an meiner Seite gehabt zu haben, ohne diese Unterstützung hätte ich den Film nicht realisieren können. Er wurde dann auch zu 95% im Saarland gedreht, hauptsächlich in Göttelborn und auf dem Gelände der Völklinger Hütte.
Chilly: Sind Sie ein Fan von Kafkas Erzählungen und warum haben Sie „Der Bau“ zur Verfilmung ausgewählt?
Freydank: Dass ich mir gerade diese Erzählung ausgesucht habe liegt vielleicht daran, dass ich jemand bin, der gerne auch mal die dickeren Bretter bohrt und es sich nicht immer so einfach macht. Das ist eine Geschichte, die mich immer sehr fasziniert hat, die auch viele Aspekte beinhaltet, die für die heutige Zeit sehr aktuell sind. Und natürlich bin ich ein großer Kafka Fan.

Chilly: Warum haben Sie die Originalsprache Kafkas verwendet und was war die Herausforderung daran?
Freydank: Wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre der Film möglicherweise einfacher zu finanzieren gewesen. Ich habe das aber ganz bewusst so entschieden, denn Kafka funktioniert eben sehr über die Sprache und die Fantasie, die seine Sprache anregt. Diese Ebene wollte ich behalten und mich mit der Verwendung seiner Sprache auch vor Kafka verbeugen. Sie hat den Film sehr speziell gemacht. Es gibt Leute, die damit nicht so glücklich sind, aber es gibt auch Leute, die gerade das besonders faszinierend finden, so wie ich.
Chilly: Was haben Sie neben der Sprache von Kafkas Erzählung außerdem übernommen und was geändert?
Freydank: Die originale Geschichte handelt von einem Tier, insofern habe ich die Erzählung nicht nur in eine andere Zeit, sondern auch in ein anderes Umfeld übertragen. Geblieben sind vor allem die Idee und das Gefühl dieser Kafka-Welt. Die Original-Erzählung ist nicht verfilmbar, aber ich habe versucht, dafür eine heutige Entsprechung zu finden.
Chilly: Was macht den Film Ihrer Meinung nach aktuell?
Freydank: Der Film kam 2015 ins Kino, ein paar Wochen bevor das Wort „Flüchtlingskrise“ erfunden wurde. Damit kam er total in der richtigen Zeit, oder vielleicht sogar ein Hauch zu früh. Der Film handelt von Abgrenzung und Abschottung. Dazu hat der Film eine sehr eigene, wenn auch etwas surreale Bildsprache, womit er keine einfache Lösung bietet, sondern zum nachdenken anregt oder Fragen stellt.

Chilly: Im Mittelpunkt von Kafkas Erzählung steht ein eingebildetes Geräusch, von dem sich das Tier bedroht fühlt. Wie haben Sie dieses in die Geschichte eines Menschen übertragen?
Freydank: Das Geräusch ist etwas, was in seine Welt eindringt, und in der Erzählung sicher ein Symbol für dieses Eindringen. Auf dem langen Weg, im Kampf gegen dieses Geräusch, verändert sich bei meiner Verfilmung, stärker als in der Erzählung, die Welt des Hauptcharakters und der Hauptcharakter selbst. Axel Prahl hat dieser Rolle großartig gespielt. Es war eine tolle Zusammenarbeit mit ihm. Ich arbeite unglaublich gerne mit guten Schauspielern zusammen und das konnte ich hier. Alle, die dabei waren haben an diesen Film geglaubt und das hat mir viel Kraft gegeben und war irgendwie auch etwas ganz besonderes.
Chilly: Wie viel Postproduktion war nötig, um den Bau und dessen Zerstörung darzustellen und was haben die Drehorte geboten?
Freydank: Die Innenräume wurden durch sehr viel Set-Design kreiert, das Äußere des Baus durch CGI. Wir haben das Gebäude vor dem großen Förderturm in Göttelborn, wo gedreht wurde, digital hingebaut und auch digital verändert. Am Ende hatten wir 120 CGI – Einstellungen, was bei einem Film mit extrem knappem Budget, wo die Leute kaum die vollen Gagen bekommen haben, die Schauspieler fast gar nichts und ich selber sogar Bargeld reingesteckt habe und Schulden dafür gemacht habe, etwas sehr Besonderes ist.
Chilly: Wie lange haben Sie für das Drehbuch von „Kafkas Der Bau“ gebraucht?                                                                                                                                                                                                        Freydank: Über 10 Jahre. Ich habe immer wieder versucht einen Weg zu finden, wie man das Ganze in Form bringen kann, daher gab es unzählige Ansätze und Fassungen.

Chilly: Wie gelang es über so lange Zeit die Energie und die Vision für diese Geschichte beizubehalten?
Freydank: Ich war da sehr hartnäckig, habe ja auch andere Sachen zwischendurch gemacht, aber immer gehofft, dass das mein erster langer Film wird. Es ist dann nicht mein erster langer Film, aber mein erster Kinofilm geworden. Dass der Film dann unter anderem in Shanghai, in Busan, in Warschau auf A-Festivals lief war dann am Ende auch eine tolle Bestätigung, dass es sich gelohnt hat. Ich habe mich da sehr festgebissen und der Preis, den ich dafür bezahlt habe war sehr hoch. Deswegen bin ich im Nachhinein unglaublich froh, dass es den Film gibt. Es gibt auch einige Leute, die mir sagen, dass es DER Film für die heutige Zeit ist. Das macht einen schon ein bisschen stolz.
Chilly: Was sind für Sie die Vorteile und Nachteile daran Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion zu sein?
Freydank: Nur Regie zu führen ist ja schon ein sehr anspruchsvoller Job. Zum Doppeljob Drehbuchautor und Regisseur muss ich sagen, es gibt Stoffe, die will man einfach selber schreiben. Dafür ist es mitunter schwerer beim Inszenieren eines eigenen Buchs genügend Abstand zu gewinnen, was ich zum Glück immer geschafft habe. Die Konstellation selbst zu produzieren, Regie zu führen und das Buch zu schreiben ist ein Zustand, den man dauerhaft nicht durchhält, weil es drei Fulltime-Jobs sind. Buch und Regie geht, aber in Kombination mit Produktion, wie ich es bei „Kafkas Der Bau“ und bei „Spielzeugland“ hatte, ist es nicht erstrebenswert.

Chilly: Welche neuen Projekte, in welcher Funktion stehen für Sie als nächstes an?
Freydank: Als nächstes übernehme ich die Regie für einen TV-Film. Ich habe auch ein neues Drehbuch geschrieben, was wir gerade weiter entwickeln und finanzieren. Dann sind auch noch ein/zwei Serien im Gespräch, mal schauen wann, wo und ob diese gedreht werden.
Chilly: Vielen Dank für das ausführliche Interview!
„Kafkas Der Bau“ läuft in der Nacht von Sonntag, dem 23. September auf Montag, dem 24. September um 00:20 Uhr im Ersten.