Neue "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

16.06.2015
Die Renaissance des Prangers

Facebook, Twitter, YouTube, Instagram und anderen Social Media Sites haben die Möglichkeiten an Ereignissen oder dem Leben anderer teilzuhaben in einer vorher unvorstellbaren Weise verändert. Jederzeit können wir Fotos von neuen Autos, Nachwuchs und, besonders wichtig, auch vom Mittagessen unserer Freunde und Bekannten sehen und sogar kommentieren.

Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit stehen, haben diese Medien für sich entdeckt und posten Bilder, kommentieren Diskussion oder teilen Beiträge, um für sich selbst oder ihre Sache zu werben. Doch wer den Schritt in diese Öffentlichkeit wagt, geht auch ein nicht unerhebliches Risiko ein, Opfer von Beschimpfungen und gerade zu abartigen Hasstiraden zu werden.

Erst vor kurzem geriet die Ministerpräsidentin des Saarlandes Annegret Kramp-Karrenbauer ins Visier der „Internet Shamer“. Ihr Kommentar zur noch andauernden Diskussion über die vollständige Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften zur Ehe verursachte eine heftige Reaktion im Internet. Dabei hatte sie sich nicht einmal gegen die Gleichstellung ausgesprochen. Sie gab lediglich zu bedenken, dass wenn der gesellschaftlich geprägte Begriff der Ehe neu definiert würde und man sich dabei lediglich darauf berufe, dass es um eine Gemeinschaft zwischen zwei Liebenden, die eine lebenslange Verantwortung für einander eingehen handle, Problem auftauchen. Man müsse dann eben auch eine Diskussion führen, mit welcher Argumentation man die Ehe von gesellschaftlich nicht tolerierten Gemeinschaften zwischen nahen Verwandten oder gar Geschwistern abgrenzen kann.

Doch wer tagtäglich nur darauf warten, jemanden anprangern zu können, der die eigenen, selbstverständlich überlegenen Moralvorstellungen nicht zu einhundert Prozent teilt, für den spielen solche „Details“ keine Rolle. Aus der einfachen Feststellung dieses Problems wurde in der Interpretation der Shit-Stormer ein Degradierung und Gleichstellung der Lebenspartnerschaft Gleichgeschlechtlicher zu Polygamie und Inzest. Dem entsprechend lesen sich die Kommentare. Eine Anwältin postete gar ihre Strafanzeige gegen die Ministerpräsidentin wegen Beleidigung und verglich ihre Äußerung in selbiger ironischerweise mit Meinungsbildern, die aus den 1930 und 1940 Jahren bekannt wären. Interessant, wo sie doch versucht das Justizsystem unseres Staates zu nutzen, um die Meinung einer anderen Person strafrechtlich verfolgen zu lassen. Gott sei Dank gibt es aber in unseren Land eben keine Meinungspolizei!

Diese Art des Shitstorms ist, wenn auch höchst fragwürdig, allerdings noch verhältnismäßig harmlos. Zumindest im Vergleich zu manch anderen Kommentaren, die bei anderen Themen entstanden sind. Denn neben Leuten, die anderer Menschen Meinung diskreditieren und sie durch eine Art öffentliches Beschämen zur einer anderen Position nötigen wollen, hat das Internet auch noch Heftigeres zu bieten. Von Drohungen bis hin zu Gewaltfantasien findet man in „Social“ Media Netzwerke alles. Die scheinbare Distanz, die zu Opfern dieser Angriffe besteht – der Angreifer sitzt schließlich vor einem Bildschirm und steht nicht etwa vor einer Person – führt dabei bei manchen sogar zu einem Verhalten, dass moralische Abgründe offenbart.

Ein deutliches Beispiel hierfür ist der Fall von Sebastian Edathy, dem unterstellt wurde pornographisches Material von Kindern erworben zu haben. Als die Staatsanwaltschaft das Untersuchungsverfahren damals einstellte, kochten die Emotionen im Internet über. Während eine gewissen Entrüstung durchaus verständlich war, schließlich ging es bei dem Vorwurf um eine moralisch höchst verwerfliche Tat, schossen einige derart weit über das Ziel hinaus, dass es einem die Sprache verschlagen konnte. Eine Nutzerin hielt es sogar für angemessen, den Beschuldigten Stück für Stück mit einem Stumpfen Löffel zu entmannen. Diese Äußerung löste seltsamerweise keine Entrüstung aus, obwohl jedem gesunden Mensch, der zumindest einen gewissen Bezug zum Rechtsstaat hat, hier der Atem stocken sollte.

Mancher mag nun solche extremen Äußerungen als Einzelfälle abtun, die nun einmal zu Sozialen Netzwerken einfach dazu gehören. Doch dieses Verhalten offenbart ein systematisches Problem dieser Art von Medien. Menschen mit extremen Meinungen können sich hier leicht finden, um sich gegenseitig in ihrem Fehlverhalten zu bestärken. Ein Problem, das gesellschaftliche Beachtung verdient. Wie dringend zeigen die Ereignisse, die sich um den grausamen Mord an einem elfjährigen Mädchen in Emden im Jahr 2012 abspielten. Damals wurde ein 17-jähriger Verdächtiger verhaften. Die Wut über das, was dem kleinen Mädchen widerfahren war, war verständlicherweise groß, doch die Reaktion einiger Menschen erinnerte an die dunklesten Zeiten des Mittelalters. Auf die Verhaftung des Verdächtigen hin tauschten sich einige Menschen über Facebook aus. Auch der Aufruf „Aufstand! Alle zu den Bullen! Da stürmen wir! Lasst uns das Schwein tothauen!“ fand sich unter den Beiträgen, 33 Leute klickten „Gefällt mir“. Noch erschreckender: Die Menschen kamen tatsächlich und forderten die Auslieferung des Verdächtigen. Und als ob dieser Versuch von Lynchjustiz nicht schlimm genug wäre, der junge Mann in Untersuchungshaft war, wie sich später herausstellen sollte, unschuldig und hatte ein wasserdichtes Alibi.

Sicherlich ist der zuletzt geschilderte Fall ein trauriger Einzelfall und stellt eine deutlich andere Eskalationsstufe dar als die bisherigen Fälle, dennoch nehmen Diskussionen im Internet viel zu oft absolut inakzeptable Formen an. Hier muss viel getan werden und insgesamt ein Umdenken erreicht werden und im schlimmsten Fall muss auch der Staat öfter eingreifen, wenn durch Beleidigungen oder Drohungen die Grenzen der Legalität überschritten werden. Aber auch Nutzer können hier etwas erreichen, indem sie Menschen, die wie Hyänen über einzelne herfallen deren Meinung sie nicht teilen, in geeigneter Form und mit Anstand die Stirn bieten. So erkennt vielleicht auch der ein oder andere, dass sein Verhalten nicht gut geheißen wird, nur weil er vereinzelten Zustimmung von gleichgesinnten erhält.

1703 wurde der englische Schriftsteller Daniel Defoe, der mit seinem Roman Robinson Crusoe weltberühmt wurde, wegen seiner Kritik an der Anglikanische Kirche an den Pranger gestellt. Doch statt ihn mit Fallobst, faulen Eiern und Steinen zu bewerfen, entschieden sich die Bürger Londons für Blumen. Vielleicht hat unsere Gesellschaft seither trotz all der technischen Errungenschaften nicht nur Fortschritte gemacht.