Neue "Chilly" erschienen!

„Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächle, weil es so schön war.“ Mit diesen Worten des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez möchten wir uns verabschieden und euch für die langjährige Treue danken. Ab sofort findet ihr die neue Ausgabe des Chilly Magazins an vielen weiterführenden Schulen sowie an ausgewählten Orten im Saarland!

13.05.2015
Ein unterschätztes Problem

GewaltFussball01Im September 2013 startete der Saarländische Fußballverband die bundesweit beachtete Kampagne „Gewalt hat keine Klasse“. Prominentes Gesicht ist der Uchtelfanger Patrick Herrmann, der derzeit bei Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga spielt und auch schon für die Deutsche Nationalmannschaft nominiert wurde. Im vergangenen Jahr wurde die Kampagne unter dem Motto „Fäuste sind zum Jubeln da“ fortgesetzt. Mit der gezielten Öffentlichkeitsarbeit möchte der Saarländische Fußballverband auf ein Problem aufmerksam machen, das allzu oft verschwiegen wird: Gewalt im Amateurfußball.

Mal einen dummen Spruch gegen den Schiedsrichter, ein Schubser unter Spielern nach der Partie, alles ganz harmlos – aber in einigen Fällen kommt es zu Gewaltausbrüchen am Rande von Amateurspielen, die nicht zu unterschätzen sind. So beispielsweise im November 2014, die aktuelle Kampagne des Verbandes gegen Gewalt läuft gerade zwei Monate, als der FC Neuweiler und die Sportfreunde Saarbrücken aufeinander treffen. Ein Spiel in der Landesliga am ersten Advent. Es sieht so aus, als ob die Sportfreunde aus Saarbrücken das Spiel locker für sich entscheiden – man führt 4:2. Aber die Gastgeber kommen noch einmal zurück und gleichen zum 4:4 aus. Dann beginnt eine hecktische Schlussphase, in der das unfassbare geschieht: Nach einer strittigen Szene greifen zwei Spieler der Saarbrücker Mannschaft einen Akteur des Neuweiler Teams an und verletzten diesen schwer am Kehlkopf. Darauf folgt ein Rettungseinsatz mit anschließendem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft. Eigentlich ging es bei diesem Spiel um nichts, es endete aber fast in der Katastrophe. Dies ist nur ein Fall, der sich jederzeit auf den Hartplätzen der Republik wiederholen kann. Warum es zu Gewaltausbrüchen kommt, dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Einer ist, dass der Sport eine Art Stellvertreterrolle für soziale Rollenkonflikte eingenommen hat und man sich über Erfolg oder Misserfolg gesellschaftlich definiert. Verliert man, kann es zu Frust kommen, der sich in Einzelfällen in Gewaltausbrüchen äußert.

Noch gefährlicher kann es in Pokalspielen werden. Im Saarland wird der Lottopokal Saar – Saarlandpokal – vom Fußballverband ausgerichtet. Hier können „kleine“ Clubs „große“ ärgern. Ein Spiel entscheidet, ob man im Wettbewerb weiterkommt, vielleicht sogar den DFB-Pokal mit seinen attraktiven Geldprämien erreicht, oder eben nicht. Eine solche Partie fand am 11. März 2015 statt. Der Oberligist FC Hertha Wiesbach empfing an diesem denkwürdigen Abend den Regionalligisten und selbsternannte Nummer eins im Saarfußball, den 1. FC Saarbrücken. Über 1200 Zuschauer kamen ins Stadion des Dorfclubs und sorgten für eine stimmungsvolle Atmosphäre unter Flutlicht. Zunächst sah es so aus, als ob die Saarbrücker ohne Mühe das Spiel gewinnen können: Nach nur 13 Minuten ging man in Führung. Aber Wiesbach gelang der Ausgleich – durch Elfmeter. Eine Entscheidung, die vielen Fans des FCS nicht schmeckte. Aber zu diesem Zeitpunkt war noch alles offen. Die Saarbrücker hatten noch 70 Minuten Zeit, um das Spiel in der regulären Spielzeit zu gewinnen. Aber die Profis bissen sich am geschickten Defensivspiel der Gastgeber die Zähne aus und es ging in die Verlängerung. Und es kam wie es kommen musste: Ein Elfmeter, der objektiv nicht ganz unumstritten war, sorgte für die Entscheidung: Wiesbach nutzte den Strafstoß, um in Führung zu gehen und gewann das Pokalspiel mit 2:1. Die Fans des Amateurclubs waren außer sich, leider auch einige des 1. FC Saarbrücken. Nach Abpfiff eskalierte die Situation. Mehrere gewaltbereite Fans des Hauptstadtclubs stürmten den Platz, um ihrem Unmut Luft zu machen. Dabei wurde das Schiedsrichtergespann bedroht. Ein Linienrichter wurde im Zuge der Auseinandersetzung von einem Wurfgeschoss getroffen und musste schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden – Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma. Weiterhin wurden drei Polizisten leicht verletzt. Letztlich setzte die Staatsgewalt sogar Polizeihunde ein, um die aufgebrachten Gästefans in Schach zu halten. Dieser Abend war wohl der traurige Höhepunkt von einer Reihe von Vorfällen im Saarland in der letzten Zeit. Deshalb reagierte der Saarländische Fußballverband deutlich auf die Vorkommnisse in Wiesbach und schloss den 1. FC Saarbrücken von der Pokalrunde 2015/2016 aus. Diese Strafe bedeutet für den Verein, der in der letzten Zeit auch mit internen Querelen zu kämpfen hat, einen erheblichen Imageverlust. Aber die Verantwortlichen Verbandsfunktionäre wollten mit dem Urteil ein unmissverständliches Zeichen gegen Gewalt im Fußball setzen und dies ist ihnen, wie die Reaktionen erkennen lassen, gelungen.

Das Problem „Gewalt im Amateurfußball“ ist ein schwieriges. Die große Mehrzahl der Spiele läuft gewaltfrei ab. Auch sind die überwiegende Anzahl der Fans, wie beispielsweise des 1. FC Saarbrücken, friedliche Anhänger des Sports. Aber eine kleine Minderheit schafft es immer wieder, den Fußball ins falsche Licht zu rücken. Dieser Minderheit kann man mit rationalen Argumenten in der Regel nicht überzeugen. Hier helfen meist nur harte Strafen. Eine solche hat der Saarländische Fußballverband mit der Pokalsperre gegen den 1. FC Saarbrücken gewählt – ein konsequenter Schritt aus Sicht der friedlichen Fußballfans und der beteiligten Vereine.

Infos im Internet: www.saar-fv.de

Foto: Saarländischer Fußballverband