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 Eine Betrachtung
Träume sind Schäume?
Kathi Wenz (16. Januar 2008)
Balu der Bär tanzte unter Palmen und sang „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“, bis ihm ein besonders vorwitziger Affe eine Kokosnuss an den Kopf warf, wo sie mit einem dumpfen Geräusch abprallte. Balu reagiert mit einem lauten, wütenden „Autsch!“
King Louis kam vorbei und fing an, sich mit Balu darüber zu streiten, wer von beiden in „Das Dschungelbuch“ den besseren Song hatte. Mir persönlich hatte der von King Louis immer besser gefallen, aber der Text von „Probiers mal mit Gemütlichkeit“ hatte Louis’ einiges voraus. Natürlich wollte ich mich nicht einmischen. Aber dann war plötzlich Onkel Vernon da, mitten im Dschungel, mit seinem krebsroten Gesicht und dem riesigen Schnauzbart. Erschrocken wich ich zurück. Ich erwog noch kurz, ihn vor den gemeinen kleinen Affen mit ihren Kokosnüssen zu warnen, ließ es dann aber bleiben. „Warum magst du keine Bananen?“, fragte Onkel Vernon, dessen massige Gestalt sich hoch vor mir auftürmte. Ich schluckte schwer. „Aber ich mag Bananen doch!“, rief ich panisch, während das runde, rote Gesicht immer näher zu rücken schien.
In diesem Moment wachte ich glücklicherweise auf, sodass mir Weiteres erspart blieb. Nur ein Traum, nur ein Traum, ein Erzeugnis meiner zugegebenermaßen lebhaften Fantasie kombiniert mit dem „Dschungelbuch“ auf Video in Kindheitstagen und einer Abneigung gegenüber Harry Potters dickem Onkel. Im Nachhinein, als ich müde im Bett lag und die Morgensonne auf mein Gesicht scheinen ließ, fand ich das Ganze sogar lustig. Mein Traum vom Dschungelbuch und Onkel Vernon hatte keine große Bedeutung; man kann kaum eine hellseherische Botschaft für die Zukunft daraus ableiten, er verleiht keinen Aufschluss über mein persönliches seelisches Wohlbefinden - abgesehen von dem humoristischen Wert der Geschichte also belanglos.
Im Gegensatz dazu scheinen andere Menschen Träume von recht großer Bedeutung gehabt zu haben. August von Kerkule soll beispielsweise von einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, geträumt haben. Dadurch fand er dann die Lösung für den ringförmigen Aufbau des Benzolringes. Das alte deutsche Sprichwort „Träume sind Schäume“ muss also doch nicht so offensichtlich wahr sein, wie man annehmen würde. In diesem Fall war der Traum ein Benzolring. Elias Howe, ein amerikanischer Baumwollfabrikant, entwickelte in der zweiten Hälfte des 19. Jhr. die mechanische Nähmaschine. Er hatte einen Albtraum, in dem er von Kannibalen verfolgt wurde. Trotz seiner Angst entdeckte der Gejagte das kleine Loch in der Speerspitze jedes Kannibalen, was ihn am Morgen auf die Idee brachte, den Faden durch ein Öhr in der Nadel der Nähmaschine zu fädeln. Seine Erfindung machte ihn später zum Multimillionär. Doch auch Künstler ließen sich immer wieder durch Träume inspirieren. So der katalanische Maler Salvador Dalí, mit seinen Sinnestäuschungen, Gemälden von Wüsten und zerfließenden Uhren einer der wichtigsten Vertreter des Surrealismus. Paul McCartney erinnerte sich an die Melodie von „Yesterday“ als er aus einem Traum erwachte und konnte kaum glauben, dass es dieses Lied noch nicht gab.
In der Religion spielen Träume ebenfalls mitunter eine recht bedeutsame Rolle. Nicht nur bei verschiedenen Stämmen, die Trauminkubationen praktizieren, in denen versucht wird, in Träumen die Zukunft voraus zu deuten, sondern auch im Christentum und Islam. Eine Geschichte in der Bibel erzählt vom Hirten Josef, der von sieben armen und sieben reichen Jahren träumte. Träume bestimmten auch das Handeln Abrahams und seines Sohnes Isaak; Jakob erblickte auf seiner Flucht die Himmelsleiter, einen Auf- und Abstieg zwischen Himmel und Erde. Die Vorstellung, dass ein Mensch in seinen Träumen die Zukunft oder Übersinnliches erblicken kann, ist in vielen Kulturen verwurzelt. Im alten Griechenland befragten Menschen eine Priesterin des Orakels in Delphi, die Pythia, nach der Deutung ihrer Träume. Angeblich wurde die Pythia durch aus der Erde aufsteigende Dämpfe in eine Trance versetzt, sodass sie die Zukunft weissagen konnte.
Heute werden Träume in der Psychologie, aber auch in der N Euro logie, der modernen Hirnforschung, erforscht. Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, ging als Erster davon aus, dass Träume die eigene psychische Leistung des Träumers sind, also eben nicht durch irgendeine höhere Macht, Stimme etc. bewirkt. Für ihn war der Traum somit der „Königsweg“ zum Unterbewusstsein des Menschen, da sich im Traum unsere bewussten und unterbewussten Wünsche zeigen. So schieb er: „Träume entspringen wesentlich seelischen Anregungen und stellen Äußerungen seelischer Kräfte dar, die tagsüber an ihrer freien Entfaltung behindert sind.“ Im Traum werden die meist unterdrückten Wünsche des Menschen erfüllt, ohne dass der Träumer davon aufwacht. Dadurch kann der Mensch seine Wünsche dann sozusagen im realen Leben in den Hintergrund schieben und sein seelisches Gleichgewicht wahren. Die Traumdeutung wurde für Freud zum wichtigsten Bestandteil der Psychoanalyse.
N Euro logen verknüpfen die Traumaktivität mit der sog. REM-Schlafphase. REM steht dabei für „Rapid Eye Movement“ und beschreibt eine Phase unseres Schlafes, in der sich besonders schnelle Augenbewegungen zeigen, der Rest des Körpers jedoch komplett gelähmt ist. Der Forscher Jerome Siegel schrieb in seiner Publikation „Funktions of REM-Sleep“ „Es ist schwer zu glauben, dass dieser physiologische Zustand nicht eine irgendwie geartete lebenswichtige Rolle spielt. Es gibt kein allgemeines Einverständnis unter Schlafforschern zur Funktion des REM-Schlafes.“
Der Südafrikanische Forscher Mark Solms bewies allerdings, dass wir auch in Nicht-REM-Schlafphasen (NREM) träumen. Im REM-Schlaf erleben wir jedoch vermehrt Klarträume, das heißt Träume, in denen sich der Träumende bewusst ist, sich in einem Traum zu befinden und seine Handlungen Steuer n kann. Dabei wurde durch verschiedene Experimente mit Klarträumern bewiesen, dass die tatsächlich ausgeführten Augenbewegungen des Schlafenden mit denen im Traum zusammenhängen. Der Schlafende also kann über die Augenbewegungen mit Außenstehenden „kommunizieren“. Weckt man außerdem Schlafende gezielt auf, während sie sich im REM-Schlaf befinden, so können sich 80% der Befragten lebhaft an einen Traum erinnern.
Mark Solms versucht auf dem Gebiet der Traumforschung, N Euro logie und Psychoanalyse zum kombinieren, obwohl die Psychologie „für viele Hirnforscher etwas Ähnliches wie Kaffeesatzlesen ist“. Ihm zufolge sind im Traum nämlich die Hirnregionen aktiv, die für Wünsche und Bedürfnisse zuständig sind. Das bedeutet, dass Freud möglicherweise doch Recht hatte und die Träume eine wichtige Funktion erfüllen, anstatt nur ein Nebenprodukt des REM-Schlafs zu sein. Durch diese neuen Ideen entsteht nun eine ganz neue Forschungsrichtung – die N Euro psychoanalyse. Im Interview mit „Gehirn und Geist“ beschrieb Solms diese Kombination scherzhaft mit dem Beispiel des Elefanten, der von drei Blinden ertastet wird: „Der eine schnappt sich den Rüssel und glaubt, ein Elefant müsse ein schlankes, biegsames Tier sein. Der nächste ertastet die Ohren und hält ihn für ein flatterhaftes Wesen; der dritte am Bauch des Tiers kommt zu dem Schluss, es sei kugelrund. Erst wenn sich alle miteinander unterhalten und ihre jeweiligen Beobachtungen zusammenfügen, kommen sie zu einem halbwegs realistischen Bild.“
N Euro wissenschaften und Psychoanalyse versuchen also auf verschiedene Weise zu erfassen, was genau Träume sind und was sie für den Menschen bedeuten und nähern sich der Sache dabei von völlig unterschiedlichen Standpunkten: Während die Hirnforscher beobachten, was in den Schlafphasen geschieht und daraus Schlüsse ziehen, befragen Psychoanalytiker die Menschen nach ihren subjektiv erfahrenen Erlebnissen im Traum. Solms zufolge kann man nur zu einem Ergebnis kommen, wenn die beiden Wege kombiniert werden.
Was genau Träume für uns bedeuten, weiß man jedoch noch nicht und unsicher ist, ob man sie je ganz ergründen kann. Ganz abgesehen davon stellt sich die Frage, ob das überhaupt so wünschenswert wäre. Will ich wirklich wissen, warum als Kind ich von einer Frau, die aus einem brennenden Haus kletterte, träumte, oder wie Onkel Vernon in den Dschungel kam? Manche Dinge sollte man vielleicht doch besser in der Dunkelheit der Nacht ruhen lassen, sodass man sie getrost vergessen kann, wenn der Morgen graut.



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