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Hmmm, ist die Pizza lecker! So viel Käse… Und die Salami erst. Du verpasst was, weißt du?

So ähnlich geht es mir in letzter Zeit ständig. Fast immer, wenn ich in Gesellschaft esse und nicht bloß schlechte Laune und die Frage: „Wieso tust du dir das an?“ meine Tischbegleiter sind. Ich, der bekennende Fleisch-, Eier-, Milch- und Käseliebhaber beschloss aus einer Laune heraus, streng vegan zu leben. Mindestens eineinhalb Wochen lang. Meine Freunde indes scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, dieses Experiment für mich so schwer wie möglich zu machen.

Der Grund für den Versuch ist schnell erklärt: Ich möchte ausprobieren, ob man sich durch eine rein pflanzliche Ernährung besser fühlt. Körperlich und vom Gewissen her.

Zumindest für den Verzicht auf Fleisch gibt es mehr als genug Gründe. Einer davon ist der Umweltschutz: Die vereinten Nationen sprechen in ihrem Klimareport davon, dass die Viehwirtschaft schädlicher für das Klima ist, als der komplette Verkehrssektor mit Flugzeugen, Autos und Motorrädern. Ein Kilogramm Rindfleisch setzt in der Produktion bis zu 13 kg CO2 frei. Dazu wird, um Anbauflächen für Futtermittel und Weideland zu schaffen, massiv der südamerikanische Regenwald gerodet. Die betroffenen Flächen sind bereits heute um ein vielfaches größer als Deutschland.

Ein weiterer Grund zum Fleischverzicht ist ein sozialer: Durch Futtermittelimporte aus Entwicklungsländern fehlen dort wertvolle Grundnahrungsmittel. Laut Jean Mayer, einem Ernährungswissenschaftler der Universität Harvard, könnten durch eine Reduzierung der Fleischproduktion um zehn Prozent etwa 60 Millionen Menschen mit Getreide versorgt werden. Eine Hochrechnung des Vegetarierbundes Deutschlands ergibt, dass täglich etwa 25.000 Personen vor dem Hungertod bewahrt werden könnten – wenn jeder Mensch auf der Welt vegetarisch leben würde.

Die Fleischindustrie ist klimaschädlich und mitverantwortlich für den Hunger in armen Weltregionen. Der letzte große Grund, wieso man auf zu viel Fleisch verzichten sollte, ist der gesundheitliche: Fleisch ist oftmals mit Antibiotika und Hormonen versehen, die der Mensch beim Verzehr mit aufnimmt. Die Folgen davon und besonders die von gentechnisch verändertem Futtermittel lassen sich bisher nicht abschätzen. Selbst wenn das Fleisch unbelastet ist, begünstigt eine allzu fleischlastige Ernährung Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Bluthochdruck oder Diabetes mellitus.

Anreize zum Verzicht auf Fleisch gibt es also wirklich genug. Veganer gehen noch einen Schritt weiter und essen gar keine tierischen Nahrungsmittel, denn viele der Probleme von Fleischwirtschaft bleiben auch bei Produkten, für die Tiere nicht geschlachtet werden müssen. Die nicht artgerechte Massentierhaltung in Legebatterien sei hier nur ein Beispiel. Veganer essen dementsprechend auch keinen Fisch, keine Milchprodukte und keine Eier. Konsequenterweise werden ebenfalls keine Lederprodukte oder mit Tierversuchen erprobte Kosmetika gekauft.

Mein erster Schritt als Veganer führt mich daher nicht zum Kühlschrank, sondern an den Badschrank. Zum Glück bin ich ein Junge, muss also nur Rasiercreme, Shampoo, Tagescreme, Zahnpasta und Deo überprüfen. Nagellack, Schminke. Lippenstift, Shampoo zwei, drei, vier sowie diverse Spülungen und gefühlte 28 verschiedene Cremes/ Abdeckstifte/ Puder fallen Gott sei Dank weg. Aber zurück zum Thema.

Auf der Internetseite kosmetik-ohne-tierversuche.de von Peta lässt sich ganz einfach überprüfen, welche Produkte ohne Tierversuche entwickelt wurden. Nicht ein einziger meiner Körperpflegeartikel steht in der Liste. Für die allermeisten Kosmetikprodukte müssen Tiere sprichwörtlich als Versuchskaninchen herhalten, vor der Recherche war mir das völlig unklar. Als konsequenter Kurzzeit-Veganer brauche ich dringend neue Badartikel und der Kühlschrank muss auch bestückt werden. Also Stift und Zettel zücken, die Einkaufsliste wird etwas komplizierter und noch ist fast nichts veganes im Haus.

Was die nicht-tierischen Lebensmittel zu Anfang des Experiments betrifft: Etwas Marmelade und Bier. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich sonst nichts Veganes im Kühlschrank. Damit überstehe ich definitiv nicht die nächsten eineinhalb Wochen.

Im Supermarkt angekommen ist schnell klar, dass man als Veganer nicht Hunger leiden muss. Neben ohnehin pflanzlichen Produkten wie Reis, Kartoffeln, Hartweizennudeln, Gemüse, Obst und vielen weiteren Lebensmitteln gibt es auch veganen Ersatz für tierische Erzeugnisse. Diverse Käse- und Wurstalternativen lassen sich im Kühlregal finden, auf Soja- oder Tofubasis simuliert hier viel Chemie das Gefühl und den Geschmack von Käse und Wurst. Davon bin ich überhaupt nicht überzeugt. Zwar sind eineinhalb Wochen nicht genug, um auch nur ansatzweise alle Produkte zu probieren, doch die von mir getesteten Alternativen schmecken überhaupt nicht, sind recht teuer und ihre Zutatenliste ist viel zu lang.

Der Eindruck, dass vegane Ersatzprodukte weder gesund noch nachhaltig sind, wird durch den Marktcheck der Verbraucherzentrale Hamburg bestätigt. Von 20 getesteten Produkten gab es nur an zweien nichts zu bemängeln. Der Rest fiel durch übermäßigen Fettgehalt, erhöhte Mengen an ungesunden gesättigten Fettsäuren oder deutlich zu viel Salz auf. „Die Nachahmung von tierischen Produkten geht teilweise mit einem größeren Einsatz von Zusatzstoffen einher, sonst wären die Herstellung oder ein annehmbarer Geschmack in den meisten Fällen gar nicht möglich“, so ein Sprecher der Verbraucherzentrale.

Also beschließe ich, auf Ersatzprodukte zu verzichten, und nur noch Lebensmittel zu essen, die von Natur aus vegan sind. Zum Frühstück schmeckt zum Beispiel Brot mit veganem Aufstrich oder Getreidebrei mit Obst. Bei den Getränken muss man sich fast nicht einschränken, lediglich Milch fehlt. Also kippe ich in den morgendlichen Tee ab sofort Sojamilch. Die schmeckt wirklich gut, wenn auch ein wenig ungewohnt. Oftmals ist eine calciumhaltige Meeresalge zugesetzt, weswegen die Sojamilch einen leicht fischigen Beigeschmack hat. Eine sehr leckere Alternative dazu ist Soja-Reis-Drink, der schmeckt neutraler. Auf Milch zu verzichten ist im Gegensatz zu Käse wirklich einfach.

Mittags bietet sich für Studenten das Mensacafé der Universität an, dort gibt es jeden Tag ein veganes Gericht. Natürlich ist es schwierig, an Geschnetzeltem und Pudding zum Dessert vorbei zu gehen, besonders wenn das Ziel Reis mit Knoblauch-Pilz-Ragout ist. Aber man wird dort satt und meistens schmecken die veganen Gerichte sogar, Nudeln mit Gemüsesoße sind zum Beispiel super.

Abends koche ich oft, die Rezeptideen beziehe ich dabei aus dem Buch Campus Food – Vegane Studentenküche. Dort gibt es erstaunlich viele kreative und alltagstaugliche Gerichte, die vollkommen ohne tierische Produkte auskommen und dabei ziemlich gut schmecken.

Bisher funktioniert das Experiment viel besser als erwartet, sich vegan zu ernähren ist gar nicht so schlimm. Fleisch vermisse ich nur selten, einzig Käse fehlt wirklich. Was allerdings auffällt: Ich denke anfangs den ganzen Tag nur ans Essen. Für den Körper scheint die Umstellung erst einmal Stress zu bedeuten. Nach dem Motto: „Wieso kommt da kein anständiger Nachschub mehr?“ Doch bereits nach drei Tagen legt sich dieses unangenehme Gefühl. An der Befürchtung, dass mir etwas fehlt, scheint nichts dran zu sein. Gegner von rein pflanzlicher Ernährung behaupten oft, dass der Körper ohne Fleisch und Milchprodukte zu wenig Eiweiß aufnimmt. Tofu, Soja und Hülsenfrüchte reichen als Proteinquellen allerdings aus. Ich treibe sehr viel Sport und stelle in der Zeit des Experiments keinerlei Leistungseinbußen fest. Die Behauptung: „Von Salat schrumpft der Bizeps“ lässt sich wissenschaftlich sowieso nicht belegen. Ein erfahrener Veganer bestätigt mir, dass dem Körper auf lange Sicht lediglich das in Fleisch enthaltene Vitamin B12 und zu gewissen Teilen Calcium fehlt. Dafür gibt es Vitamintabletten. Eineinhalb Wochen übersteht man aber locker ohne Zusatzprodukte.

Um ein Fazit nach dem Versuch zu ziehen: Vegane Ernährung ist gar nicht so schlimm wie befürchtet, aber trotzdem nichts für mich. Käse, Milch, Eier und auch Fleisch wird es bei mir auch weiterhin auf dem Teller geben, mit gewissen Einschränkungen. Durch das Experiment wurde mein Essverhalten viel bewusster, mittlerweile steht insgesamt deutlich weniger, dafür besseres Fleisch aus ökologischer Landwirtschaft auf dem Speiseplan. Soweit wie möglich esse ich auch Eier, Milch und Käse mit Biosiegel. Dabei brauche ich kein schlechtes Gewissen zu haben. Meinem Verständnis nach ist es umweltbewusster und nachhaltiger, Fleisch, Eier und Milch vom Bio-Bauernhof aus der Region zu beziehen, als Tofu aus Asien hertransportieren zu lassen.

 

Bitte Infokasten mit Campus Food – Vegane Studentenküche.

Autoren: Anne Bühring und Kurt-Michael Westermann Systemed-Verlag ISBN 978-3-942772-21-1 16,99 Euro